Forscher zum ungeliebten Schatz: Risiken beim Fracking beherrschbar
Porträt
Eine Förderanlage von unkonventionellem Erdgas im nordpolnischen Lebien. Im Norden Polens hat auch das amerikanisch-kanadische Unternehmen BNK Petroleum, das in Thüringen nach Gas suchen will, sich Abbaurechte gesichert und bereits einige Bohrungen niedergebracht, die laut jüngstem Geschäftsbericht auf hohe Ausbeute hoffen lassen. Foto: Andrzej.J. Gojke
Kein Märchen: Da ist noch Gas unterm Thüringer Becken, allerdings nur mit dem umstrittenen Fracking-Verfahren zu holen. Die Risiken, so der Jenaer Geowissenschaftler Reinhard Gaupp, sind beherrschbar.
Jena/Erfurt. Wird Thüringen das neue Gas-Land? Seit es im Februar offiziell wurde, dass der amerikanisch-kanadische Konzern BNK Petroleum sich weite Teile des Freistaats zur Suche nach unkonventionellen Erdgas gesichert hat, toben die Emotionen. Kritiker weisen auf Risiken des sogenannten Frackings hin, mit dem das in festen Gesteinsschichten gebundene Gas gelöst und gefördert werden soll. Bürgerinitiativen wollen die Gas-Schatzsucher stoppen, auch wenn längst nicht klar ist, wo sie ihr Bohrgerät aufstellen werden. Regierungsfraktionen und sogar der Umweltminister wollen den Kanadiern so lange Genehmigungen versagen, bis noch das letzte Restrisiko per Studie ausgeräumt ist. Wie sich die Zeiten wandeln: Im Frühling 1991 dröhnt schweres Bohrgerät in den Grund nahe Sprötau bei Sömmerda. Bis auf 1361 Meter geht die Bohrung Z 1 als Teil der Begutachtung Ostdeutschlands durch ein gemischtes Team des VEB-Nachfolgers Erdöl-Erdgas Gommern und der Exxon-Mobil-Tochter BEB. Gestartet bereits im 1. Halbjahr 1990, noch lange vor der Wiedervereinigung. Bis 1996 löchern die Experten den Untergrund der Ex-DDR, Störungen oder gar Proteste sind nicht überliefert. Den Beteiligten, so schreiben es einige der Schatzsucher später, wird der Such-Gang Ost "eines der spannendsten Erlebnisse im beruflichen Werdegang" bleiben. Solche Situationen, notieren sie, seien "wohl einmalig". Nur wirklich ergiebig sind die Bohrungen nicht. Obwohl die Kerne aus der "Muttergesteinsfazies 2" in rund 1330 Meter Tiefe die höchsten jemals für das Thüringer Becken gemessenen Bitumengehalte ausweisen, wird eine Förderung nicht einmal versucht. "Mit der damaligen Technologie und vor allem angesichts des noch niedrigen Preises für konventionell gefördertes Gas war es wohl nicht gewinnträchtig genug", urteilt Prof. Dr. Reinhard Gaupp, Dekan der Chemisch-Geowissenschaftlichen Fakultät der Uni Jena, ausgewiesener Experte für Petrologie und einer der wohl besten Kenner des Thüringer Untergrunds.
Eher magerer Gehalt an organischen Stoffen
Für ihn ist klar: Wenn es hierzulande Gas zu holen gibt, dann im festen Zechstein des Thüringer Beckens und also nur per Fracking. "Mit konventionellen Bohrungen ließen sich nur Lagerstätten in den porösen Strukturen im Plattformhang oder am Plattformrand erschließen", erläutert Gaupp. Standorte wie Sprötau also und damit nicht höffig genug. Aussichtsreicher ist nach Gaupps Einschätzung quasi der Boden des Thüringer Beckens, wo Hunderte Meter starke Salzschichten den einstigen Meeresgrund samt darin verfaulter Pflanzen und Tiere zu hochfestem Schwarzton gepresst und gleichzeitig das Aufsteigen von Gas verhindert haben. Gaupp tippt auf eine Karte im Laptop, wo Kreuze und Kreise auf geologisch gesicherte Anzeichen von Erdgas und -öl verweisen: Viele sind im Dreieck zwischen Artern, Querfurt und Sangerhausen versammelt, eine weitere Zunge schiebt sich nordwärts gen Börde und Harz-Vorland. Auch dort hat BNK die Claims abgesteckt. Wieviel unkonventionelles "shale gas" in Thüringen steckt, könnte Gaupp wohl zumindest gut schätzen, wenn deutlich mehr Bohrungsdaten vorlägen. So bleibt die einzige Angabe, zu der sich der Geologe bereitfindet, die durchschnittlich zwei Prozent organischen Gehalts im Zechstein des Thüringer Beckens. Anderswo, etwa in Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen, finden sich Lagerstätten mit mehrfach höheren Quoten. Andererseits: Ein schwacher Gehalt relativiert sich, wenn das Speichergestein dafür mächtig und ausgedehnt ist. Das trächtigste Feld in Thüringen indes wäre theoretisch bei Ronneburg. Im silurischen Schwarzton dort schnellt der organische Gehalt bis auf zehn, teils 15 Prozent. Hier aber schließen andere geologische Bedingungen eine Gas-Förderung aus. Zudem müssten Rückstände von Uran und anderen Radionukleiden sowie Schwermetallen aus dem Fracking-Lösungen wieder ausgezuwaschen werden- technisch zwar möglich, aber absehbar viel zu teuer.
Giftige Schwermetalle, radioaktives Material im zurück gepumpten Bohrwasser oder Methan, das erst ins Grundwasser steigt, um irgendwann aus dem Wasserhahn zu flammen- genau dies sind die Schreckensbilder, die von Kritikern des Frackings ins Feld geführt werden. "Geringe Methanmengen im tiefen Grundwasser sind ganz natürlich", erklärt Gaupp, "man findet sie überall, auch in Thüringen." Doch die Flamme aus dem Wasserhahn, wie sie im gern vorgeführten amerikanischen "Gasland"-Video auf so ziemlich allen Anti-Fracking-Websites zischt, ist im Freistaat de facto ausgeschlossen: Thüringens Trinkwasser stammt fast gänzlich aus Talsperren, der Rest aus flachen Quellen. Stichwort Bohr- und Rückförderwasser: In Deutschland sind nach Einschätzung Gaupps die Vorschriften sowohl für das Abteufen von Bohrungen wie auch für das Lagern, Reinigen oder Wieder-Versenken des Bohrwassers so streng, dass rein technisch "maximal eine von tausend Bohrungen Probleme hat", urteilt der Petrologe. Eine andere Frage sei die nach Schlamperei, etwa beim Betonieren hinter der Bohrloch-Verrohrung - mit hoher Wahrscheinlichkeit eine der Ursachen für die Katastrophe von "Deepwater Horizon" vor dem Missisippi-Delta. "In Deutschland machen wir es zuverlässiger", findet Gaupp. Bei immerhin weit über 1000 Gasbohrungen sei bisher nichts passiert, auch wenn Fracking eingesetzt wurde wie etwa in Norddeutschland.
Experte: Erdstoß durch Fracking nicht mehr als ein Zittern im Wasserglas
Und die Gefahr von Erdstößen? Schließlich gibt es die Berichte etwa aus Baden-Württemberg, England oder Polen, wo auch seriöse Studien einen Zusammenhang zwischen Tiefengesteins-Knackerei und Erdbeben zumindest nicht ausschließen. "Genau dort, wo die Erschütterung des Frackings auf eine bereits vorhandene Spannung in den Schichten aufsetzte", erläutert Gaupp. Weshalb es in der Nähe geologischer Störungen wie etwa an Finne und Kyffhäuser ebenso keine Genehmigungen geben werde wie in seismisch aktiven Regionen wie dem Vogtland. Welche Stärke eine Fracking-Entladung an der Oberfläche darüber erreicht, lasse sich auf der üblichen Richter-Skala kaum ausdrücken. Gaupp stuppst an den Rand des Tischs, im Glas zittert das Wasser für Sekunden: "So etwa." Gleichwohl, nicht alle Risiken lassen sich von vornherein ausschließen. Deshalb plädiert der Jenaer Geowissenschaftler nicht nur für höchste technische Limits beim Suchen nach dem Schatz im Zechsteinmeer, sondern für eine prinzipielle Umweltverträglichkeitsprüfung für jede Bohrung. Auch um die "teils unsinnigen Ängste" zu reduzieren, die Gaupp verbreitet sieht. "Wir haben in Deutschland eine Übersensibilität für Gefahren entwickelt, die in der Praxis meist noch gar nicht da sind", formuliert der Wissenschaftler zurückhaltend. Fracking von vornherein in Thüringen wie Deutschland auszuschließen, sei die falsche Antwort auf offene Fragen zu Risiken: "Es ist klar, dass es hier nicht so laufen darf wie mancherorts in Nordamerika. Wir müssen damit mitteleuropäisch umgehen."
Forscher zum ungeliebten Schatz: Risiken beim Fracking beherrschbar
Kommentare
11.07.12 - 20:32
Unglaublich naives Pack!
Klar, genauso beherrschbar wie die Atomkraftwerke. Unglaublich was hier abgeht. Am besten zündet mal irgendeiner hier die Atombombe, dann brauchen wir uns nicht länger rumquälen. Das es übel ausgeht, ist doch mit solchen Sachen einfach beschlossene Sache.