Kommentar

Zum Tod von Michail Gorbatschow: Abschied von einem Helden

Jörg Quoos
| Lesedauer: 3 Minuten
Sowjetischer Ex-Präsident Gorbatschow mit 91 Jahren gestorben

Sowjetischer Ex-Präsident Gorbatschow mit 91 Jahren gestorben

Michail Gorbatschow, der letzte Präsident der Sowjetunion und einer der Wegbereiter der deutschen Wiedervereinigung, ist tot. Der Friedensnobelpreisträger starb am Dienstag im Alter von 91 Jahren "nach langer schwerer Krankheit", wie das Zentralkrankenhaus in Moskau mitteilte. Mikhail Gorbachev

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Michail Gorbatschow hat Weltgeschichte geschrieben und Deutschland vereint. Wir können auch noch nach seinem Tod viel von ihm lernen.

Was ist eigentlich ein Held? Der französische Literaturnobelpreisträger Romain Rolland hat es einmal so formuliert: „Ein Held ist einer, der tut, was er kann. Die anderen tun es nicht.“ Michail Gorbatschow hat getan, was er konnte. Selten war ein einzelner Politiker mutiger als der Generalsekretär der KPdSU, der der deutschen Einheit, der Meinungsfreiheit und weltweiter Abrüstung den Weg bahnte.

Der Preis, den Gorbatschow dafür zahlen musste, war hoch: Die Sowjetunion ist nach dem Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs zerfallen und die Schockwellen dieses Kollapses erschüttern noch heute Europa. Dennoch war es ein historischer Glücksfall, dass Michail Gorbatschow auf dem Höhepunkt seiner Macht auf den deutschen Kanzler Helmut Kohl traf.

Deutschland wäre ohne Gorbatschow noch heute eine geteilte Nation

Gorbatschow hatte den Mut und Kohl als Historiker den klugen Blick auf die Ängste der Nationen vor einem erstarkten Deutschland. Gemeinsam ist ihnen in vielen, teils sehr privaten, Runden gelungen, ein Stück Weltgeschichte neu zu schreiben. Das ist der Verdienst, der sich ewig mit dem Namen Gorbatschows verbindet. Und niemand hat mehr Grund zur Dankbarkeit als die Deutschen, die ohne Gorbatschow noch heute eine geteilte Nation wären.

Gorbatschow war es wie keinem zweiten sowjetischen Führer gelungen, bei ehemaligen Gegnern Vertrauen zu schaffen und das Verlangen nach Freiheit in der UdSSR und ihren Einflusszonen zuzulassen. Dieser unbändige Wille der ehemaligen Sowjetbürger nach grenzenloser Freiheit ist heute das größte Problem von Wladimir Putin, der Gorbatschows Erbe mit Gewalt aus der Welt schaffen will. Gorbatschow in Ehren halten, heißt Putin die Stirn zu bieten. Daran sollten alle denken, die den toten Gorbatschow heute mit großen Worten würdigen.

Gorbatschow: Es bleibt sein Appell zum Frieden

Der Held Gorbatschow endete eher tragisch. Je größer die Zuneigung wurde, die er im Westen erfuhr, desto kälter wurde es für ihn zu Hause. Er selbst bekannte fast melancholisch: „Es gibt keine glücklichen Reformer“. In den letzten Jahren kritisierte Gorbatschow die Politik des Westens und den amerikanischen „Siegerkomplex“, bis seine Stimme so gut wie verstummte.

Es bleibt sein Appell zum Frieden, den er hochbetagt in einem Gespräch mit Franz Alt formulierte: „Zur Zeit machen wir alle Fehler. Ich sehe immer noch die Gefahr eines Atomkriegs, solange die letzte Atombombe nicht abgeschafft ist. Ein solcher Krieg wäre der letzte der Menschheitsgeschichte. Danach gäbe es niemanden mehr, der noch Krieg führen könnte“.

Auch nach seinem Tod kann die Welt noch viel von Michail Gorbatschow lernen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.