Wolfsburg. Jule Brand gehört zu den populärsten deutschen Nationalspielerinnen. Ihr enormes Potenzial ausgeschöpft hat die Wolfsburgerin aber auch nach drei Jahren bei den DFB-Frauen nicht.

Das einstige „Golden Girl“ hat sich in den vergangenen Jahren öfter mal fest gedribbelt, nicht nur auf dem Rasen. Jule Brand gilt auch mit 41 Länderspielen, einer EM- und WM-Teilnahme, drei Jahren im Nationalteam und mittlerweile 21 immer noch als das Toptalent im deutschen Frauenfußball.

Zuletzt ist die Kritik an ihr wieder leiser geworden, die Leistung sichtlich stärker. Vor dem Auftakt in der EM-Qualifikation gegen Österreich am Freitag (20.30 Uhr/ARD) in Linz gegen Österreich aber mahnt Horst Hrubesch die Offensivspielerin des VfL Wolfsburg.

„Ich sag’s mal einfach so: Bei Jule denke ich, sie ist bei 50 Prozent oder bei 60 Prozent.“ So äußerte sich der Interims-Bundestrainer dieser Tage unverblümt über Brand. „Sie hat natürlich ein Mördertempo, aber sie muss das noch effektiver ausspielen, weil sie lässt eigentlich noch viel zu viel liegen.“ Und dennoch: Der 72-Jährige baut auf Brand, die seit ihrem Wechsel 2022 von der TSG 1899 Hoffenheim nach Wolfsburg bei ihrem Club und auch in der deutschen Auswahl immer wieder um einen Stammplatz kämpfen muss.

Hrubesch verwies aber auch auf die Tore, die Brand für den DFB-Pokalfinalisten und Bundesligisten zuletzt erzielte: „Man hat gesehen bei uns, was da möglich ist. Sie kann Spiele entscheiden.“ Mit ihrem rasanten Antritt und stürmischen Auftritten schwamm die gebürtige Germersheimerin bei der EM 2022 auf der Erfolgswelle der DFB-Frauen mit. Am Ende des Jahres wurde sie von der italienischen Sportzeitung „Tuttosport“ als beste U21-Spielerin Europas („Golden Girl“) ausgezeichnet.

Kritik aus dem eigenen Verein

Doch dann stagnierte Brand, ging bei der WM 2023 in Australien wie das ganze Nationalteam unter. Hektische Aktionen, taktische Defizite, falsche Laufwege häuften sich - ebenso wie die kritischen Stimmen. Die kamen sogar aus ihrem eigenen Verein. Sportchef Ralf Kellermann bemängelte im „Kicker“ die mangelnde Konstanz in ihren Leistungen. Er verwies zwar auf ihr junges Alter, sagte aber auch deutlich: „Wenn Jule eine Top-Spielerin werden will, muss sie hart an sich arbeiten und zu einhundert Prozent für den Fußball leben.“ Bei dem, was alles auf sie einprassele, sei das nicht so einfach: „Wir helfen Jule bestmöglich, aber ihr Umfeld können wir nicht beeinflussen.“

Plötzlich, so Brand, habe sie „gemerkt, dass ich was zu verlieren habe - und dass es eine Erwartungshaltung an mich gibt“. Hinter vorgehaltene Hand wurden auch ihre Social-Media-Aktivitäten kritisiert, Brand hat bei Instagram mehr Follower (340.000) als DFB-Kapitänin Alexandra Popp. Für die Vize-Europameisterin selbst ist all das kein „Thema mehr“ und geklärt. „Die Nationalmannschaft tat mir sehr gut, gerade mit Horst“, erklärte sie. Sie wisse: „Ich muss schießen, ich muss Entscheidungen treffen und die hundertprozentig durchziehen und einfach mit Überzeugung spielen.“

Brand will nicht mehr als junge Spielerin gesehen werden

„Sie hat viele Widerstände überwunden, viele Dinge beiseite geräumt und für sich so sortiert, dass sie ein neues Niveau erreicht hat“, lobte kürzlich Wolfsburgs Trainer Tommy Stroot. Beim VfL will sich Brand ebenso durchbeißen wie im DFB-Team. Nach „Kicker“-Informationen hat sie im März eine Ausstiegsklausel verstreichen lassen (Vertrag bis 2025), obwohl ausländische Clubs wie der FC Barcelona Interesse an ihre haben sollen.

„Es ist mein Anspruch an mich selbst, nicht mehr als junge Spielerin gesehen zu werden“, sagte Brand im Interview der „Wolfsburger Allgemeine“. „Natürlich ist mir klar, dass in meinem Alter noch Entwicklungspotenzial da ist. Aber es ist nicht in meinem Kopf, dass ich mir damit noch viel Zeit lassen könnte.“