„Klima und Luft waren uns zu wenig, also blieb ein Kneipp-Kurort als Ziel“

Bad Tabarz  Sigurd Scholze aus Bad Tabarz spricht über die Begeisterung für die Lehre des Pfarrers Sebastian Kneipp, 25 Jahre Landesverband und Zukunftsaussichten.

Sigurd Scholze ist vielen Menschen als Darsteller von Pfarrer Sebastian Kneipp bekannt. Jedes Jahr geht er beim An- und beim Abwassern an der Arenarisquelle in Bad Tabarz mit gutem Beispiel voran.

Sigurd Scholze ist vielen Menschen als Darsteller von Pfarrer Sebastian Kneipp bekannt. Jedes Jahr geht er beim An- und beim Abwassern an der Arenarisquelle in Bad Tabarz mit gutem Beispiel voran.

Foto: Claudia Klinger

Seit 25 Jahren gibt es den Kneipp-Landesverband Thüringen und den Kneipp-Verein Bad Tabarz. Bei beiden war Sigurd Scholze (79) aus Bad Tabarz Gründungsmitglied. Seit 2002 ist er Vorsitzender des Kneipp-Bundes Thüringen und seit einem Vierteljahrhundert im örtlichen Kneipp-Verein. Der Mediziner war Chirurg im Krankenhaus Waltershausen, Leiter der onkologischen Reha-Klinik Haus Veronika in Bad Tabarz und hat sich 1991 mit eigener Praxis in seinem Heimatort niedergelassen. 20 Jahre lang wirkte er zudem als Konsiliararzt in der Inselsbergklinik, und er war Badearzt mit Kneipp-Diplom. Wir sprachen mit dem 79-Jährigen darüber, warum Kneipp und seine Lehren so wichtig für ihn geworden sind.

Wie sind Sie persönlich überhaupt mit der Kneippschen Lehre in Berührung gekommen?

Es gab kein Schlüsselerlebnis, aber die Zeit in der Onkologie hat mich geprägt. Dort kam die Frage auf, wie wir die Schulmedizin ergänzen können, um das Leben mit der Krankheit besser zu machen. Kneipp mit seinen fünf Säulen bot sich da an, weil wir mit einfachsten Mitteln etwas erreichen konnten: Tautreten, Armbäder, Kräuter, Ernährung und Bewegung ließen sich gut in die Reha integrieren.

Und warum haben Sie sich 1992 gleich für einen Kneipp-Verein stark gemacht?

Der ist 1992 als Kur- und Fremdenverkehrsverein gegründet worden und bestand zunächst hauptsächlich aus Vermietern für Gästebetten. Es wurde nach Möglichkeiten gesucht, um sich besser zu präsentieren, denn die Urlauberzahlen waren massiv eingebrochen. Tabarz war bis dahin Erholungsort, und wir wussten, wir müssen ein neues Prädikat erringen, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen.

Was brachte Sie ausgerechnet auf Kneipp?

Es kam als einziges in Frage. Zuvor hatten wir versucht, Heilquellen zu erschließen. Doch wir haben hier kein Heilwasser. Auch andere natürliche Heilmittel wie Moor gibt es bei uns nicht. Klima und Luft waren uns zu wenig, also blieb nur Kneipp. Der Gemeinderat hat dann beschlossen, dass wir uns zum Kneipp-Kurort entwickeln wollen. Aus dem Kur- und Fremdenverkehrsverein wurde deshalb der Kneipp- und Fremdenverkehrsverein. Seit 2000 sind wir reiner Kneipp-Verein. Die Gastgeber und andere Gewerbetreibende fungieren seitdem als Tabarzer Förderverein.

Sie haben sich dann auch als Badearzt auf die Kneippschen Anwendungen spezialisiert.

Jetzt waren wir in Tabarz auf dem Weg, und ich wusste, ich muss dabei mithelfen. Seit 1993 gab es die Möglichkeit, ambulante Badekuren anzubieten, und ich hatte durch meine stationäre Reha-Erfahrung die Voraussetzung dafür, als Badearzt Patienten zu betreuen. Die haben sich im Ort einquartiert, und ich habe ihnen ambulante Kuren mit Kneippschen Anwendungen zusammengestellt. Dabei half, dass wir schnell auch Terrainwege ausgewiesen haben. Das war ein wichtiger Schritt zur Zertifizierung als Kurort. Überhaupt ging es dann tatsächlich Schritt für Schritt kontinuierlich weiter.

Schildern Sie bitte die wichtigsten Etappen auf dem Weg zum Kneipp-Heilbad.

Schon 1991 hatten wir mit der Inselsbergklinik die erste Reha-Einrichtung. 1992 stand fest, dass wir Kneipp-Kurort werden wollen. Seit 1993 gibt es ambulante Kuren. 1994 sind der Tabarzer Kneipp-Verein und der Kneipp-Landesverband gegründet worden. 1995 eröffnete die zweite Reha-Klinik, die Klinik am Rennsteig. 1996 haben wir die Kneipp-Anlage an der Arenarisquelle mit dem Kneipp-Tretbecken eingeweiht. 1997 wurde das Tabbs eröffnet. Seit 2001 sind wir Kneipp-Kurort. 2002 hatten wir mit unserer Villa Kunterbunt den ersten Kneipp-Kindergarten in Thüringen und den zweiten in Deutschland. 2016 bekamen wir das Prädikat Kneipp-Heilbad, und seit 2017 darf Tabarz wieder den Namenszusatz Bad tragen.

Warum engagieren Sie sich so sehr für die Kneippsche Idee?

Weil es schön zu sehen ist, dass die Menschen es annehmen und es ihnen dadurch besser geht. Wenn wir von Kneipp sprechen, reden wir von Vorbeugung. Es soll in erster Linie ums Gesundbleiben gehen. Das ist auch wichtig für die Zukunft unseres Gesundheitswesens.

Wenden Sie die Kneippsche Lehre selbst auch an?

Ich beginne meinen Tag seit vielen Jahren mit Kneipp. Nach einer warmen Dusche mache ich einen Kneippschen Guss, dann geht es raus zum Barfußlaufen und Tautreten, im Winter auch auf Schnee. Danach bin ich richtig frisch für den Tag.

Was hat der Kneipp-Bund in Thüringen in den 25 Jahren seines Bestehens erreicht?

Wir haben 14 Kneipp-Vereine mit etwa 800 Mitgliedern. Das ist im Bundesvergleich nicht viel, aber andere Zahlen sprechen für uns. Inzwischen gibt es in Thüringen 48 Kneipp-Kindergärten, 13 Kneipp-Schulen und zwei Kneipp-Seniorenheime. Das ist deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt. Wir organisieren die Ausbildung und die regelmäßig geforderte Weiterbildung für Erzieher, Lehrer und Betreuer. Da kommen wir auf gut hundert Kurse pro Jahr. Es sind vielerorts Kneipp-Anlagen entstanden, und das nicht nur in Kurorten, wenn ich zum Beispiel an das dieses Jahr eröffnete wunderschöne Tretbecken am Spring in Mühlberg denke. Am wichtigsten aber ist, dass wir die Jüngsten für gesunde Lebensweise begeistern, denn irgendetwas bleibt immer hängen.

Werfen wir noch einen Blick in die Zukunft. Wie geht es für Sie persönlich weiter?

Erst mal mache ich im Verband weiter. Ich fühle mich noch fit. Aber natürlich denke ich auch voraus. Für meine Rolle als Pfarrer Kneipp habe ich bisher keinen Nachfolger in Aussicht, aber Katrin Arndt, Chefärztin in der Klinik am Rennsteig und ebenfalls Badeärztin in Bad Tabarz, wäre bereit, den Vorsitz im Kneipp-Bund mal zu übernehmen. Sie gehört bereits jetzt zum Vorstand, mit dem wir ohnehin gut und breit aufgestellt sind.

Hat die Kneippsche Lehre auch künftig eine Chance ?

Wir sind zwar mit den fünf Säulen ziemlich festgelegt, aber können in den einzelnen Bereichen Neues ausprobieren. Die Lebensordnung ist inzwischen mehr gefragt als noch vor zehn Jahren. Da geht es zum Beispiel auch um Stressbewältigung. Und angesichts dessen, dass die Klimaveränderung die Menschen bewegt, müssen wir noch deutlicher machen, dass Kneipp dem Zeitgeist entspricht, indem diese Lehre natürliche Ressourcen nutzt, um gesund zu bleiben.

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