Auch in Jena 70 Jahre danach noch „Erinnerungslücken“

Jena  In Jena leisteten während des Krieges nicht nur „Fremd- und Ost“-Arbeiter und KZ-Häftlinge Zwangsarbeit in den Rüstungsbetrieben, sondern auch Kriegsgefangene aus Russland und Frankreich.

Blick über die schwer getroffene Paradiesbrücke auf das Stadtzentrum mit der Stadtkirche.Foto: Sammlung Frank Döbert

Blick über die schwer getroffene Paradiesbrücke auf das Stadtzentrum mit der Stadtkirche.Foto: Sammlung Frank Döbert

Foto: zgt

Bundespräsident Joachim Gauck rief bei seinem Besuch des ehemals größten deutschen Lagers für russische Kriegs­gefangene, dem Senne-Lager bei Paderborn, am Mittwoch auf, 70 Jahre nach dem Krieg, die Soldaten aus dem „Erinnerungsschatten“ zu holen und eine „Erinnerungslücke“ zu schließen. Von fünf Millionen Sowjet­soldaten in deutscher Gefangenschaft überlebten drei Millionen den Krieg nicht.In der DDR, ­fügte er hinzu, habe der ­„Heldenmythos“ keinen Platz für Mitgefühl mit Soldaten ­gelassen, die keine „strahlenden Sieger waren, sondern Opfer, Entrechtete, Erschlagene“.

Nachholebedarf bei der Schließung einer „Erinnerungslücke“ hat auch Jena. Eine ­Gedenkstele erinnert in der ­Löbstedter Straße an das Internierungslager für die letzten ­Jenaer Juden und auch daran, dass im Jenaer Außenlager des KZ Buchenwald bis zu 1000 Häftlinge zahlreicher ­Nationen Zwangsarbeit im Reichsbahnausbesserungswerk leisteten. Nichts weist daraufhin, dass es ebenfalls in der ­Löbstedter Straße, an ihrem nördlichen Ende, seit 1942 ein Barackenlager für kriegsgefangene russische Soldaten gab. Das Gelände ist bis heute nicht bebaut; zu erkennen sind mit einiger Mühe die damaligen Barackenstandorte. Die Aufarbeitung dieses Teils der Stadtgeschichte beschränkt sich bislang auf wenige Daten der dort errichteten Barackentypen. Eine Bauzeichnung und ein Luftbild der US Air Force sowie wenige Akten, unter anderem aus dem Thüringischen Hauptstaatsarchiv, können nur eine erste Grundlage für eine nähere Untersuchung bilden.

Die Akten belegen unter anderem, dass die Firma Carl Zeiss 1942 in der Löbstedter Straße (Am Schlifter) am Rande ihres dortigen Nord-Werkes das Barackenlager V für (arbeitsfähige) kriegsgefangene Russen auf ihrem Grund und Boden für 110 000 Reichsmark errichten ließ. Es bestand aus vier Wohnbaracken, einer Wirtschafts­baracke, einer Waschbaracke, zwei Abort-Baracken sowie einer Abstellbaracke. Auf dem Gelände, das mit „starkem Stacheldraht“ eingezäunt war, befand sich ein Feuerlöschbrunnen. Aufgestellt wurden die einstöckigen Baracken-Normbauten im Zeitraum vom 5. Juli bis 13. September 1942; Anfang Oktober waren sie bezugsfertig. 1944 gab es eine Erweiterung des Lagers. Die Belegungszahlen des Lagers sind bisher nur ansatzweise bekannt. Aus Unterlagen geht hervor, dass Zeiss im April 1942 neben ausländischen Zwangsarbeitern (Hilfs- und Facharbeiter, männlich wie weiblich) auch 180 „Kriegsgefangene Russen“ angefordert hatte, aber bis zum September lediglich 200 Hilfsarbeiter zugewiesen erhielt. Unter dem „Rest“ von 1200 Arbeitskräften sind auch die noch ausstehenden 180 Kriegsgefangenen ausgewiesen. Wie viele schließlich über das Stammlager IX C in Bad Sulza nach Jena kamen, muss noch offen bleiben. Bis mindestens Anfang 1943 wurden die Kriegsgefangenen, darunter auch französische (für die es seit 1940 ein Lager in der Mühlenstraße gab), durch die Reichsbahn in Be- und Entladekommandos eingesetzt, vermutlich auch im Nordwerk, wo es ein Anschlussgleis gab. Anfang 1943 sind die russischen Gefangenen offenbar in andere Lager deportiert worden, wo sie unter unsäglichen Bedingungen vor allem beim Stollenbau zur unterirdischen Verlagerung der Rüstungsindustrie verbraucht wurden. Die letzten 20 aus Jena kamen nach Gera, wo weiterhin dringender Bedarf zur Be- und Entladung von Zügen bestand. Weitere 20 sollten Gera darüber hinaus noch kurzfristig zugewiesen werden.

Im Juni 1944 berichtete die Fa. Zeiss, dass man derzeit 60 französische und 280 italienische Kriegsgefangene (letztere wohl zu der Zeit in der Löbstedter Straße untergebracht und unter Bewachung durch die Wehrmacht) zur Verfügung ­habe. Die Gefangenenkost entspreche in etwa der Ostarbeiterverpflegung. Die Gesamtzahl der russischen und französischen Gefangenen lässt sich so nur annähernd bestimmen. Eine Schätzung aus DDR-Zeit, wonach es in Jena 2000 Kriegs­gefangene gab, liegt sicherlich entschieden zu hoch.

Dem englischen Geheimdienst zufolge, der im Mai in seinem Geheim-Camp 11 die Gespräche deutscher Generäle, unter ihnen von Hippel, Student und Gerlach, abhörte, sei es im April 1945, wenige Tage vor der Befreiung, zu einer dramatischen Aktion in Jena gekommen. Danach seien 550 russische Kriegsgefangene unter dem Kommando eines Hauptmanns nach Kahla abmarschiert, wo sie, wie von Hippel erst später erfahren haben will, in den Stollen einer unterirdischen Anlage vergast werden sollten. Den direkten Befehl dazu habe Himmler gegeben (von dem auch der Befehl stammte, kein KZ-Häftling dürfe in die Hände der Alliierten fallen). Das Vorhaben, dem nach anderen Quellen auch die Reimahg-Zwangsarbeitern zugedacht waren, ließ sich jedoch nicht bewerkstelligen. Manche der russischen Soldaten ahnten wohl, welches Schicksal ihnen zugedacht war und flehten darum, als Soldaten sterben zu können, berichtete von Hippel. Was mit ihnen passierte, habe er nicht mehr in Erfahrung bringen können, da am nächsten Morgen die Kommunikation (von Italien) nach Jena abgerissen sei. Das Abhörprotokoll ging in 91 Kopien an diverse Geheimdienststellen und das britische Kriegsministerium. Bis heute ist nicht geklärt, ob die Vernichtung der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter der Reimahg tatsächlich vorbereitet wurde.

Zu den Kommentaren