Erfurt. Nur noch gut zwei Prozent der Autozulieferer in Thüringen geben dem Wirtschaftsstandort Deutschland gute Noten, ergab ein Umfrage.

Die eingetrübte Stimmung in der Thüringer Automobilzulieferbranche hat sich verfestigt. „Unsere Hoffnung, dass es sich um ein kurzzeitiges Problem handelt, hat sich leider nicht bestätigt“, sagte der Geschäftsführer des Branchenclusters Automotive Thüringen, Rico Chmelik, am Freitag in Erfurt.

Der Verband hat nach seinen Angaben Anfang Mai 690 Unternehmen befragt, von denen 111 geantwortet haben. Die Mehrzahl beklagt demnach einen Einbruch beim Abruf von Teilen durch die Automobilhersteller. „Uns wird von einem Rückgang der Abrufzahlen um 25 Prozent bis zu 40 Prozent berichtet“, sagte Chmelik. Das Risiko einer konjunkturellen Eintrübung bleibe bei Zulieferern hängen.

Fairen Umgang zwischen Konzernen und Zulieferern angemahnt

Chmelik mahnte einen fairen Umgang zwischen Autokonzernen und Zulieferern an, etwa durch Preisgleitklauseln in den Lieferverträgen. Dann könnten kleine und mittelständische Betriebe steigende Kosten, etwa für Energie, weitergeben.

Als „erschreckendes Ergebnis“ bezeichnete Chmelik die Tatsache, dass lediglich 2,2 Prozent der Unternehmenslenker mit dem Wirtschaftsstandort Deutschland „sehr zufrieden“ sind. Kritik gebe es vor allem an Wirtschafts- und der Steuerpolitik sowie Bildungssystem.

Hohe Lebensqualität aber Personalmangel

Den Industriestandort Thüringen schätzen die Unternehmer wegen seiner hohen Lebensqualität. Negativ werten sie dagegen mangelnde Personalverfügbarkeit und die Dauer und Hürden von Genehmigungsverfahren.

Sorgen bereitet dem Verband auch die Häufung der Anküdnigung von Betriebsschließungen und Insolvenzen in der Branche. Allein seit Jahresbeginn seien acht Unternehmen im Freistaat betroffen. „Das gab es in dieser Dichte in der Vergangenheit nicht“, so Chmelik.

Auswirkungen des Strukturwandels

Die Bedeutung der anstehenden Wahlen sieht die Branche differenziert. Während man der Landtagswahl eine hohe Aufmerksamkeit schenkt, seien Kommunal- und Europawahl offenbar weniger relevant.

In einem speziellen Projekt untersucht Automotive Thüringen die Veränderung von Arbeitswelten durch den automobilen Strukturwandel. „Wir haben seit Ende 2021 über 100 Interviews in den Betrieben der produzierenden Industrie sowie mit Experten aus Wissenschaft und Dienstleistungssektor geführt“, berichtete Projektleiterin Julia Hünniger.

Volle Auftragsbücher und fehlende Planungssicherheit

Dabei hätte das Gros der befragten Unternehmen von vollen Auftragsbüchern gesprochen. „Gleichzeitig beklagten die Firmenchefs aber auch die fehlende Planungssicherheit für ihren Betrieb“, so Hünniger. Das führe zu Ängsten und Verunsicherung in den Belegschaften.

Die Thüringer Zuliefernbranche bietet aktuell rund 80.000 Frauen und Männern eine Beschäftigung in 690 Unternehmen im Freistaat. Der Jahresumsatz liegt bei 9,3 Milliarden Euro.