56 Gedichte aus Buchenwald übersetzt: Berührendes Zeitzeugnis

Kein Mitleid steigt in uns hoch, / Wo denn Tränen hernehmen, / Auf diesem Berg, / In dieser Zeit?" Diese Verse von Franz Hackel ebenso wie 55 weitere, im KZ Buchenwald entstandene Gedichte übersetzte Annette Seemann aus dem Französischen ins Deutsche.

Im Konzentrationslager Buchenwald entstanden berührende Gedichte. Eine Auswahl retteten Häftlinge nach Frankreich und gaben sie als Anthologie bereits 1945 heraus. Jetzt erschienen sie erstmals in deutscher Übersetzung. Foto: Peter Michaelis

Im Konzentrationslager Buchenwald entstanden berührende Gedichte. Eine Auswahl retteten Häftlinge nach Frankreich und gaben sie als Anthologie bereits 1945 heraus. Jetzt erschienen sie erstmals in deutscher Übersetzung. Foto: Peter Michaelis

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Weimar. "Eine Herausforderung, die sensibles Gespür verlangte. Denn zum einen "musste der Inhalt komplett erhalten bleiben", beschreibt Annette Seemann ein Prinzip ihrer Arbeit. Zum anderen wollte sie aber immer versuchen, in der Übersetzung "den Rhythmus der Verse wiederzufinden". Nachempfinden musste sie die Verse, ihre Sprachmelodie nachkomponieren, sich einfühlen in die Zeit und die Gedanken der insgesamt 25 Verfasser. Von Wulf Kirsten war die Initiative zu der deutschen Erstausgabe ausgegangen. Die zweisprachige Anthologie "Der gefesselte Wald" erschien nun rechtzeitig zur Leipziger Buchmesse (wir berichteten).

Manche der aus sechs Nationen stammenden Verfasser haben nur ein Gedicht hinterlassen, andere schrieben drei, vier oder fünf. André Verdet und Yves Boulongne hatten die Texte versteckt und nach Befreiung des Lagers mit nach Frankreich genommen. Schon der Besitz von Schreibmaterial war im KZ Buchenwald strengstens verboten. Gleich nach dem Krieg, 1945, gaben Verdet und Boulongne eine Gedicht-Anthologie in nur drei Exemplaren heraus, eine zweite Auflage ebenfalls in französischer Sprache erschien 1995. Jetzt liegt die mit dem originalen Vorwort von André Verdet eingeleitete Anthologie erstmals auch auf Deutsch vor. Ihre Premiere erlebt die Neuerscheinung aus dem Wallstein Verlag am morgigen Donnerstag zur Leipziger Buchmesse im Rahmen der Reihe "Leipzig liest" (Sächsische Akademie der Wissenschaften, 18 Uhr). Annette Seemann wird das Werk und ihre Übersetzung vorstellen.

Zuallererst hatte Annette Seemann auf Bitten von Wulf Kirsten 2011 das Gedicht "Uralter Traum" von Jorge Semprun ins Deutsche übertragen. "Ich hatte sofort einen Zugang zu diesem Gedicht", beschreibt die Übersetzerin. Veröffentlicht wurde dieses Gedicht in der Literaturzeitschrift "Akzente". Für Annette Seemann war es der Ausgangspunkt, ihre Arbeit an der Anthologie zu intensivieren und sämtliche Gedichte zu übersetzen.

Krasser Gegensatz von Poesie und der Barbarei

"Es gibt ein paar Gedichte, die mit Reimen arbeiten", staunte sie über den krassen Gegensatz von Poesie und der Barbarei dieses Ortes. Sie erfuhr: Die Gedichte waren für die Häftlinge Überlebensmittel, sie halfen ihnen "sich als Mensch zu behaupten und sich selbst zu retten", beschreibt Annette Seemann, Es geht um den Lageralltag, um Hunger, Kälte, Todesangst, aber auch um Liebe, Heimat, die Solidarität unter den Häftlingen. Ihre Arbeit ergriff Annette Seemann so stark, dass sie an einem Tag nur jeweils ein Gedicht übersetzen konnte.

"Trotz der Hölle auf Erden haben Menschen hier gedacht, nicht literarisch gedacht, aber human", heißt es im Vorwort von André Verdet. "Diese Menschen haben sich nicht in ihrem Leiden vergraben, um sich bitter darin zu gefallen, das hätte für sie Verrat bedeutet." Zutiefst berührt zeigt Annette Seemann sich auch von dem virtuosen Umgang mit Sprache, der sich in den Gedichten offenbart.

Fast noch zeitintensiver als die Übersetzung der Gedichte gestalteten sich die Recherchen nach den Lebensdaten ihrer Verfasser. Fündig wurden sie in den Archiven in Buchenwald und Arolsen. Als große Hilfe erwies sich Agnès Triebel, Vizepräsidentin der Association Française Buchenwald. Trotz allem Bemühen haben nicht alle biographischen Daten rekonstruiert werden können: Wer der zweite Deutsche, Ferdinand Reumann, im Kreis der Dichter war, haben die Herausgeber Annette Seemann und Wulf Kirsten nicht herausfinden können. Entstanden ist ein tief berührendes Zeitzeugnis.

In Weimar wird das Buch am Montag, 18. März, 18 Uhr, in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek vorgestellt.

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