Lockdown aus Weimarer Kinderperspektive

Weimar  Weimars Kinderbüro veröffentlicht eine Corona-Chronik junger Autoren.

Die Kinderbeauftragte Sina Solaß und Bürgermeister Ralf Kirsten präsentieren im Festsaal am Herderplatz 14 die Weimarer Corona-Chronik von Kindern und Jugendlichen

Die Kinderbeauftragte Sina Solaß und Bürgermeister Ralf Kirsten präsentieren im Festsaal am Herderplatz 14 die Weimarer Corona-Chronik von Kindern und Jugendlichen

Foto: Michael Baar

Weimar. „Du versaust einem einfach alles“, schreibt Charlotta. Die Zehnjährige ist eine von 18 Autoren der Weimarer Corona-Chronik von Kindern und Jugendlichen im Alter von zwei bis 18 Jahren.

Im Frühjahr 2020 hatte das Kinderbüro mit der JUL gGmbH zur Mitarbeit an der Chronik von Kindern und Jugendlichen aufgerufen. Bis zum Sommer konnten Texte, Fotos oder Zeichnungen eingereicht werden. Die Beiträge sollten die Situation der jungen Weimarerinnen und Weimarer in Zeiten vieler persönlicher Einschränkungen dokumentieren. Und das haben sie.

Am Dienstag hat Weimars Kinder- und Jugendbeauftragte Sina Solaß die Chronik präsentiert. Sie freut sich über die vielfältigen Einsendungen. „Wir haben tolle Zeichnungen, berührende Texte und Fotos von Kindern und Jugendlichen aller Altersklassen erhalten“, berichtet sie. Themen wie Angst und Einsamkeit, aber auch die Freude über mehr Zeit mit der Familie kommen darin zum Ausdruck.

So erinnert sich Scarlett (13), wie allein sie sich in den ersten fünf Wochen fühlte: Die Mutter im Krankenhaus, der Stiefvater deutschlandweit auf Montage, die Schwester bei ihrem Freund. Und dann noch die Schulaufgaben, auf die sie sich gar nicht konzentrieren konnte.

Carl vermisste den Fußball. Sein Eindruck: „Die Erwachsenen machen sich nur um Wirtschaft und Geld Sorgen.“ Und Helene (elf) verrät: „Irgendwann hatten wir überhaupt kein Klopapier mehr.“ Deshalb ging sie mit der Mama einkaufen und brachte gleich drei Packungen mit.

Ganze Corona-Tagebücher aus den Monaten März und April steuerten Lotta (zwölf) und Melina (16) zur Chronik bei. Die jungen Menschen ließen „uns an ihren Gefühlen teilhaben“, sagt Sina Solaß und freut sich, dass sie ihre Dokumente für die Chronik zur Verfügung stellten. Die Grafikerin Diana Griesbach hat alle Beiträge für die Veröffentlichung zusammengeführt.

Die Kinderbeauftragte dankte bei der Chronik-Vorstellung der Bürgerstiftung Weimar und dem Gemeinschaftsfonds „Kinderrechte stärken“ des Deutschen Kinderhilfswerkes und des Freistaates Thüringen für die finanzielle Unterstützung.

Mit der Veröffentlichung der Chronik macht Weimars Kinderbüro darauf aufmerksam, dass besonders in Zeiten der Krise die UN-Kinderrechtskonvention umgesetzt werden muss. „Beteiligungs-, Schutz- und Förderrechte der Kinder dürfen nicht ausgesetzt werden“, betont Sina Solaß. Das Buch mache deutlich, wie anders die jungen Menschen die Situation wahrnehmen und wie wichtig es ist, ihnen zuzuhören und ihre Erfahrungen ernst zu nehmen.

Die letzte Seite der Chronik ist eine leere Seite. Dort können eigene Erlebnisse eingetragen oder eingeklebt werden. Denn noch halten die Einschränkungen auch für Kinder und Jugendliche an.

Die Weimarer Corona-Chronik wurde zunächst in 300 Exemplaren gedruckt. Sie werde an das Stadtarchiv übergeben, aber auch in der Stadtbücherei erhältlich sein, teilte die Stadt mit. Schulen und Einrichtungen erhalten in den nächsten Tagen ebenfalls Exemplare und natürlich alle Teilnehmenden. Auf der Internetseite des Kinderbüros ist die Chronik digital einsehbar: www.kinderbuero-weimar.de