Nach den Bomben vernahmen die Jenaer am 11. April 1945 das Klappern der Holzschuhe

Jena  Mit einer Straßen-Aktion und einer Kranzniederlegung wird an den Todesmarsch der Buchenwald-Häftlinge erinnert. Dabei gäbe es Anlass, der Opfer des KZ-Systems auch außerhalb der Stadt zu gedenken.

Die Ruinen des Reichsbahnausbesserungswerkes 1945.Foto: Sammlung Frank Döbert

Die Ruinen des Reichsbahnausbesserungswerkes 1945.Foto: Sammlung Frank Döbert

Foto: zgt

Es waren 74 Minuten, die am Nachmittag des 9. April 1945 in Jena über Leben oder Tod entschieden. An diesem Montag war die Stadt Ziel des letzten Luftangriffes, der von drei amerikanischen Bomberstaffeln ausgeführt wurde. Das Ziel bestand ganz klar in der Ausschaltung der Reichsbahn auf der Saalebahnstrecke. ­Damit sollte verhindert werden, dass von Zeiss produziertes ­Rüstungsgerät an die Fronten gelangen konnte. Von Saalfeld bis Halle gingen daher die ­Bomben auf Bahnhöfe, Knotenpunkte und Reichsbahnaus­besserungswerke nieder. In Jena waren es nach einem Augenzeugenbericht etwa 400, die zum Teil allerdings auch Wohn­häuser trafen.

Straßen-Aktion in Jena-Ost soll Aufrütteln

Es war nicht die letzte Erschütterung, die die Jenaer in der Agonie des Nazi-Regimes traf. Zwei Tage später, am Nachmittag des 11. April 1945, als schon in der Ferne der Geschützdonner als Vorbote der herannahenden Regimenter des 3. US-Armee zu hören war, veranlasste ein anhaltendes Klappern von Holzschuhen auf den Straßen die Leute aus den Fenstern zu schauen. In mindestens zwei Marschzügen schleppten sich vermutlich bis zu 1500 Häftlinge des KZ Buchenwald durch die Stadt, über die Camsdorfer Brücke in Richtung Bürgel. Dass auf der Strecke an zahlreichen Stellen geschwächte Häftlinge von den Wachmannschaften erschossen wurden, ist hinreichend bekannt. Auch, dass es dafür heute noch Augenzeugen gibt. Vielen von ihnen, vor allem Anwohnern aus Jena-Ost, sind die grauenhaften Bilder noch gegenwärtig, gleichsam trieb die Angst vor Rache an dem von Deutschen begangenen Verbrechen die Menschen um. Bezeichnender Weise gibt es aus neuerer Zeit so gut wie keine Zeitzeugenberichte über das Jenaer Außenlager des KZ Buchenwald in der Löbstedter Straße. Die zeitweise über 900 Häftlinge des Lagers mussten im Reichsausbesserungswerk bei der Reparatur von Lokomotiven und Waggons Schwerstarbeit leisten und waren Schikanen und Misshandlungen ausgesetzt. Aus Jena wurden sie vermutlich schon am 4. April per Bahn abtransportiert. Möglicherweise mehrere Hundert Häftlinge fanden den Tod bei dem anschließenden Todesmarsch von Colditz nach Theresienstadt und Leitmeritz. Nur ansatzweise erforscht ist das Schicksal der KZ-Häftlinge, Männer und Frauen, die in den Zweigbetrieben von Carl Zeiss Jena, so in Dresden (Zeiss-Ikon), Jablonec nad Nisou (Feinapparatebau), Kiel-Neumühlen (Anschütz & Co, Kommando Hohwacht) und an weiteren Orten Zwangsarbeit leisten mussten.

Der Arbeitskreis „Sprechende Vergangenheit“ im Aktionsnetzwerk gegen Rechtsextremismus wird mit einer vierstündigen, morgen um 10 Uhr beginnenden Straßen-Aktion „Sprechende Orte“ in der Karl-Liebknecht-Straße an den Todesmarsch vor 70 Jahren in Jena erinnern. An vier Stellen, an der „Grünen Tanne“, an der Schenkstraße, der Schlippen-/Brandströmstraße und an der Gembdenbachbrücke werden von Mitstreitern gehaltene Transparente zu sehen sein. Auf jedem sind Zeitzeugen-Aussagen zu dem Todesmarsch wiedergegeben. „Mit unserer Aktion wollen wir die Menschen aufrütteln, auch wenn es nur für einen Moment ist“, sagt Gisela Horn für den Aktionskreis. Wer an der Aktion teilnehmen möchte, kann sich um 10 Uhr an der „Grünen Tanne“ melden. Der Arbeitskreis setzt sich dafür ein, dass künftig eine Tafel an der Straße an den Todesmarsch erinnern möge; ein diesbezügliches Schreiben erhielt jetzt der OB.

Eine Etappe des Todes­marsches wird morgen auch in Großschwabhausen durch einen vom Kirchspiel initiierten Gedenkmarsch wachgerufen. Der Marsch beginnt um 10 Uhr an der ehemaligen Laderampe hinter dem Bahnhofsgelände an der Straße nach Kleinschwabhausen. Dort blieb 1945 der Zug nach einem Luftangriff stehen. Der Marsch wird am neu ­gestalteten Häftlingsgrab auf dem Friedhof von Großschwabhausen enden. Die Ansprache an der Grabstätte der von der SS erschossenen Häftlinge hält ­Regionalbischof Diethard Kamm.

Am Sonntag wird dann um 11.15 Uhr zu einer Gedenkveranstaltung anlässlich der Befreiung des KZ Buchenwald und des Kriegsendes in Jena nach der Einnahme der Stadt durch amerikanische Verbände eingeladen. Ebenfalls mit dabei ist der Aktionskreis „Sprechende Vergangenheit“ mit seinen Transparenten zum Todesmarsch.

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