Geschichte einer Verfolgungsjagd: Das sagt der Fahrer zur Flucht auf der A4

Gera.  Wie ein Mann in Eisenach vor der Polizei flüchtet, einmal auf der A4 durch Thüringen rast und mit seinem Opel Omega ein Großaufgebot an Einsatzkräften in Schach hält.

Der Angeklagte mit Verteidiger Uwe Meyer (rechts).

Der Angeklagte mit Verteidiger Uwe Meyer (rechts).

Foto: Tino Zippel

„Ich war schon fast zwei Jahre lang auf der Flucht“, sagt der 37-Jährige aus Neuruppin im Verhandlungssaal. Dort sitzt er auf der Anklagebank wegen eines gefährlichen Eingriffes in den Straßenverkehr. Am 8. Januar 2017 hatte er sich eine spektakuläre Verfolgungsjagd mit der Thüringer Polizei geliefert. In seinem Geständnis offenbart er die Gründe für die Aktion.

In der Nacht zuvor Amphetamine konsumiert

Es ist der 8. Januar 2017, ein Sonntag. Neben der A4 liegt Schnee, als der Mann mit seinem Opel Omega bei Eisenach auf der A4 in Richtung Dresden fährt. Er kommt von einem Kumpel, dem er geholfen hatte. Um wach zu bleiben, nahm er Mitternacht Amphetamin. Zwölf Stunden später sitzt er am Steuer in Richtung Heimat. „Wobei Heimat nicht korrekt ist. Ich hatte mich von meiner Lebensgefährtin getrennt, die Arbeit verloren und Angst vor der Haft“, sagt der wegen Drogendelikten Verurteilte. „Ich habe damals im Auto gelebt.“

Bei der Schwarzarbeit auf dem Schrottplatz hatte er Nummernschilder abgezweigt, die jemand zum Ankauf gebracht hatte. Zwei davon prangen am Opel und erregen die Aufmerksamkeit zweier Autobahnpolizisten. Sie erfahren bei einer Abfrage, dass diese Zeichen gestohlen gemeldet sind. „Die Polizei hat probiert, mich anzuhalten. Ich weiß nicht, warum ich aus der Situation raus wollte“, sagt der Angeklagte. „Ich bin kontinuierlich mit Schnitt durchgefahren. So 120 bis 130 Kilometer pro Stunde. Der alte, klapprige Diesel hätte gar nicht mehr gebracht.“

Polizei: Verfolgungsjagd bei Tempo 170 bis 180

Die Polizeibeamten haben andere Geschwindigkeiten notiert. Mit Tempo 170 bis 180 sei der Flüchtige unterwegs gewesen, habe teils auf dem Standstreifen überholt und sie abzudrängen versucht. Die Videoaufnahmen aus dem Jagdbergtunnel bei Jena zeigen, dass der Flüchtende dort deutlich mehr als 80 Kilometer pro Stunde fährt. Sechs Streifenwagen düsten hinterher.

Die Polizei lässt die Schranken vor dem Lobdeburgtunnel schließen, um den Flüchtigen zu fassen. Doch jener nimmt die Rettungsgasse, rammt eine Schranke und setzt seine Fahrt fort. „Ich habe eine Lücke gesehen, durch die ich wollte. Da habe ich die Schranke touchiert“, sagt der Mann. Ein Polizist habe die Waffe auf ihn gerichtet. „Da habe ich Panik bekommen“, berichtet er. Ein anderer Polizist habe sich aus der Seitenscheibe gelehnt und versucht, mit dem Stock auf die Frontscheibe zu schlagen. Er habe die Spur halten wollen und nicht mit Absicht die Streifenwagen gerammt. Während der Fahrt habe er noch die Ruhe gehabt, eine Zigarette zu rauchen, sagt der Mann.

Entschuldigung bei Polizist: „Er hatte gesagt, dass es sein Lieblingspolizeiauto war.“

Schließlich stoppt die Flucht mit einem Unfall nahe Rüdersdorf. Etwas mehr als eine dreiviertel Stunde ist vergangen, 130 Kilometer sind absolviert. „Ich bin ausgestiegen und habe mich auf den Boden gelegt. Die Polizisten haben Fuß- und Handfesseln angelegt und mich hinten in ihren Transporter geschmissen. Aber ich hatte ja auch ihr Auto kaputt gemacht“, sagt der Angeklagte, der sich später in der Dienststelle bei einem Beamten entschuldigte. „Er hatte gesagt, dass es sein Lieblingspolizeiauto war.“

Die Bilanz: 10.000 Euro Schaden, aber zum Glück keine Verletzten. Im Opel entdeckt die Polizei eine geringe Menge Amphetamin und ein wenig Haschisch. Unterm Beifahrersitz liegen drei Signal­pistolen und Betäubungsmunition.

Dem Angeklagten drohen fünf Jahre Freiheitsstrafe

Auf das angeklagte Delikt stehen bis zu fünf Jahre Haft. Der Angeklagte hofft, mit einer Bewährungsstrafe davonzukommen. Staatsanwalt Axel Katzer lehnt eine Verständigung ab und will die Beweisaufnahme abwarten. Auf dem Spiel steht auch der Führerschein des Angeklagten, der gleich negativ aufgefallen war. Er kam mit anderthalb Stunden Verspätung ins Gericht mit der Begründung: „Entschuldigung, ich stand im Stau.“

Die dritte Strafkammer unter Vorsitz von Christina Lichius setzt das Verfahren am 2. Juni fort.

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