Bisher größte Wolfsattacke in Thüringen: 24 Schafe gerissen

Ohrdruf.  Das Thüringer Umweltministerium sieht kein Problem bei der Wölfin von Ohrdruf. Ein Antrag auf Tötung liegt seit vier Monaten vor.

Dieser Wolf wurde im Juni von einer Fotofalle bei Ohrdruf aufgenommen.

Dieser Wolf wurde im Juni von einer Fotofalle bei Ohrdruf aufgenommen.

Foto: Thüringer Umweltministerium / dpa

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Das Rudel der Ohrdrufer Wölfin hat am vergangenen Samstagmorgen 24 Schafe gerissen, wahrscheinlich mehr. Es werden noch Tiere vermisst.

Die Anzahl ist mit großem Abstand Thüringen-Rekord. Die diesjährige Bilanz der Wölfin GW267f bis zum gestrigen Dienstag: 80 Attacken auf Nutztiere, 174 getötete Schafe, Ziegen, Kälber und Fohlen. Bereits 2017 war GW267f der Wolf mit den meisten Nutztier-Rissen in ganz Deutschland gewesen. Damals waren 82 Schafe und Ziegen auf ihr Konto gegangen. 2018 waren es 56. Thüringens Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) betont aber nach wie vor: Es sei kein auffälliger Wolf. Begründung: „Das Töten von Beutetieren ist kein unnatürliches Verhalten von Wölfen, es ist gleichwohl unerwünscht, dass diese Nutztiere reißen.“

Es war ein „riesiges Schlachtfeld“, berichtet ein Augenzeuge vom „Tatort“ am Samstag. Von Bittstädt bis Mühlberg, auf einem „Areal von drei Quadratkilometern“, lagen überall gerissene Schafe. „Man fand sie zum Teil ganz getötet, aufgefressen oder angefressen vor.“

Hundert Tiere an den Wolf verloren

Der Schäfer, der als Erster dort war, erlebte es so: „Ich habe zunächst nur gesehen, dass die Herde aufgeteilt war. Ein Teil war nah an Bittstädt. Der andere stand bei Mühlberg. Die Schafe wollten sich in Sicherheit bringen. Sie waren verstört. Dann habe ich blutende Schafe gesehen, aber noch keine toten. Ich dachte: Mensch, der Wolf war da.“ Das war zunächst nur ein Verdacht.

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Der Schäfer betrat eine Anhöhe, setzte das Fernglas an, peilte die Lage. „Dann kam’s“, sagt er. „Überall lagen tote Schafe, über drei, vier Kilometer verteilt. Dieses Mal hat die Wölfin ihrem Nachwuchs gezeigt, wie’s geht. Die haben geübt.“ Alf Schmidt, der betroffene Schäfer, der mit seiner 1300 Tiere zählenden Herde auf dem Standortübungsplatz Ohrdruf ökologisch wichtige Landschaftspflege betreibt, war am Dienstag nicht erreichbar. Allein in diesem Jahr hat er etwa hundert Tiere an den Wolf verloren.

Anfang August hatte der Thüringer Bauernverband einen Antrag auf „Entnahme“, also Tötung der Ohrdrufer Wölfin und ihrer fünf jüngsten Mischlingswelpen gestellt. Die Genehmigungsbehörde, das dem Umweltministerium unterstellte Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz (TLUBN), hat noch nicht entschieden. Aber alle paar Wochen stellt das Landesamt fest, dass angeblich Unterlagen fehlten, die dann ein ums andere Mal vom Bauernverband nachgefordert werden. Von dort heißt es nun: „Es verhärtet sich der Eindruck, dass dem TLUBN die Argumente, die tatsächlich gegen eine Entnahme der Wölfin sprechen, ausgehen und bewusst auf Zeit gespielt wird.“

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In Kürze werden die fünf diesjährigen Mischlingstiere geschlechtsreif. Sie entstammen der Paarung der Wölfin mit einem ihrer 2017 geborenen Mischlingssöhne, der im April dieses Jahres in staatlichem Auftrag erschossen wurde.

Vor allem die jungen Rüden wandern bald ab – nicht selten Hunderte Kilometer weit – und zeugen ihrerseits Mischlinge. Dann geschieht, wovor es Artenschützern graust: Die Thüringer Hybriden könnten die Reinrassigkeit der Wolfspopulation in ganz Deutschland gefährden.

Fangversuchebisher ohne Erfolg

Das Umweltministerium will das zwar verhindern, indem es bemüht ist, die reinrassige Ohrdrufer Wölfin zu schützen und zugleich die Mischlinge tot oder lebendig zu fangen. Doch bisher hatten die mehrere Hunderttausend Euro teuren Fangversuche keinen Erfolg.

Unklar ist, wie groß das Ohrdrufer Hybriden-Problem tatsächlich ist. Fest steht, dass sich Mitte dieses Jahres ein junger Wolfsrüde der Wölfin GW267f und ihren fünf diesjährigen Hybriden zugesellt hat.

Erstaunlich ist jedoch, was ein Schäfer am Dienstag unserer Zeitung erzählte: An einem Samstag Ende September gegen 10.30 Uhr seien bei strahlendem Sonnenschein im Bittstädter Tal „zwei große schwarze Wölfe“ aufgetaucht. „Sie standen 20 Meter vor meinem Auto, etwa zwei Minuten lang.“

Vier der sechs 2017 geborenen Ohrdrufer Hybriden wurden im Staatsauftrag erschossen. Von zwei Hybriden fehlt bisher jede Spur. Die Beschreibung des Schäfers trifft auf diese zwei Vermissten zu.

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