1,50 Meter Abstand in Straßenbahnen nicht möglich

Nach der Einstellung von 80 Prozent der Fahrten sind die Bahnen von und zum Klinikum wieder so voll wie vor der Corona-Krise.

Die "Bundeswehrbahn" ist am Löbdergraben angekommen. Nach der Ausdünnung des Fahrplanangebotes war diese Bahn aus Lobeda am Donnerstagnachmittag  wieder so voll wie vor  Corona.

Die "Bundeswehrbahn" ist am Löbdergraben angekommen. Nach der Ausdünnung des Fahrplanangebotes war diese Bahn aus Lobeda am Donnerstagnachmittag wieder so voll wie vor Corona.

Foto: Thomas Beier

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Jena Der Jenaer Nahverkehr bleibt ein Sorgenkind bei der Corona-Bekämpfung. Abweichend von der Zusage, die Situation sei in Griff, waren die Straßenbahnen am Donnerstag zeitweise so voll, dass der Corona-Mindestabstand von 1,50 Meter im Klinikums-Berufsverkehr unterschritten wurde. Tags zuvor war das Fahrplanangebot in Jena um 80 Prozent reduziert worden. Alle aktuellen Infos im kostenfreien Corona-Liveblog.

Das Klinikum hatte seine Mitarbeiter daraufhin gebeten, die Situation in den Bahnen zu fotografieren. Drei Mitarbeiter leiteten Handybilder auch auf direktem Weg an die Redaktion weiter. Die Fotos dürfen wir aus rechtlichen Gründen nicht zeigen. Auf den Bildern ist zu sehen, dass in verschiedenen Bahnen sich die Menschen zu viert gegenübersitzen, darunter auch ältere Menschen; weitere Fahrgäste stehen in den Gängen.

Dies deckt sich mit dem Eindruck, den Lobedas Ortsteilbürgermeister Volker Blumentritt am Donnerstagmorgen an einer Haltestelle hatte. „Eine Bahn war voll, die 15 Minuten später fahrende dann wiederum leerer“. Blumentritts Beharrlichkeit war es zu danken, dass es nun zumindest zeitweise einen 15-Minuten-Takt auf der Linie 1 gibt. Die Linien 3, 4 und 5 sind komplett eingestellt.

Viele Kliniks-Mitarbeiter nehmen inzwischen davon Abstand, über öffentliche soziale Netzwerke Kritik an der Situation zu üben, denn dort finden sich sofort „Experten“, die ihnen empfehlen, das Auto zu nehmen oder zu laufen. Viele derjenigen, die im Klinikum arbeiten, besitzen aber kein Auto, gerade auch Alleinerziehende.

Krebspatientin ist über diesen Vorfall sehr traurig

Und dann kommt es in der vollen Bahn noch zu Vorfällen wie diesem: Eine Krebspatientin, die am Donnerstag auf dem Weg ins Klinikum war, erlebte eine Szene, die sie sehr traurig machte. Sie erzählte es der Zeitung: Die Jenaerin trug einen Mundschutz und wurde, weil sie aussteigen wollte, von einer Frau aggressiv darauf hingewiesen, den Mindestabstand einzuhalten. „Das hätte ich ja sehr gern getan, auch wegen meines gesundheitlichen Risikos“, berichtete sie. Nur leider war es so voll in der Bahn, dass keiner einen größeren Abstand einhalten konnte. Der Jenaerin tut vor allem das Pflegepersonal leid, das sich so engagiere und dann in einer vollen Bahn stehe oder abends vielleicht sogar nach Hause laufen müsse. „Hoffentlich kapitulieren unsere Krankenschwestern nicht wie der Jenaer Nahverkehr.“

Auch in der Gegenrichtung der Kliniksbahnen gibt es Sorgen. Eine Backwarenverkäuferin schrieb der Redaktion, dass sie morgens auch irgendwie auf Arbeit kommen müsse. Ebenso ihre Kinder: Ihre große Tochter arbeitet in der Demenzbetreuung in Schichten und ihre kleine Tochter in der Praxis Kielstein. Das seien genauso wichtige Tätigkeiten.

Jenas Nahverkehrsgeschäftsführer Andreas Möller wies gegenüber der Redaktion auf den Krisenmodus hin, in dem sich der Nahverkehr befinde. „Jede zusätzliche Bahn bedeutet Personal, welches wir im Fall der Fälle dann nicht mehr haben werden. Dann fährt fast gar nichts mehr“, sagte Möller. Der Nahverkehr habe sich mit Weitsicht für diesen Fahrplan entschieden. Der Nahverkehr könne die Probleme jetzt nicht alleine lösen. Vielleicht könne der eine oder andere doch andere Wege nutzen, um auf Arbeit zu kommen, so Möller.

Der Vorschlag aus dem Netz, einfach zwei Bahnen in Doppeltraktion zu koppeln (wie früher die Gotha-Wagen), sei aus technischen Gründen nicht möglich. Dies sei in den 90er Jahren bei der Fahrzeugbestellung entschieden worden.

Hilferuf aus Jena an Infrastrukturminister Hoff

Vielen Jenaern reicht die bisherige Reaktion der Stadtverwaltung nicht. Der Redaktion liegt als Kopie ein Hilferuf vor, der um 16 Uhr an Thüringens Innenminister Benjamin-Immanuel Hoff gesendet wurde: Eine Familie aus Zwätzen schildert darin ihre Sorge, dass die wichtigen Infektionsschutzziele der Stadt durch den Nahverkehr gefährdet werden. Minister Hoff wird gebeten, sich schnell einzuschalten.

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