Weimarer Reden 2012: Gesine Schwan plädiert für Engagement
Porträt
Über die Freude an Europa sprach Gesine Schwan bei der vierten und letzten der "Weimarer Reden 2012" - und begeisterte das Publikum im DNT Weimar mit ihrer Begeisterung. Foto: Maik Schuck
Gesine Schwan ist ein sichtbar fröhlicher Mensch. Der Professorin für Politikwissenschaft und ehemaligen Kandidatin der SPD für das Bundespräsidentenamt gelang es am Sonntagvormittag vor einem gut gefüllten Theater-Auditorium, mit einer clever strukturierten Rede, den Zuhörern klarzumachen, wie sie an der Europäischen Union dieselbe Freude haben können, wie sie Gesine Schwan selbst empfindet.
Weimar. Abgedroschen seien die ewigen Floskeln über die Sicherung des Friedens durch die Europäische Integration; gewichen sei die aus diesem Argument gewachsene Leidenschaft einem nüchternen Kalkül über die Vor- und Nachteile der EU, sagte sie. Integration, die vor Jahren von vielen als nötig und selbstverständlich betrachtet wurde, sei zunehmend einer Wettbewerbsmentalität zwischen den Staaten Europas gewichen. Nach außen hin wolle man zwar mit einer Stimme sprechen, praktiziere aber intern ein von der Wirtschaft dominiertes Nullsummenspiel um den besten Standort. Zudem sei der äußere Feind - die Bedrohung durch die Sowjetunion - gewichen. Da sei es kein Wunder, wenn Menschen für das Projekt Europa keine Leidenschaft oder Freude entwickelten - obwohl, wie sie betonte, Beethovens Vertonung der Schillerschen "Ode an die Freude" bereits 1986 zur Europahymne gemacht wurde.
Bürger müssen ran
Allein, Freude könne man niemandem vorschreiben, befand die bekennende Europäerin. Ein Teilschuld an einer Wandlung des Zeitgeistes gibt sie dabei auch der Politik: Weil sich deren Entscheider taktisch verhielten, werde häufig Kränkendes über Nachbarn gesagt und subtil auf Nationalismus gesetzt. Der komme nicht daher, dass die Menschen soviel Freude an ihrem eigenen Land hätten, sondern eher den anderen - etwa den Griechen - misstrauten. Denen könne man ihre Abneigung gegen Deutschland kaum verübeln, wenn Politiker hier quasi allem, was dort passiere, misstrauten.
Lösen lasse sich das Problem nur von den Bürgern selbst. Die müssten sich in Europa engagieren und Brücken schlagen zwischen Städten, Chören, Vereinen und anderen Organisationen. Gegenseitiges Kennenlernen von Sprachen, Perspektiven und Erfahrungen könne beitragen, an Europa Freude zu haben. Nötig sei zudem eine Bildung, die "uns für das Andere öffnet, das Andere zum Teil unserer selbst macht und uns befähigt, im Unterschiedenen das Gemeinsame zu suchen und den verbleibenen Unterschied doch anzuerkennen".Dann könne daraus Freude wachsen. Für diese Aufforderung zum Handeln applaudierten die Weimarer laut und ausdauernd. Gesine Schwan ging mit gutem Beispiel voran und freute sich sichtlich.