30 Zentimeter Schmerz

In der Erfurter Gedenkstätte Andreasstraße veranschaulichen Kunstwerke den DDR-Knastalltag.

Gabriele Stötzer mit einem ihrer Bilder, die in Erfurt gezeigt werden. Zudem hat sie einen "Schmerzmesser" konstruiert, mit dem Gefängniserfahrungen verglichen werden können. Foto: Holger John

Gabriele Stötzer mit einem ihrer Bilder, die in Erfurt gezeigt werden. Zudem hat sie einen "Schmerzmesser" konstruiert, mit dem Gefängniserfahrungen verglichen werden können. Foto: Holger John

Foto: zgt

Erfurt. Klack. Klack. Die Geräusche der Absätze hallen von den Wänden wieder, während sich die Füße den Weg aus dem hellen Sonnenlicht ins von kaltem Kunstlicht erhellten Untergeschoss der Erfurter Gedenkstätte Andreasstraße bahnen. Schwere, graue Türen aus massivem Metall empfangen unfreundlich den Gast. Allerdings, um Freundlichkeit ging es hier nie. Nur um den Knast-Alltag in winzigen Zellen. Und, zugegebenermaßen, ab heute, just ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer, auch um die Kunst.

Fünf ehemalige Inhaftierte aus DDR-Gefängnissen haben sich zur Ausstellung "So nah ... weit fern: Bilder aus der Hafterfahrung" an ihren Erinnerungen abgearbeitet und ebenso Erstaunliches wie Erschreckendes erschaffen. Dreißig Arbeiten von Fotografien über Installationen und Grafiken bis hin zu Videoarbeiten zeugen in den beengten Zellen vom körperlichen und seelischen Leid der politischen Gefangenen, die vom Stasi-Regime ihren "Erziehern" im ehemaligen Gefängnis in der Erfurter Andreasstraße, aber auch in Hafteinrichtungen in Hoheneck, Cottbus, Berlin-Hohenschönhausen, im Jugendwerkhof Torgau und in Bulgarien hilflos ausgeliefert waren.

Besonders eindringlich schildert der Berliner Künstler Christian Staudinger seine Tage, Wochen und Monate, die er in Bulgarien und der ehemaligen DDR verbrachte: An einer Wand lehnt ein überlebensgroßes Gemälde. Der schwarzbraune rechteckige Kasten baut sich beklemmend vor dem Besucher auf. Darin sind zwei beißend gelbe Figuren eingezeichnet. Schemenhaft tauchen sie aus der Dunkelheit auf wie kriminalistische Tatortumrisse, die die Liegestelle eines Verstorbenen anzeigen. Zwei sind es, lediglich durch ein paar Buchstaben unterscheiden sich die Dargestellten. "BL" und "D" sind zum Paar vereint. In zärtlicher Nähe, so scheint es, haben sie es sich auf einer Pritsche bequem gemacht und wie nebenbei einen leuchtend pinkfarbenen, abstrakten Nebel unter sich platziert. Der entpuppt sich dank plakativer Wortwahl schnell als "Scheiße". Indes: was mag ein Haufen menschlicher Ausscheidungen in der sonst so innig wirkenden Komposition verloren haben?

Staudinger, der 1962 in Erfurt Geborene und spätere Republikflüchtling, der 1971 bei seiner Flucht in die Türkei bereits in Bulgarien aufgegriffen wurde, gibt eine klare Antwort. Seine Texte erklären in Erinnerungsfetzen auch seine Kunstwerke. "Die haben mich dann in eine Zelle gebracht, eine andere als die, in der ich vorher war", weist ein Schild auf den Hintergrund des Gemäldes hin. Unvermittelt verlässt der Besucher mit diesen Erzählungen nicht nur das Hier und Jetzt, sondern auch Erfurt, Thüringen und Deutschland - und erlebt im bulgarischen Knast die zu dieser Zeit praktizierten Foltermaßnahmen.

"Sie haben mich da reingeworfen", setzt Staudinger seine Ausführungen fort, "auf einen Bulgaren drauf. Hinter mir haben sie die Stahltür ins Schloss geworfen. Dann wollte ich aufstehen. Hab gemerkt, dass das gar nicht ging. Der Raum war nicht hoch genug. Breit war der Raum etwa so, dass, wenn ich mit dem Rücken an der einen Wand saß, ich mit angewinkelten Beinen die andere berühren konnte. Die Zelle war etwa zehn Zentimeter länger als ich. Wieder Lehmfußboden mit Stroh drauf. Und noch ein Bulgare drin." Dann sei er in die Andreasstraße nach Erfurt gekommen, und die Matratzen und die Nahrung seien ihm schlicht unwirklich vorgekommen. Nach der Folter musste ihm dies wie eine Wohltat erscheinen.

Diesen Eindruck teilen andere ehemalige Gefängnisinsassen nicht. Die Foltern, die sie erlebten, waren anderer, vor allem psychischer Natur. Da ist Katrin Büchel, die, noch selbst ein Kind, in den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau im winzigen "Fuchsbau" verschwand und in Folge dessen an der klaustrophobischen Erfahrung entlang arbeitende Kunstwerke in Erfurt präsentiert.

Und da ist Michael Anhalt, der 1976 in Weimar geboren wurde und 1985 seine Ausbürgerung im Rahmen einer Familienzusammenführung erlebte. Der Westdeutsche Gino Kuhn, dessen emotionale und drastische Arbeiten in Erfurt das Schicksal der Gefangenen betreffen, ihnen mit blutroten und schwarzen Farben ein schmerzhaftes Knastleben zwischen Gittern bescheinigen, war selbst Fluchthelfer, bevor er verraten wurde und zur Untersuchungs-Haft nach Erfurt kam.

Wie mag man da ein Schicksal mit dem anderen vergleichen, oder einen Schmerz mit dem nächsten? Ist es schlimmer, die Folter in Bulgarien erlebt zu haben als "nur" die im Jugendwerkhof? Auf diese Fragen möchte die Künstlerin Gabriele Stötzer, selbst in den 70er Jahren in Erfurt und dem für seine skandalösen Zustände bekannten Frauengefängnis in Hoheneck inhaftiert, mit dem "Schmerzmesser" eine Antwort finden.

Dazu hat sie einen Stein, Stroh und ein Matratzenstück auf einer Holzplatte aufgebracht und ihnen ein hölzernes Schneidermaß untergelegt. Jeder mag daran selbst abzählen, ob er nur 30 oder doch schon 60 Zentimeter Schmerz für sich in Anspruch nehmen möchte. Der so plakative, plastische Vergleich stimmt humorvoll auf die Drastik der Werkaussage ein. Und die lässt dem Betrachter auch dann noch das Lachen in der Kehle stecken bleiben, nachdem er schon längst wieder die warmen Sonnenstrahlen des Erfurter Spätsommers genießt.

Ab heute bis 13. Januar, Di-Do 12-20 Uhr, Fr/Sa/So 10-18 Uhr

Ettersberg-Stiftung

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