Ostthüringer Handwerk drohen große Verluste

Gera.  Das Handwerk in Ostthüringen leidet nicht nur unter der demografischen Entwicklung, sondern auch unter Bürokratie und Akademisierungswahn.

Meisterfeier der Handwerkskammer für Ostthüringen: Als beste Jungmeisterin wurde Natalie Rausch aus Jena, Meisterin im Augenoptiker-Handwerk, von Oskar Dieter Epp, Volksbank eG Gera Jena Rudolstadt, Kammerpräsident Klaus Nützel und Alexander Holzmann (von links), Verleger, ausgezeichnet.

Meisterfeier der Handwerkskammer für Ostthüringen: Als beste Jungmeisterin wurde Natalie Rausch aus Jena, Meisterin im Augenoptiker-Handwerk, von Oskar Dieter Epp, Volksbank eG Gera Jena Rudolstadt, Kammerpräsident Klaus Nützel und Alexander Holzmann (von links), Verleger, ausgezeichnet.

Foto: Sibylle Göbel

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Mehr Unterstützung für das Handwerk hat der Präsident der Handwerkskammer für Ostthüringen von der Politik gefordert. Bei der Meisterfeier in Gera kritisierte Klaus Nützel vor etwa 500 Gästen den Bürokratismus und den Akademisierungswahn. „In Ostthüringen bräuchten wir jährlich 1100 bis 1200 Lehrlinge, um die Handwerksbetriebe zu erhalten. Aber seit zehn Jahren sind es im Schnitt nur 720 pro Jahr“, sagte Nützel. Das liege auch daran, dass den Schülern bei der Berufsorientierung nicht hinreichend Perspektiven im Handwerk aufgezeigt würden und viele Eltern Abitur und Studium für den einzig erstrebenswerten Weg hielten.

Warnung vor Verlust handwerklicher Strukturen

In Ostthüringen drohe ein Verlust der handwerklichen Strukturen in „besorgniserregendem Ausmaß“. Fast 40 Prozent der Inhaber der rund 9400 Ostthüringer Handwerksbetriebe seien derzeit älter als 55 Jahre, so dass sie in den kommenden zehn Jahren einen Nachfolger suchten. Nützel sprach sich dafür aus, mit staatlicher Hilfe jene Fachkräfte für das Handwerk umzuschulen, die infolge des Kahlschlags in der Autoindustrie ihre Jobs verlieren. Würden diese Gutverdiener erwerbslos, „wäre die Arbeitslosenkasse in zwei Jahren leer“.

Stark belastet würden die Unternehmen zudem durch den von der Bürokratie entwickelten „Unsinn“: Wenn etwa bei einem Angebot auf eine Ausschreibung 25 von 30 Seiten allein auf das Vorwort entfielen und nur fünf auf das eigentliche Angebot, sei das von vielen Handwerkern nicht zu leisten und führe letztlich auch zum Investitionsstau etwa bei Wohnungsunternehmen. „Das muss schnellstens geändert werden“, sagte der Kammerpräsident.

Bessere Unterstützung gefordert

An die Landespolitik appellierte Nützel mit Blick auf die 127 Jungmeister, die an diesem Tag ihre Meisterbriefe erhielten, die Meisterausbildung besser zu unterstützen. Zwar werde nun die Meisterprämie in Höhe von 1000 Euro für die besten Absolventen eines jeden Gewerkes gezahlt, in anderen Bundesländern aber erhalte jeder erfolgreiche Meisterabsolvent eine Prämie: in Sachsen und Hessen beispielsweise 1000 Euro, in Bayern 2000 Euro und in Niedersachsen sogar 4000 Euro. Zudem gebe es in anderen Bundesländern eine Meistergründungsprämie, wenn Jungmeister einen eigenen Betrieb gründen oder ein bestehendes Unternehmen übernehmen. Sachsen-Anhalt ließe sich das bis zu 10.000, Berlin sogar bis zu 15.000 Euro kosten. „Da stellt sich mir schon die Frage, warum die Thüringer Landesregierung das nicht auf den Weg bringen kann“, sagte Klaus Nützel.

Bei der Meisterfeier erhielten Jungmeister in zwölf Gewerken ihre Meisterbriefe und 17 Geprüfte Betriebswirte ihre Zeugnisse. Geehrt wurden zudem 57 Altmeister.

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