Coronavirus

Impfstrategie: Wer wird zuerst gegen Corona geimpft?

Berlin.  2021 könnten die Impfungen gegen das Coronavirus starten. Bei der Verteilung des Impfstoffs soll eine mathematische Formel helfen.

Videografik: So wirken Impfungen

Das Tübinger Biotechunternehmen CureVac hat in Deutschland die Genehmigung für eine klinische Studie mit einem potenziellen Corona-Impfstoff erhalten. Die Videografik zeigt, wie Impfstoffe funktionieren.

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Anfang 2021 könnten die ersten Menschen in Deutschland gegen eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus geimpft werden. Das hat der Chef des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Klaus Cichutek, bekannt gegeben.

Doch weil die Impfstoffmenge nicht ausreichen wird, um alle Interessierten gleichzeitig zu immunisieren, braucht es eine Impfstrategie. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Coronavirus: Wie wahrscheinlich ist der Impfstart zu Jahresbeginn?

Das PEI ist als Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel stets an der Bewertung und Zulassung von Impfstoffen in Europa beteiligt, häufig sogar federführend. Die Zulassung selbst erfolgt durch die EU-Kommission. Geht der PEI-Chef von einem möglichen Impfstart zu Jahresbeginn aus, hat das Gewicht.

Auch die Ständige Impfkommission (Stiko), ein vom Gesundheitsministerium berufenes Expertengremium, stützt Cichuteks Einschätzung: „Bis Anfang 2021 könnten ein oder mehrere Covid-19-Impfstoffe in der EU zugelassen und erste Produktionschargen verteilt und vertrieben werden“, heißt es in einer aktuellen Stellungnahme. „Die zuständigen Stellen“ sollten die notwendigen Vorbereitungen „sofort in Angriff“ nehmen. Gemäß Pandemieplan sind die Bundesländer dafür zuständig.

Wer wird die Impfstrategie erstellen und auf welcher Grundlage?

Der Bund hat die Stiko damit beauftragt, zu empfehlen, wer zuerst geimpft werden soll. Ziel ist es, die verfügbaren Impfstoffmengen „bestmöglich einzusetzen“.

Nach Einschätzung von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sollten Risikogruppen und medizinisches Personal zu jenen Menschen gehören, die zuerst geimpft werden. Ein Ministeriumssprecher aber macht auf Anfrage deutlich: „Eine detaillierte Empfehlung kann erst dann abgeschlossen werden, wenn feststeht, welche Impfstoffe mit welchen Eigenschaften und in welcher Größenordnung auf dem Markt sind.“

Die Stiko betont den Bedarf einer gerechten Verteilung. Es gehe auch um „ethische Aspekte wie Gerechtigkeit und Fairness“. Zudem müsste der Impfstoff so eingesetzt werden, dass weitere schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle vermieden werden. „Dazu müssen Erkenntnisse zu alters- oder berufsspezifischen Infektionsrisiken und zur Qualität des Impfstoffes vorliegen.“

Diese würden anhand eines mathematischen Modells beurteilt. „Das Modell wird derzeit am Robert-Koch-Institut in Abstimmung mit der Stiko erarbeitet“, schreibt die Stiko. Eine Arbeitsgruppe sei damit seit Mai befasst. Neue Daten würden laufend hinzugefügt. Ein besonderes Augenmerk liege auf der Impfstoffsicherheit.

Angesichts eingeschränkter Informationen geht die Stiko davon aus, dass eine erste Empfehlung zur Priorisierung auch „auf Grundlage von Annahmen“ erfolgen müsse. Zur Erinnerung: Genbasierte oder mRNA-Impfstoffe, wie sie etwa von den Herstellern Biontech, Moderna oder Curevac derzeit getestet werden, sind komplett neu. Solche Impfstoffe sind noch nie auf den Markt gekommen.

Wer soll zuerst geimpft werden?

Wer zuerst geimpft werden soll, ist zum jetzigen Zeitpunkt offen. Laut Stiko seien aber zwei Aspekte als wichtig definiert worden: „der Schutz der Funktionsfähigkeit des medizinischen/pflegerischen Versorgungssystems“ sowie der Schutzbedarf von Personen, „die aufgrund ihrer Tätigkeit besonders exponiert sind und mit vielen Menschen in Kontakt kommen“.

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Wer kümmert sich um die Impfstoffbeschaffung für Deutschland?

Die Bundesregierung setzt laut einem Bericht des Deutschen Ärzteblattes nicht mehr auf eine nationale Strategie. Auch ihre Impfallianz mit Frankreich, Italien und den Niederlanden gehe in einem gesamteuropäischen Konzept auf, heißt es in dem Bericht, der aus einer internen Mitteilung der EU-Kommission zitiert.

„Die Verhandlungen mit den Impfstoffherstellern sind von der EU-Kommission übernommen worden und dauern an“, bestätigte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums auf Anfrage unserer Redaktion. Zu Inhalten der Verhandlungen erteile das Ministerium keine Auskünfte.

Die Europäische Union gab am Donnerstag bekannt, sich den Zugriff auf bis zu 405 Millionen Dosen des potenziellen Corona-Impfstoffs des Tübinger Biotech-Unternehmens Curevac gesichert zu haben. Außerdem hat sie eine Vereinbarung über 300 Millionen Dosen mit dem Hersteller Astrazeneca geschlossen. Darüber hinaus gebe es eine Option für weitere 100 Millionen Dosen.

Verhandlungen führe man auch mit weiteren Herstellern – mit dem Schweizer Unternehmen Janssen Pharmaceutica über 200 Millionen Dosen plus Option auf weitere 100 Millionen sowie mit einem Joint Venture von Sanofi und Glaxosmith über 300 Millionen Dosen.

Die Aufteilung des Impfstoffes soll nach einem Schlüssel erfolgen, der sich an der Bevölkerungszahl der EU-Mitgliedstaaten orientiert, berichtet das Ärzteblatt. Impfstoffe könnten aber auch anderen europäischen sowie weniger wohlhabenden Ländern anderswo auf der Welt zur Verfügung gestellt werden.

Was genau verhandelt die EU, und was kostet das?

Bei den Verträgen handelt es sich nicht um Kaufverträge, sondern um Bezugsrechte. Demnach könnten innerhalb eines bestimmten Zeitraums Impfdosen zu festgesetzten Preisen von den Nationalstaaten gekauft werden, heißt es laut Ärzteblatt in der Mitteilung der Kommission.

Wie viele Impfdosen die EU insgesamt beschaffen will, sei offen. Für die Verhandlungen stehen 2,7 Milliarden Euro aus einem Sofortprogramm zur Verfügung. Verhandelt würde nur mit Herstellern, die auch innerhalb Europas produzierten und die festgelegte Solidaritätskriterien erfüllten. Die EU will hier wohl dem sogenannten Impfnationalismus einen Riegel vorschieben.