„Wenn die Angst zu Hause wohnt“: Frauenhäuser an der Kapazitätsgrenze

Erfurt.  Häusliche Gewalt ereignet sich thüringenweit in allen Altersgruppen und sozialen Schichten. Besonders viele Fälle registriert die Polizei in Erfurt.

Das Gros der Opfer häuslicher Gewalt bei den 18- bis 59-Jährigen sind Frauen (Symbolbild).

Das Gros der Opfer häuslicher Gewalt bei den 18- bis 59-Jährigen sind Frauen (Symbolbild).

Foto: Jan-Philipp Strobel / dpa

Im Vorjahr wurden Polizisten thüringenweit 2348 alarmiert und mussten in Wohnungen zumeist für den Schutz von Frauen sorgen, weil diese von ihrem Partner misshandelt und verletzt wurden. Mit 755 Fällen ist die Situation im Bereich der Landespolizeiinspektion Erfurt besonders dramatisch. Hier wurde die Polizei zu mehr als doppelt so vielen Fällen gerufen wie in den anderen sechs In­spektionsbereichen des Landes.

Das Gros der Opfer bei den 18- bis 59-Jährigen seien Frauen, erklärt Regina Polster, Vize-Vorsitzende der Erfurter Frauen-Union bei einer Veranstaltung im Erfurter Galli Theater. Bei den über 60-Jährigen verändert sich die Situation. Denn die Hälfte der Betroffenen sind nun Männer. Im Vorjahr wurde der Polizei kein Todesopfer häuslicher Gewalt bekannt. Dieses Jahr starb bereits eine Frau im Saale-Orla-Kreis.

„Wenn die Angst zu Hause wohnt. Häusliche Gewalt, (k)ein Tabu Thema!“ – unter diesem Motto hatte die Frauen-Union des Erfurter CDU-Kreisverbandes geladen. Was in der Debatte zu Tage trat, war teils bedrückend. So erreichen Frauenhäuser inzwischen wieder ihre Kapazitätsgrenzen. „Wir sind voll“, erklärt eine Mitarbeiterin aus Erfurt. Nur zu Beginn des Lockdowns habe es eine kurze Phase der Entlastung gegeben. Sie verdeutlicht, nicht nur zwischen März und Mai hätten es Frauen schwer gehabt, sich beispielsweise an Frauenhäuser zu wenden. Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, fehlten oft die Möglichkeiten, ihre Wohnung zu verlassen. Sie seien isoliert, ohne Freunde und Bekannte. „Häusliche Gewalt ist Diktatur“, betont die Mitarbeiterin. „Wir beraten Betroffene jedes Alters und aus allen sozialen Schichten“, erklärt Alexandra Senf von der Interventionsstelle „Hanna“ in Meiningen. Die Altersspanne reiche von 18 bis 84 Jahren.

Forderungen nach schnellen Strafen im Interesse der Betroffenen

Das Delikt der häuslichen Gewalt erfasst bei den Ermittlungsbehörden nur das, was sich zwischen Erwachsenen im Wohnbereich ereignet. Für Beratungsstellen spielen beispielsweise auch Kinder eine Rolle, sowohl als Opfer aber auch bei Gewalt gegen ihre Eltern. Allein „Hanna“ in Meiningen musste so im Vorjahr rund 400 Kinder als Mitbetroffene im Blick behalten. Zuständig sind zumeist aber die Jugendämter.

Polizisten tragen bei ihren Einsätzen viel Verantwortung. Sie müssen häusliche Gewalt erkennen, verdeutlicht Yvonne Andres. Auch sie arbeitet für „Hanna“. Erst wenn diese Einstufung erfolge, falle das Opfer nicht durchs Raster. Denn dann werde eine der vier Thüringer Interventionsstellen informiert.

Mehrfach wurden Forderungen nach schnellen Strafen im Interesse der Betroffenen laut. Jede Einstellung eines Verfahrens ohne Konsequenzen sei ein „weiterer Schlag ins Gesicht der Frauen“, betont Yvonne Andres. Der Täter erhalte Oberwasser und beim nächsten Mal überlege sich die Betroffene, ob sie noch einmal Anzeige erstatte, warnt sie.

Auf die Altersgruppe der über 60-Jährigen machte auch eine Zuhörerin mit aufmerksam. Fälle häuslicher Gewalt könnten beispielsweise auftreten, wenn einer der Partner pflegebedürftig werde und der andere überfordert sei. In solchen Situationen müssten Familien, aber auch Pflegedienste erste Anzeichen erkennen. Yvonne Andres fordert zum Abschluss, dass Frauenhäuser und Beratungsstellen endlich gesetzlich anerkannt werden. Es müsse Schluss damit sein, diese als „Projekte“ von Haushalt zu Haushalt zu reichen, ohne Sicherheit, ob auch eine künftige Regierung weiter Geld geben werde. Die Stadt Erfurt reagiere auf die hohe Zahl von Fällen häuslicher Gewalt, kündigt Ordnungsdezernent Andreas Horn (CDU) an. Ende Oktober soll ein Aktionsplan vorgestellt werden.