Unesco-Welterbe-Tagung: Ein Gespräch mit einem Weimarer Experten für immaterielles Kulturerbe

Weimar.  Der Unesco-Ausschuss für immaterielles Kulturerbe hat weitere Kulturtraditionen als schützenswürdig eingestuft. Unsere Zeitung sprach mit Tiago de Oliveira Pinto.

Der norwegische Spieler der Hardingfele Gunnar Stubseid (Mitte) Das Violinenspiel kam auf die Liste der immateriellen Kulturerbes. Zu seiner Linken Tiago de Oliveira Pinto und Benjamin Hanke von der Deutschen Unesco-Kommission (r.) während der Beratungen in Bogota.

Der norwegische Spieler der Hardingfele Gunnar Stubseid (Mitte) Das Violinenspiel kam auf die Liste der immateriellen Kulturerbes. Zu seiner Linken Tiago de Oliveira Pinto und Benjamin Hanke von der Deutschen Unesco-Kommission (r.) während der Beratungen in Bogota.

Foto: Ximena Alvorado

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Der Seperu-Tanz aus Botswana, die Tradition um die Tambour-Trommel auf der Inselgruppe Chagos oder das Spiel der irischen Harfe: Der Unesco-Ausschuss für das immaterielle Kulturerbe hat auf seiner aktuellen Tagung weitere Kulturtraditionen als dringend schützensbedürftig eingestuft beziehungsweise auf die Welterbe-Liste gesetzt. Tiago de Oliveira Pinto, Professor an der Musikhochschule Weimar, ist Experte im Komitee für das immaterielle Kulturerbe in der Deutschen Unesco-Kommission. Als Mitglied der deutschen Delegation an den noch bis zum Samstag dauernden Beratungen in der kolumbianischen Hauptstadt teil.

Professor Pinto, was ist zum Beispiel am Seperu-Tanz aus Botswana so bedeutsam, das es einen internationalen Schutzstatus braucht?

Seperu ist eine in den ländlichen Zonen Botswanas beheimatete Praxis ist, die allerdings nur noch von älteren Menschen erhalten wird. Der Grund, warum Botswana die internationale Aufmerksam auf Seperu gelenkt hat, war die Hoffnung, dass sich auch jüngere Menschen dafür interessieren. So erklärte es mir eine Mitarbeiterin des Kulturministeriums aus Botswana. Es geht um den sozialen Zusammenhalt auf dem Land. Das Stadt-Land-Gefälle und der oft schwierige Übergang der Generation ist also auch andernorts ein Problem. Lebendige kulturelle Praktiken stärken das soziale Gefüge und steigern damit die allgemeine Zufriedenheit. Das lehrt uns das Beispiel aus Botswana.

Was bedeutet eine solche Aufnahme in die Liste für die Identität der Länder bzw. der Völker?

Natürlich freut sich jede Nation, deren wichtige kulturelle Ausdrucksform von der UNESCO anerkannt und somit weltweite Aufmerksamkeit erhält, über eine Nominierung. Die Kulturträger selbst erfahren eine große Aufwertung ihres Tuns. Das Land kann im wahrsten Sinne Kapital daraus schlagen, wenn sich zum Beispiel interessante Attraktionen für den Tourismus daraus entwickeln.

Die Tagung versammelt Delegierte aus 135 Ländern, allein ein solcher Austausch dürfte ein Wert für sich sein.

Unbedingt. Das jährliche Unesco-Treffen ist ein großartiges Moment des globalen Dialogs, wie er in dieser tiefgreifenden Form und Breite nirgendwo sonst stattfindet. Hier wird also nicht um die Lösung globaler Probleme gerungen, wie bei der UNO, der Ansatz ist genau umgekehrt: Wo kulturelle sozial verankerte Kultur stattfindet, wird es Dialog geben, kommen sich Nationen näher. Wir versuchen also nicht Lösungen für einen globalen Krisenherd zu finden, sondern tragen dazu bei, dass er gar nicht entsteht. Hier werden friedenssichernde und nachhaltige Maßnahmen mitgedacht und umgesetzt, das ist ein wichtiges Ziel der Arbeit am immateriellen Welterbe.

Können Sie für diese Verständigung stiftende Debatte Beispiele nennen?

Das wird vor allem dann deutlich, wenn sich Staaten zu Wort melden und gehört werden, die sonst kaum eine solche internationale Bühne in Anspruch nehmen können. Erlebt habe ich das bei Debatten zwischen den Vertretern von Armenien und Aserbaidschan, oder wie vor zwei Tagen zwischen Griechenland und der Türkei. In beiden Fällen gibt es Kulturelemente, die grenzübergreifend sind. Die nationale Zugehörigkeit einer kulturellen Praxis kann dann umstritten sein. Diese Fälle können durch binationale Anträge gelöst werden, im vergangenen Jahr war das in einem gemeinsamen Antrag von Nord- und Südkorea geschehen. Am Ende gab es lange Ovationen für die beiden Kulturminister, die dafür extra angereist waren und sich minutenlang die Hände hielten.

Deutschland hatte sich im vergangenen Jahr mit seiner Theater-und Orchesterlandschaft beworben, das betrifft auch unser Erbe in Thüringen. Warum wurde das in Bogotá nicht diskutiert?

Weil das für die Vorbewertung zuständige Gremium dem Ausschuss empfohlen hat, die Nominierung in dieser Form noch nicht für die Repräsentative Liste vorzuschlagen. Die Aufnahmekriterien sind komplex, bei einigen Voraussetzungen waren sich die Fachleute uneinig ob sie erfüllt sind. Jetzt haben wir aber die Gelegenheit, den Antrag zu präzisieren und ihn bei kommender Gelegenheit definitiv einzureichen. Die Orchester- und Theaterlandschaft ist natürlich ein Kulturerbe, das das ganze Land betrifft. Aber auch hier spielt Thüringen, mit seinen teils mehrere Jahrhunderte alten Klangkörpern und Theatern ganz vorne mit.

Für das immaterielle Erbe gibt es auch eine Landesliste, die aktuelle Bewerbungsrunde wurde in Thüringen im Oktober geschlossen. Warum plädieren Sie für eine rege Teilnahme am Bewerbungsverfahren?

Natürlich haben nur sehr wenige lokale Manifestation von Kultur die Möglichkeit, eines Tages auf einer der großen UNESCO-Listen zu erscheinen. Das ist aber auch nicht der erste Zweck. Es geht um die Sichtbarmachung von lebendigen Kulturformen im Lokalen, später eventuell auch um den Eintrag auf nationaler Ebene. Aus Thüringen kamen bereits Traditionen wie der Eisenacher Sommergewinn und das Skatspiel aus Altenburg in das bundesdeutsche Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes. Für Thüringer ist auch relevant, dass wir vor zwei Jahren den Orgelbau und die Orgelmusik als immaterielles Unesco-Kulturerbe durchbekommen haben. Das wirkt sich deutlich aus, in Thüringen mit seiner großartigen Orgellandschaft, wie im ganzen Land. Künftig wird man sich in Deutschland sehr viel mehr auf die Liste auf Länderebene konzentrieren. Denn immaterielles Kulturerbe gehört am Ende zu dem, was gesellschaftliches Miteinander fördert und auf dem Dorf, in Vereinen, aber auch im urbanen Kontext Begegnungen schafft, die für alle bereichernd wirken. Kulturelle Praxis als ein „Kitt“ der sozialen Gemeinschaft: Darum geht es.

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