Gothaer Stasi protokollierte Reaktionen auf Gorbatschows Staatsbesuch

Im Juni 1989 besucht Michail Gorbatschow die Bundesrepublik Deutschland. Oberst Direske von der Kreisdienststelle in Gotha schrieb genau auf, was die Menschen darüber meinten.

Ausrangiert: HO-Mülltonnen in Gotha. Im Juni 1989 lässt ein Stasioberst in Gotha Mitarbeiter und Leitungskräfte des HO-Einzelhandel zu Wort kommen und konstatiert: "Die ganze Politik in Versorgungsfragen wird immer konzeptionsloser."Foto: Ernst Prause

Foto: zgt

Gotha. Auf dem Bonner Rathausplatz empfangen Gorbatschow Tausende mit begeisterten Gorbi-Rufen. Dieser vier Tage dauernde Besuch sollte schon in wenigen Monaten für Veränderungen in Europa sorgen. Das war den DDR-Bürgern, wie vielen anderen, natürlich nicht bewusst. Dennoch sorgte dieser Besuch in jenen Tagen auch hierzulande für viele Diskussionen. Was die Menschen im Landkreis Gotha zu diesem Thema meinen, ist dem Tagesrapport von Oberst Direske, dem Leiter der Kreisdienststelle in der Helenenstraße, zu entnehmen.

In seinem Bericht vom 15. Juni teilt er seinen Vorgesetzten mit: "Aus den ersten bekannt gewordenen Reaktionen aus der Bevölkerung des Kreises zum Besuch des Gen. Gorbatschow in der BRD kann eingeschätzt werden, daß der Besuch positiv bewertet wird ..." In den Kreiskrankenanstalten verstanden Ärzte und Schwestern nicht, "warum die Massenmedien der DDR so wenig darüber informieren". Aus dem Staatlichen Forst Gotha übermittelten die Informanten dem Oberst diese Meinung: "Der Westen macht mit dem Besuch einen ganz schönen Reklamerummel, als wollten sie uns zeigen, daß ihr Verhältnis mit der SU sicher besser dasteht, als das Verhältnis der SU zu uns."

Besuch weckt Erwartungen

Im Tagesrapport vom 20. Juni greift Direske das Thema erneut auf, weil der Besuch "spekulative Erwartungen in Bezug auf Probleme BRD/DDR" wecke. Die Musikformation "Scharlatan" habe im Wandersleber Kulturhaus festgestellt "so wie Gorbatschow und Kohl jetzt stehen, ist es wahrscheinlich, daß eines Tages die Deutsche Einheit zustande kommt und wenn es in 10 oder 15 Jahren als eine Art Föderation sein wird." Private Handwerker, so vermeldet der Kreisdienststellenleiter, sehen das Ereignis so: "Dieser Besuch ist nicht unter einen politischen Akt einzuordnen, sondern als ökonomische Betteltour. Wenn das so weiter geht, wäre der Sozialismus bald am Ende. Jetzt lässt die SU sogar Wirtschaftsexperten in der BRD ausbilden, damit wird auch bestätigt, daß das sozial. Wirtschaftssystem nicht funktioniert ..."

Ein weiteres Thema, dass in den Junitagen im Landkreis Gotha eine Rolle spielt, sind die Ereignisse in China, wo am 3. und 4. Juni das chinesische Militär auf dem Platz des himmlischen Friedens mit Waffengewalt und Panzern Proteste der Bevölkerung erstickte. Zunächst stellt der Rapport vom 20. Juni fest, dass "die Diskussionen und Reaktionen zu den Vorkommnissen in der VR China langsam zurück (gehen), aber von der Mehrzahl der Diskussionen wurde das Vorgehen der Polizei und der Volksbefreiungsarmee abgelehnt..." Wenig Glauben fand die Darstellung, "daß es sich um konterrevolutionäre Banden gehandelt habe."

Oberst Direske kann aus Reihen der Mitarbeiter der Zivilverteidigung und Arbeitern und Angestellten des Staatlichen Forstbetriebes Zustimmung für die chinesische Lösung finden. Letztere, so der Rapport, meinten: "Gorbatschow sollte sich das ansehen und bei sich ähnlich für Ruhe und Ordnung sorgen." Dem gegenüber äußert ein Meister im Spanplattenwerk: "Die Armee in der VR China macht Völkermord und Brudermord. Wie kann man mit Panzern in die Menge fahren ...".

Im Juni 1989 wird der Thüringer Wald großflächig mit Kalk versorgt. Damit soll der Bodenversauerung entgegen gewirkt werden. Die Agrarflugzeuge starten von einem Grundflugplatz im Bereich Herrenhof und überfliegen auf ihren Weg ins Mittelgebirge Nauendorf. Der Flugbetrieb bringt die Anwohner auf die Palme. Sie beklagen die Lärmbelästigung, insbesondere mit Blick auf Kleinkinder und Schichtarbeiter. In einer gesonderten Information an seine Vorgesetzten schreibt der Gothaer MfS-Kreisdienststellenleiter: "Uns wurde durch eine zuverlässige Quelle bekannt, daß die Bürgermeister der genannten Ortschaften, Gen. Hardmann und Gen. König in den Gesprächen mit der Bevölkerung ebenfalls eine ablehnende Haltung zum Flugbetrieb einnehmen und dahin gehend argumentieren, daß durch Eingabentätigkeit ein Überfliegen der Ortschaften verhindert werden soll ... Durch den H. wurde in Gesprächen mit der Bevölkerung dazu aufgefordert, die errichten Absperrschranken der Umgehungsstraße des Flugplatzes zu ignorieren ..."

Reaktionen auf Versorgungsfragen

Am 20. Juni meldete Direske "Diskussionen und Reaktionen zu Versorgungsfragen" nach oben. In der KIM Wandersleben argumentierte ein Arbeiter: "Warum soll ich die Arbeitsmoral und Leistung erhöhen, für das Geld bekomme ich doch nicht das, was will." Ein Mitglied der NDPD, beschäftigt in der PGH "Frisur" in Wandersleben, sagte laut Stasi-Oberst: "Die gesamte Wirtschaft geht mehr und mehr bergab, das beweist sich an den Material- und Warenlager in den PGH, da nutzt es auch nicht, aus weniger mehr zu machen, wie es der 1. Kreissekretär vor den PGH-Vorsitzenden gesagt hatte." In seinem Bericht vom 27. Juni lässt der Oberst Mitarbeiter und Leitungskräfte vom HO-Einzelhandel zu Wort kommen: "...die ganze Politik in Versorgungsfragen wird immer konzeptionsloser. Alles will sich selbständig machen, das schnelle Geld erhaschen, selbst Fachdirektoren bewarben sich für private Geschäfte und Buden, vor allem aus den Blockparteien CDU und LDPD."

Die Kraftfahrer der Konsumgenossenschaft beklagen laut Tagesrapport vom 27. Juni 1989: " ... daß kann doch kein Zustand sein, daß für die B100-Lieferwagen keine Getriebe gibt, bei dem LKW LO fehlen die Motoren und bei den TV-Diesel und ZUK gibt es kaum noch ein Ersatzteil, aber die Fahrzeuge sollen laufen und Lieferungen fahren, das ist eine Kunst, die bald keiner mehr kann ..."

Quelle: BStU, MfS, BV Erfurt AKG 827, Bd 3, Seite 1, 8, 12, 13, 15, 16, 24 und 23.

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