Angeklagter im Mordfall Jena-Winzerla als Kind von Taliban entführt

Gera.  Am Landgericht Gera muss eine forensische Psychiaterin mühsam die Puzzleteile zur Psyche des Angeklagten zusammenlegen. Er soll eine Rentnerin in Jena getötet haben.

Der Angeklagte soll eine Rentnerin in Jena getötet haben und sitzt derzeit in Untersuchungshaft.

Der Angeklagte soll eine Rentnerin in Jena getötet haben und sitzt derzeit in Untersuchungshaft.

Foto: Tino Zippel

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Im Mordprozess nach dem Tod einer Rentnerin in Jena-Winzerla haben am Freitag mehrere Psychologinnen und Psychiater am Landgericht Gera ausgesagt. Sie sollen der forensischen Psychiaterin Helmburg Göpfert-Stöbe helfen, ihr Gutachten zur Schuldfähigkeit des Angeklagten zusammenzutragen. Jene hat in dem Verfahren nämlich mit einer besonderen Schwierigkeit zu kämpfen.

Bislang hat sich der Angeklagte im Prozess nicht geäußert und sich auch nicht zu einer Begutachtung bereiterklärt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, im Januar 2019 aus Habgier eine 87 Jahre alte Rentnerin, die gegenüber seiner Wohnung im Appartementhaus in Jena-Winzerla wohnte, umgebracht zu haben. Anschließend soll er die Frau in einen Rollkoffer gequetscht und im Keller versteckt haben.

Vater und Bruder von Taliban erschossen

Der Angeklagte war als minderjähriger, unbegleiteter Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Schon früh fiel auf, dass er mit schweren psychischen Problemen kämpft. So gab es häufiger Stress in der Wohngruppe in Wolfersdorf (Saale-Holzland-Kreis). Gegenüber einer Psychologin offenbarte sich der junge Mann und berichtete ihr, dass Taliban seine Familie entführt hatten. Die Kidnapper hätten seinen Vater und seinen Bruder erschossen, die Mutter und ihn verschont. Er habe während der tragischen Vorfälle eine Augenbinde getragen. „Er hatte Todesangst verspürt, es war deutlich eine starke Belastung zu spüren. Er schilderte nun im Nachgang Probleme, sobald er etwas Warmes an der Nase spürt“, sagte eine Psychologin.

Die Aussagen im Jahr 2011 stufte sie als glaubwürdig ein. „Er hatte schon seinen Aufenthaltstitel im Asylverfahren, konnte sich durch die Angaben also keinen Vorteil verschaffen.“ Sie diagnostizierte eine schwere posttraumatische Belastungsstörung.

Dringender Wunsch, die Mutter wiederzufinden

Eine Kollegin traf sich mit dem jungen Mann zu 43 Gesprächs­terminen. Er habe unter massiven Schlafproblemen gelitten und immer wieder mit den Erinnerungen an die traumatische Entführung zu kämpfen gehabt. Sein dringender Wunsch sei gewesen, seine Mutter wiederzufinden. Schließlich sei er nach Afghanistan gereist und habe seine Ängste dafür überwunden, berichtete die Sachverständige.

Der Glaube sei dem jungen Mann sehr wichtig. „Bei seinem Einzug in Winzerla wollten wir das Schränkchen verschieben. Da hat er den in eine Tüte eingepackten Koran herausgeholt und geküsst“, schilderte die Frau unter Tränen. Auch der Angeklagte musste daraufhin weinen. Befangen sieht sie sich angesichts dieses Gefühlsausbruches nicht.

Angst von Neonazis in Jena-Winzerla

Das große Ziel des Angeklagten sei gewesen, Modeverkäufer zu werden, was aber letztlich gescheitert sei. Angst habe der junge Mann vor Übergriffen von Neonazis in Jena-Winzerla gehabt, sagte die Sachverständige. Er habe ein sehr respektvolles Frauenbild gehabt und war in Jena in ein syrisches Mädchen verliebt. Ihr Vater habe eine Hochzeit aber abgelehnt.

Auch in der Folgezeit spürte der Angeklagte immer wieder psychische Probleme. Ein Mediziner des Universitätsklinikums Jena hat zweimal die stationäre Aufnahme zur Diagnose empfohlen, dies lehnte er jedoch ab. Ein Psychiater muss in der nächsten Woche erneut im Prozess aussagen.

Aktuell sitzt der 24-jährige Angeklagte in Untersuchungshaft.

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