Berlin. Israel hat das Recht auf Selbstverteidigung. Aber langfristig brauchen die Palästinenser ein Angebot der politischen Teilhabe.

Es sind bewegende Bilder, die aus Gaza um die Welt gehen. Nach dem Aufruf des israelischen Militärs an die Bevölkerung, den Norden des Küstenstreifens zu verlassen, machen sich Zehntausende auf den Weg Richtung Süden. Menschen, die ihr gesamtes Hab und Gut auf einen Eselskarren gepackt haben. Menschen, die mit Plastikbeuteln unterwegs sind. Menschen, die Matratzen und Kissen auf dem Dach ihres Autos befestigt haben. Ein Heer von Obdachlosen, die ihre Heimat verloren haben und vor dem Nichts stehen.

Michael Backfisch, Politik-Korrespondent
Michael Backfisch, Politik-Korrespondent © Reto Klar | Reto Klar

Die islamistische Terrororganisation Hamas, die den Krieg gegen Israel mit bestialischen Verbrechen gegen unschuldige Zivilisten vom Zaun gebrochen hat, treibt ihr zynisches Spiel auf die Spitze: Sie errichtet Betonbarrikaden auf den Fluchtkorridoren im Gazastreifen. Die Hamas erhöht so das Risiko, dass die eigene Bevölkerung Opfer der israelischen Luftangriffe wird, um dann die Schuld auf die Regierung in Jerusalem zu schieben.

Viele Palästinenser im Gazastreifen sind keine Anhänger der Hamas

In diese Falle dürfen die israelischen Streitkräfte nicht tappen. Viele Palästinenser, die im Gazastreifen leben, sind keine Anhänger der Hamas. Israels Armee sollte deshalb die Zahl der getöteten und verletzten Zivilisten so gering wie möglich halten.

Das Land hat nach den grausamen Terrorangriffen der Islamisten selbstverständlich das Recht auf Selbstverteidigung, um künftige Bedrohungen zu vermeiden. Doch wenn Israels Gegenschlag zu viele unschuldige Zivilisten trifft und verschleppte Geiseln ihr Leben verlieren, läuft Jerusalem Gefahr, international an den Pranger gestellt zu werden. Rache und Vergeltung allein – so verständlich die Reaktion nach dem Blutrausch der Hamas in Israel auch ist – werden keine Stabilität schaffen.

Selbst wenn die Hamas vernichtet werden sollte, stellt sich die Frage: Was dann? Ein israelischer Militäreinsatz mit vielen zivilen Opfern könnte dazu führen, dass das Lager der Extremisten gestärkt wird und möglicherweise eine neue Generation von Hamas-Terroristen entsteht. Ohne Empathie für die Palästinenser wird es keine Stabilität geben. „Wenn wir die Humanität für die Nächsten negieren, werden wir verloren sein“, schreibt der israelische Dirigent Daniel Barenboim, der mit dem West-Eastern Divan Orchestra ein Symphonieorchester aus israelischen und arabischen Musikern gegründet hat. „Es kann nur eine Lösung in diesem Konflikt geben: auf der Basis von Humanismus, Gerechtigkeit und Gleichheit – weder mit militärischer Kraft noch mit Besetzung.“

Das mag heute naiv klingen. Denn diese Tage sind von der israelischen Bodenoffensive im Gazastreifen und der unmittelbaren Bekämpfung des Terrors geprägt. Aber es wird der Zeitpunkt kommen, an dem die Stunde der Diplomatie schlagen muss.

Netanjahu ließ sich zur Geisel der Ultra-Orthodoxen machen

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat es leider in den letzten Jahren versäumt, den Palästinensern ein Angebot der politischen Teilhabe zu machen. Die von vielen Ländern geforderte Zwei-Staaten-Lösung ignorierte er achselzuckend. Vielmehr ließ sich Netanjahu zur Geisel der Nationalreligiösen und Ultra-Orthodoxen in seinem Kabinett machen. Deren politische Kampf-Vokabel, möglichst viele jüdische Siedlungen im Westjordanland zu bauen, führt nicht zum Ausgleich mit den Palästinensern.

Dass Israel das Recht hat, die Urheber der schrecklichen Terrorattacken aus dem Weg zu räumen, ist unbestritten. Auch muss sich das Land gegen seine Feinde im Iran und anderswo wappnen, die es auslöschen wollen. Doch mittel- und langfristig gibt es keine Befriedung, wenn nicht eines Tages auch die Palästinenser die Möglichkeit eines würdevollen Lebens haben.