Mikroplastik

Outdoor-Kleidung: Gut gegen Regen, schlecht für die Umwelt

Berlin.  Funktionskleidung gibt beim Waschen Mikroplastik ab – laut Forschern landet die nicht nur in Meeren und Böden, sondern auch im Körper.

Forscher finden Mikroplastik im Schnee

Ein Expertenteam des Alfred-Wegener-Instituts vermutet, dass die Kunststoffteilchen über die Atmosphäre selbst in entlegenste Regionen transportiert werden.

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Wind, Regen, sinkende Temperaturen: Wenn das Herbstwetter Einzug gehalten hat, greifen viele Verbraucher zu Jacken, Fleecepullis oder Hosen, die vom Handel als Outdoor-Bekleidung beworben werden. Je nach Marke, Modell und Preis sollen sie Kälte und Wind besonders gut abhalten. Ein Großteil ist dazu wasserabweisend oder wasserdicht, leicht und atmungsaktiv.

Einfache Funktionsbekleidung bieten Mode- und Sportketten recht preiswert an. Für hochwertigere Outdoor-Textilien, auf denen etwa die Logos der Marken Jack Wolf­skin, The North Face, Schöffel, Vaude oder Mammut prangen, sind Verbraucher auch bereit, teilweise mehrere Hundert Euro auszugeben.

So angenehm warm und trocken die kälteresistenten Klamotten ihre Besitzer im Winterhalbjahr halten mögen: Sobald die wetterfeste Kluft in die Waschmaschine wandert, kann sie allerdings zum Problem für die Umwelt werden.

Outdoor-Kleidung: Mikroplastik landet beim Waschen ungefiltert im Wasser

Mikroplastik , wasserunlösliche Plastikteilchen mit einem Durchmesser von fünf Millimetern und kleiner, können sich beim Waschen der Funktionskleidung durch Abrieb aus den Synthetikfasern ablösen. „Die gehen bei den meisten Geräten ungefiltert ins Abwasser“, sagt Rolf Buschmann, Referent für technischen Umweltschutz beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, kurz BUND. Lesen Sie hier:

Jedes Jahr gelangen dadurch rund 157.000 Tonnen schwer abbaubare Mikroplastikfasern in die Umwelt, so die Schätzung einer aktuellen Studie der University of Miami (USA), die im September in der Fachzeitschrift „Plos One“ veröffentlicht wurde. Die eine Hälfte davon lande in Gewässern, die andere in Böden.

Wie die Forscher deutlich machen, ist das Problem von Mikroplastik in der Umwelt nicht neu, nimmt aber in den letzten Jahren dramatisch an Fahrt auf. Demnach sind zwischen 1950 und 2016 beim Waschen von Bekleidung insgesamt 5,6 Megatonnen synthetische Mikrofasern in die Umwelt gelangt.

Die Hälfte davon wurde allein seit 2006 abgegeben – und die jährliche Wachstumsrate liege bei rund 13 Prozent. Polyester, das besonders in Sport- und Funktionskleidung verwendet wird, mache mit Abstand den Großteil des Mikroplastiks aus.

Synthetikkleidung verursacht 77 Gramm Mikroplastik pro Person

Zu einer ähnlich alarmierenden Einschätzung kam 2017 eine Studie der Weltnaturschutzunion (IUCN). Demnach stammen 35 Prozent des Mikroplastiks in den Weltmeeren von Synthetikkleidung. Jedes Jahr gelangen rund 1,5 Millionen Tonnen Mikroplastik ins Meer, zwei Drittel davon sind Fasern aus Kleidung. Drei Viertel des weltweiten Mikroplastik-Aufkommens rechnen die Forscher des IUCN den Privathaushalten zu.

Verbraucher in Deutschland setzen jährlich pro Kopf durchschnittlich rund 5,4 Kilogramm Mikroplastik frei – umgerechnet gut 800 Plastikflaschen. Durch den Abrieb beim Waschen von Synthetikkleidung entstehen demnach 77 Gramm pro Person, so das Ergebnis einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik von 2018.

Mikroplastik landet in Lebensmitteln

Das meiste Mikroplastik, das beim Waschen ins Abwasser gelangt, können moderne Kläranlagen zwar herausfiltern – bis zu 95 Prozent oberhalb einer gewissen Größe –, doch ein Großteil des Klärschlamms landet je nach Land als Dünger auf den Feldern.

In Deutschland ist diese Art der Düngung bis 2032 teilweise noch erlaubt. So kann das Mikroplastik nicht nur Boden und Pflanzenwachstum beeinflussen, sondern auch in der Nahrungskette landen.

„Würden Sie eine Kreditkarte essen?“, titelte 2019 die Umweltschutzorganisation WWF. Die von ihr beauftragte Untersuchung der University of Newcastle (Australien) ergab: Weltweit nehmen Menschen über Nahrungsmittel und Getränke im Schnitt bis zu fünf Gramm Mikroplastik pro Woche auf, was dem Gewicht einer Kreditkarte entspricht.

Forscher uneins darüber, ob Mikroplastik Gesundheit beeinflusst

Wie sich die Plastikaufnahme langfristig auf den menschlichen Körper auswirkt, ist bislang noch unzureichend erforscht. Jüngere Studien zeigen jedoch, dass etwa das Einatmen von Plastikfasern ab einer bestimmten Menge Atemwegsentzündungen auslösen kann. Umweltorganisationen appellieren daher an Textilindustrie und Verbraucher, auf mehr Nachhaltigkeit zu setzen. Mehr lesen:

„Die deutsche Textilindustrie hat zahlreiche Verfahren und Produkte entwickelt, um aus Kunststoffmüll Bekleidung, Schuhe oder Teppiche zu produzieren“, erklärt eine Sprecherin des Gesamtverbandes der deutschen Textil und Modeindus­trie auf Anfrage unserer Redaktion. „Auch in der Filtertechnik ist die deutsche Industrie führend, um Mikroplastik aus Abwässern zu fischen.“

Der Verband verweist hier auf ein groß angelegtes Forschungsvorhaben an der Hochschule Niederrhein. Das verfolgt das Ziel, künftig 99 Prozent des Faserabriebs in der Kläranlage aufzufangen.

Was Verbraucher tun können, um dem Problem zu begegnen

Was Verbraucher tun können, um dem Problem zu begegnen? Sie sollten vor dem Kauf neuer Funktionskleidung überlegen: „Brauche ich das wirklich?“, sagt BUND-Experte Buschmann. Beim Waschen sollte man zudem auf eine niedrige Temperatur und Schleuderzahl achten. Darüber hinaus kann man spezielle Waschbeutel nutzen, die den Faserabrieb auffangen.

Künftig nur noch Textilien aus Naturfasern wie Baumwolle, Seide oder Leinen zu kaufen, sei keine perfekte Lösung. Laut BUND ist die Umweltbilanz dieser Stoffe ebenfalls fragwürdig. Die Herstellung benötige teils große Mengen Wasser und Anbauflächen.