Die Metapher und das Trüffelschwein: Schauspielern wird in Rudolstadt einiges abverlangt

Rudolstadt  Ewald Palmetshofers „Vor Sonnenaufgang“ nach Gerhart Hauptmann im Theater im Stadthaus in Rudolstadt. Es zeigt die Erosionserscheinungen eines demokratischen politischen Systems.

Szene aus „Vor Sonnenaufgang“ von Ewald Palmetshofer nach Gerhart Hauptmann am Theater Rudolstadt mit den Schauspielern Laura Bettinger (von links), Benjamin Petschke, Manuela Stüßer und Johannes Geißer.

Szene aus „Vor Sonnenaufgang“ von Ewald Palmetshofer nach Gerhart Hauptmann am Theater Rudolstadt mit den Schauspielern Laura Bettinger (von links), Benjamin Petschke, Manuela Stüßer und Johannes Geißer.

Foto: Anke Neugebauer

Wie so oft, trügt der schöne Schein. Denn zunächst versprechen der neue Tag und das warme Licht noch eine hoffnungsvolle Zukunft für Familie Krause. Doch was als familiäres Geplänkel in dem Schauspiel „Vor Sonnenaufgang“ belanglos beginnt, entwickelt immer mehr seinen tragischen Sog hin zum fatalen Ende. Am Ende bleibt nur Hoffnungslosigkeit. Am Sonnabend feiert dieses Sozialdrama in der Regie von Jens Schmidl Premiere im Theater im Stadthaus Rudolstadt. Keine leichte Kost für die Zuschauer und noch dazu mit fast drei Stunden Spieldauer eindeutig zu lang.

Gerhart Hauptmanns Debüt „Vor Sonnenaufgang“ löste 1889 einen der größten Theaterskandale aus und macht den erst 27-jährigen späteren Literaturnobelpreisträger über Nacht berühmt. Er zeigt darin eine Gesellschaft, deren schnell erlangter Wohlstand mit innerer Verhärtung einhergeht. Der österreichische Dramatiker Ewald Palmetshofer, Jahrgang 1974, aktualisierte dieses Stück, löste es aus seiner zeitlichen und lokalen Verortung und übertrug den Stoff auf die Gegenwart. Er zeigt die Beschädigungen und Entmenschlichungen hinter einer bürgerlichen Fassade und die Erosionserscheinungen eines demokratischen politischen Systems.

Man sieht einer Familie beim Sich-Zerfleischen zu

Eingeheiratet in eine mittelständige Autohändlerfamilie, hat der Jungunternehmer Thomas Hoffmann (Benjamin Petschke) sich den sozialen Aufstieg gesichert. Seine rechtspopulistischen Thesen – alles Metaphern und Fake News, was die Menschen halt so hören wollen. Sein Jugendfreund Alfred Loth (Johannes Geißer), der als linksengagierter Journalist plötzlich in dessen Leben auftaucht und ihn zu entlarven versucht, ist aber ebenfalls nicht angekommen im Leben und privaten Glück. Er sucht beim alten Freund aus Studientagen nach den Ursachen für den Hass in der Gesellschaft: „Wir driften / auseinander / ich red nicht nur von uns / die Menschen / alle“. Die Kluft in der Familie, in der Gesellschaft, in der Welt – sie ist spürbar und sichtbar auf der Bühne.

Die Diagnose von Dr. Peter Schimmelpfennig (Jochen Ganser): „Die Menschheit liegt in der Agonie“. Mit Depressionen und Ängsten quält sich Hoffmanns schwangere Frau Martha (Laura Bettinger). Ihre erfolglose Single-Schwester Helene (Marie Luise Stahl) wiederum sucht erneut Unterschlupf im elterlichen Zuhause, wo der Vater Egon (Matthias Winde) mit den jungen Kaputten in der Kneipe um die Wette säuft. Stiefmutter Annemarie (Manuela Stüßer) versucht dagegen verzweifelt, den Laden am Laufen zu halten. Alles ist Konflikt auf der Bühne und das Publikum sieht dabei zu , wie sich diese Familie gegenseitig zerfleischt.

Palmetshofer konzentriert sich mit seiner Botschaft auf Monologe, Dialoge, auf den komplexen Gedankenaustausch selbstreflektierter Personen. Dem ordnet sich auch Ausstatter Stefan Heyne unter, schafft eine schlichte, multifunktionale Halbrund-Kulisse, bleibt unspektakulär in den Kostümen. Ein Sprachkammerspiel also, das auch den Rudolstädter Schauspielern, die souverän und überzeugend ihre Rollen ausfüllen, einiges abverlangt.

Wieder: 24. September, 15 Uhr mit Publikumsgespräch; 27. September und 5. Oktober, jeweils 19.30 Uhr.

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