Interview

lldikó von Kürthy: „Ein Rausch muss den Kater wert sein!“

Hamburg.  Die Hamburger Autorin Ildikó von Kürthy über Altern, Loslassen, Affären, eine Krebsdiagnose – und den Vorwurf der Oberflächlichkeit.

Ildikó von Kürthy hat ein neues Buch veröffentlicht: „Es wird Zeit“.  

Ildikó von Kürthy hat ein neues Buch veröffentlicht: „Es wird Zeit“.  

Foto: Jan Rickers

Einen Ingwertee in der Hand und Hund Hilde zu ihren Füßen. Wie lldikó von Kürthy in einem Eppendorfer Café sitzt, das hat schon etwas extrem Entspanntes. Allein beim Anblick fühlt man sich ein bisschen gesünder. Dabei ist die Bestsellerautorin Suchtstoffen durchaus zugeneigt, wie sie gerne zugibt, aber die Hamburgerin hat gelernt, besser auf sich zu achten.

In ihrem neuen Buch „Es wird Zeit“ geht es um die Fragen, denen wir zwangsläufig begegnen, wenn wir älter werden. Um eingeschlafene Beziehungen, todkranke Freunde und eine Mutter in der Urne.

In Ihrem Buch fragt sich die Protagonistin, was ab 50 noch kommt. Ja, was kommt denn da Ihrer Ansicht nach noch?

Ildikó von Kürthy Vor allem Abschiede. Die Kinder werden selbstständiger und ziehen irgendwann aus, das Bindegewebe geht in den Ruhestand. Rund um die 50 stehen einfach viele Veränderungen an. Die Wechseljahre setzen ein, gleichzeitig ist einem inzwischen bewusst, was man kann und was nicht, viele überlegen sich: Wo stehe ich? Wo will ich noch hin? Kann es so weitergehen?

Viele verabschieden sich auch von ihrem Partner, weil nach 20 Ehejahren die Luft raus ist.

Ich empfinde die ruhigeren Bahnen, in denen meine Ehe jetzt zügig fährt, (ich sage bewusst nicht dümpelt!) viel angenehmer als die Phasen, in denen wir uns noch zurechtruckeln mussten. Wir kennen uns, wir können uns aufeinander verlassen – meiner Ansicht nach ein großer Gewinn. Mein Mann ist mein Hafen, und der gibt mir Energie für die zahlreichen anderen Aufgaben, die anstehen.

Wie langweilig darf eine Beziehung werden, ohne gleich zum Scheidungsanwalt rennen zu müssen?

Was die eine als langweilig empfindet, ist für die andere wohltuende Routine. Das ist sehr individuell. Die Hauptfigur in meinem Buch schätzt die Routine teilweise ja auch als solide Basis, besonders, wenn die Kinder noch zu Hause sind. Aber alle Eltern müssen irgendwann feststellen: Huch! Die Kinder sind weg, aber wir bleiben! Wie fühlen wir uns miteinander? Und es kommt nicht selten vor, dass einer dann entscheidet: Es reicht nicht mehr, um ein Paar zu sein.

Könnte eine Affäre eine gute Idee sein?

Das kommt auf die Regeln innerhalb einer Partnerschaft an. Bei manchen Beziehungen kann eine Affäre belebend wirken, bei anderen führt sie zum sofortigen Ehe-Aus. Da muss jeder selber wissen, wie gut er verzeihen kann. Untreue ist für mich nicht generell ein Anzeichen einer schlechten Beziehung. Aber auch umgekehrt ist Treue nicht automatisch ein Anzeichen für eine gute Beziehung.

Heute ist mein 10. Hochzeitstag und mein Mann ist spontan auf Dienstreise. Sollte ich mir Sorgen machen?

Ja, allerdings nur, ob er heil zurück kommt und nicht mit dem Flugzeug abstürzt. Hat er Ihnen denn ein Geschenk gemacht?

Oh, ja, ein großer Strauß Blumen kam an – und meine Schwiegermutter aus Bayern, um mich mit den Kindern zu unterstützen. Ich weiß noch nicht so genau, ob ich mich darüber freue…

Das ist doch ein super Geschenk! Meine Schwiegermutter ist ein Traum! Ich bin ihr sehr dankbar, sie bedeutet meinen Kindern unendlich viel. Meine Eltern sind leider schon gestorben, bevor meine Söhne auf die Welt kamen.

In ihrem neuen Buch geht es auch um den Verlust der Mutter, haben diese Passagen autobiographische Züge?

Bei den Szenen im Elternhaus meiner Protagonistin habe ich mir beim Schreiben immer mein altes Elternhaus in Aachen vorgestellt. Ich bin nach 33 Jahren sogar extra noch mal dorthin zurückgekehrt und habe die jetzigen Besitzer gefragt, ob ich einen Tag und eine Nacht dort verbringen darf. Das war ja als Kind mein Nest, das mich beschützte, und ich wollte wissen, wie es sich heute anfühlt. Es war ein irrer Gefühlsmix, den ich da durchlebte, aus Erinnerungen, Kummer, Freude und Dankbarkeit. Ich stand da und sagte: „Guckt mal, Mama und Papa, ich stehe hier und bin ganz zufrieden mit dem, was ich von hier aus kommend erreicht habe. Ihr habt mir einen guten Start ermöglicht.“

Ihr Vater war blind, hat das Ihre Beobachtungsgabe so gut geschult, oder Ihnen eine andere Form des Sehens beigebracht?

Es war eher ein Zwangs-Sehen. Ich war seine Augen. Das, was ich sah, musste ich übersetzen in Sprache, damit er einen Anteil haben konnte. Er war angewiesen auf die Beschreibung der Sehenden um ihn herum, das waren vor allem meine Mutter und ich. Ich hätte kein wortkarger Mensch werden können, diese Option gab es für mich gar nicht. Mit dem Vater musste ich eine Fähigkeit zum Umgang mit Sprache entwickeln. Mein erster Freund war sehr wortkarg, das war für meinen Vater schrecklich, ein blinder Fleck am Abendbrottisch. Mein Mann hingegen hätte sich sehr gut mit meinem leider schon lange verstorbenen Vater austauschen können, der hat ein großes Talent, sich auszudrücken.

Leid und Krankheit spielen in Ihrem neuen Buch eine Rolle, nun können Ihnen die ewigen Hochkultur-Nörgler keine Oberflächlichkeit mehr vorwerfen.

Die Hochkultur interessiert mich nicht. Ich schreibe ja nicht für die Feuilletons und für die Kritiker, sondern für Frauen, die sich in meinen Romanen wiederfinden. Im Übrigen fand waren meine Bücher nie oberflächlich. Das Gemaule einiger Kritiker hat mich nie verletzt. Jeder weiß doch, dass Liebeskummer in Wirklichkeit alles andere als oberflächlich ist, und wer mal sieben Tage lang auf einen Anruf gewartet hat, weiß, wie existenziell sich das anfühlt. Nur weil jetzt der Tod ins Spiel kommt, mag ich mir nicht sagen lassen: Endlich wird die Kürthy tiefgründig. Nein, es ist die Zeit, die die Inhalte meiner Bücher verändert.

Sind Sie mutiger geworden?

Teilweise. Um meine Kinder habe ich von Tag zu Tag mehr Angst. Da muss ich immer aufpassen, nicht zu sehr zu behüten und nicht regelmäßig durchzudrehen. Aber in anderer Hinsicht werde ich zuversichtlicher. Eine Freundin von mir, Jutta, hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs, also die fürchterliche Krankheit, unter der auch die Protagonistin in meinem Roman leidet. Wir waren zusammen bei Juttas zahlreichen Untersuchungen, ich stand vor der MRT-Röhre und habe neben ihr in einem Leih-Bett aus der Palliativ-Station übernachtet. Vor eineinhalb Jahren haben Jutta und ich uns versprochen: Ich widme ihr meinen Roman, wenn sie zum Erscheinungstermin noch lebt. Wir haben geweint, denn wir glaubten beide nicht daran. Pankreaskrebs überleben laut Statistik nur fünf Prozent der Betroffenen. Doch meine Freundin hat ihre eigene Statistik geschrieben.

Oje, diese Angst…

Sie ist großartig damit umgegangen. Man weiß vorher nicht, was für ein Mensch man sein wird, wenn die Tragödie einsetzt. Zerbreche ich? Oder finde ich ungeahnte Kraftquellen, so wie meine Freundin? Sie ist, trotz aller Angst, so glücklich wie noch nie und genießt ihr Leben. Das hat mir so viel Mut und Hoffnung gemacht und gezeigt, wie unnütz es ist, sich ständig Sorgen um die Zukunft zu machen. Was passiert, wenn ich alt bin, wenn ich krank werde, wenn ein wichtiger Mensch stirbt? Solche Gedanken bringen nichts. Früher dachte ich, mit 50 kann man quasi nur noch unglücklich sein, weil man fast am Grabesrand steht. Jetzt tun sich ganz andere, ungeahnte Zuversichten auf. Ich fühle mich vielleicht manchmal noch schutzlos, weil ich so eine emotionale Nacktschnecke bin, aber wenn es jemanden gibt, der mich schützen kann, dann bin ich das selbst. Die Verantwortung für mein Wohlbefinden suche ich nicht mehr im Außen.

Haben Sie das beim Meditieren gelernt?

Tatsächlich ja. Ich suche nach einem Ort in meinem Körper, der sich gut anfühlt, mit dem ich mich wohlfühle, ein guter Ort in mir, und der trägt mich dann. Heute waren es lustigerweise meine Fußsohlen.

Wie wichtig sind Ihnen Freundschaften?

Sehr, sehr wichtig. Ich finde es sagt viel über mich aus, wer meine Freundinnen sind. Und ich habe großartige Frauen um mich herum! Wir unterstützen uns, wir verurteilen uns nicht, wir lassen uns nicht allein… Das Erscheinen des Buches feiere ich im engsten Kreis bei mir zu Hause, da sitzen zehn Personen um einen Tisch und es fühlt sich an, als säßen ganz viele Heimaten um mich herum. Eine Beobachtung, die ich übrigens gemacht habe: In den letzten Jahren habe ich viele interessante, inspirierende Frauen kennengelernt, aber nur einen Mann. Frauen haben mehr Potential zur Offenheit, das macht mir viel mehr Freude als die Fremdsprache, die Männer manchmal sprechen. Männern in meinem Alter fällt es nicht leicht, Schwäche zu zeigen. Aber Altern heißt loslassen, und Intimität entsteht nur durch Offenheit. Wir Frauen müssen ja ständig loslassen, wir sind es gewohnt. Mit dem Abstillen fängt es an, dann bringt man das Kind in die Kita und irgendwann zieht es aus. In Studien ist nachgewiesen, dass Väter viel schlechter damit umgehen. Die fragen sich dann: „Habe ich die Zeit mit meinem Kind gut genutzt?“ Die Antwort lautet oft nein.

Wann werden Sie aufhören, über Gewichtsprobleme zu schreiben?

Wenn ich keine mehr habe. Mein Gewicht sagt viel über mich aus, es ist kein unwichtiges Accessoire. Ich will mich jetzt von meiner Radikalität verabschieden, Fressen oder Fasten. Mein Körper verlangt danach Mäßigung und Maß. Meine Synapsen reagieren mit großer Gastfreundlichkeit auf jeden Suchtstoff. Das Älterwerden zwingt mich jedoch, mich zu ändern. Ich werde niemals eine Asketin, aber die Balance wird immer wichtiger. Wenn der Tag im Eimer ist, der Abend aber nicht schön genug war, dann habe ich etwas falsch gemacht. Ein Rausch muss den Kater am nächsten Morgen wirklich wert sein!


„Show zum Buch“: 19. September, 20 Uhr, im Ernst Deutsch Theater mit Rowohlt-Verleger Florian Illies, Bettina Tietjen und Ildikó von Kürthy.

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