Ernährung

BVL-Präsident Cramer: So sollen Lebensmittel sicherer werden

Berlin.  Immer wieder treten im Essen Verunreinigungen auf. Im Interview erklärt BVL-Präsident Friedel Cramer, was dagegen getan werden soll.

5 Lebensmittel, die den Heißhunger stillen

Diese Lebensmittel tragen natürlich dazu bei, weniger zu essen.

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Einwandfreie Lebensmittel sind sein oberstes Ziel. Als Präsident des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit wacht Friedel Cramer darüber, dass keine fremden Stoffe ins Essen geraten. Wie die Behörde gegen Schmuddelbetriebe, Betrüger, Fälscher und irreführende Werbeversprechen vorgeht.

Herr Cramer, Plastik in Schokolade, Glas im Chutney, Metall in der Wurst. Es werden interessante Dinge in Lebensmitteln gefunden. Wie sicher sind unsere Lebensmittel?

Friedel Cramer: Unsere Lebensmittel sind weitestgehend sicher. Es kann aber immer vorkommen, dass Fremdkörper durch Maschinendefekte oder menschliche Fehler in der Produktion in Lebensmittel geraten. Durch Ausfall von Kühlketten kann es zu mikrobiologischen Belastungen kommen. Aber die Verantwortung für die Qualität und Sicherheit liegt in der Europäischen Union grundsätzlich bei den Lebensmittelunternehmen – also allen, die Lebensmittel herstellen, anbieten oder in den Verkehr bringen. Der Staat muss kontrollieren, ob die Lebensmittelunternehmen tatsächlich ihrer Verantwortung nachkommen.

Bundesagrarministerin Julia Klöckner will diese Kontrollen in Imbissen, Restaurants und Lebensmittelproduktionen aber deutlich reduzieren. Verbraucherschützer und Lebensmittelkontrolleure warnen davor. Wie bewerten Sie den Vorstoß?

Cramer: Diese Befürchtungen kann ich nicht teilen. Die Ministerin will durch eine Neuregelung die Kontrollen effektiver machen. Bislang konnten die Länder bei der vorgeschriebenen Kontrollzahl regional auch mal nach unten abweichen. Dies soll durch eine für alle verbindliche Mindestregelung ersetzt werden, die sich an EU-Vorgaben hält. Das heißt: Es wird insgesamt zu mehr Kontrollen kommen.

Oder findet dadurch einfach nur die Zahl der Kontrollen statt, die derzeit ohnehin vorgesehen, aber nicht eingehalten wird – zum Beispiel wegen Personalmangels?

Cramer: Unterm Strich erfordert die Umsetzung der Verwaltungsvorschrift durch die dafür zuständigen Länder künftig 31 Millionen Euro mehr Geld pro Jahr. Das ermöglicht tausende Kontrollen mehr im Jahr. Viele Länder werden dazu wohl auch ihr Personal aufstocken. Ob allerdings mehr Personal eingestellt oder ob es effizienter eingesetzt wird, ist Sache der Länder.

Dennoch werden mache Betriebe künftig nur noch monatlich statt wöchentlich kontrolliert. Haben Sie dabei ein gutes Gefühl?

Cramer: Ich habe deshalb ein gutes Gefühl, weil künftig alle Behörden die risikoorientieren Regelkontrollen durchführen müssen. Zudem wird die Bedeutung der anlassbezogen und außerplanmäßigen Überwachung gestärkt. Das heißt: Risiko-Betriebe werden künftig häufiger getestet. Im Extremfall kann dies sogar täglich erfolgen.

In welchen Betrieben gibt es besonders viele Beanstandungen?

Cramer: Generell ist die Beanstandungsquote in Deutschland gering. In einigen Betrieben, die mit leicht verderblichen Lebensmitteln arbeiten, kommt es aber naturgemäß eher zu Beanstandungen. Geflügelfleisch ist dabei besonders anfällig für mikrobielle Belastungen – und zwar unabhängig von Haltungsform. Das zeigt sich dann auch bei den Betriebskontrollen.

Wie sah es bei Tönnies aus?

Cramer: Es ging hier um den Arbeitsschutz, für den wir nicht zuständig sind. Die Lebensmittelsicherheit bei Tönnies wurde aber meines Wissens zu keinem Moment durch die unschönen Arbeitsplatzsituationen in Mitleidenschaft gezogen.

Die Kontrollen sind Ländersache, Ihre Behörde koordiniert. Besteht hier nicht die Gefahr, dass zum Schutz von Jobs vielleicht auch mal ein Auge bei der Lebensmittelkontrolle zugedrückt wird – wie das im Wilke-Skandal von Kritikern unterstellt wurde?

Cramer: Verfassungsrechtlich liegt die Zuständigkeit für die Kontrolle auf Länderebene. Ich sehe hier weder ein Problem noch Änderungsbedarf. In Fall Wilke hat unser Bundesamt alle gemeldeten Fälle zusammengeführt – also Erkrankungen bei Menschen, die vom Robert Koch-Institut gemeldet wurden, und Funde in Lebensmitteln, die vom Bundesinstitut für Risikobewertung ausgewertet wurden. Das war sehr erfolgreich.

In detektivischer Arbeit konnte durch eine Warenstromanalyse ermittelt werden, woher die Listerien-Verunreinigungen kamen. Unabhängig davon, ob die Zuständigkeit beim Bund oder den Ländern liegt: Bei der Überwachung muss man vor Ort tätig werden – dort agieren Menschen, die nach bestimmten Kriterien prüfen, aber auch Fehler machen können.

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Wie können dann Fälle wie der Wilke-Skandal verhindert werden?

Cramer: Es wird immer schwarze Schafe geben. Das können Betriebe – von Imbissen bis Wurstfabriken – sein, die immer wieder wegen Hygienemängeln auffallen. Wir müssen in der Lebensmittelüberwachung risikoorientiert handeln. Betriebe und Branchen, die auffällig sind, müssen öfter überprüft werden. Wird ein Missstand entdeckt, muss konsequent gehandelt, durchgegriffen und sanktioniert werden.

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Wie kann die Lebensmittelkontrolle noch effektiver werden?

Cramer: Die Transparenz muss erhöht werden. Als Bundesbehörde sollten wir nicht nur Daten der Produktproben, sondern auch von den kontrollierten Betrieben aus den Bundesländern erhalten. Alle Daten der amtlichen Kontrollen in Deutschland sollten zentral vorliegen und sowohl den zuständigen Landes- wie Bundesbehörden zu Auswertungen zugänglich sein. Hier muss der Datenschutz gegenüber der Transparenz abgewogen werden.

Welche Stoffe, die nicht in Lebensmittel gehören, werden bei Kontrollen besonders oft gefunden?

Cramer: Besonders häufig tauchen mikrobielle Belastungen wie Salmonellen und Listerien auf, insbesondere in tierischen Produkten (3700 Fälle). Danach folgen Schimmelpilzgifte in pflanzlichen Erzeugnissen – wie Nüssen, Samen (2900) und Pflanzenschutzmittelrückstande (1600). Diese Fallzahlen wurden in den vergangenen fünf Jahren über das Europäische Schnellwarnsystem gemeldet. Dabei wurden bei Schimmelpilzgiften und Rückständen von Pflanzenschutzmitteln zwei Drittel der genannten Fälle bereits an den europäischen Außengrenzen zurückgewiesen. Vieles kommt also erst gar nicht in die EU und damit nicht ins Regal.

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Welche Entwicklung bereitet Ihnen Kopfschmerzen?

Cramer: Die Zahl der Nahrungsergänzungsmittel hat sich erhöht – und damit auch die Beanstandungen.

Inwiefern?

Cramer: In der Corona-Zeit wurden z. B. manche Nahrungsergänzungsmittel als wirksame Mittel gegen Covid-19 beworben. Ihnen wurde eine Stärkung der Abwehrkräfte angedichtet, was medizinisch nicht nachvollziehbar ist. Hier handelt es sich um irreführende, unlautere Werbung. Gesundheitsbezogene Aussagen für Nahrungsergänzungsmittel sind grundsätzlich verboten. Und Arzneimittelwirkstoffe dürfen sie ebenfalls nicht enthalten. Wir haben daraufhin großen anderen EU-Mitgliedstaaten, die Europäische Kommission und die Bundesländer – aber auch die Online-Plattformen wie z. B. Amazon oder eBay und die sozialen Medien, wie Facebook, darüber informiert. Von den Online-Plattformen erhielten wir durchaus positive Rückmeldungen. Hier wäre es gut, wenn man überall entsprechende unseriöse Werbung und Angebote unterbinden würde.

Sind Nahrungsergänzungsmittel aus Ihrer Sicht überhaupt sinnvoll? Oder reine Geschäftemacherei?

Cramer: Nahrungsergänzungsmittel sind bei einer gesunden ausgewogenen Ernährung nicht erforderlich. Aber in manchen Situationen können bestimmte Nahrungsergänzungsmittel, wie etwa Mineralien, bei erhöhtem Bedarf sinnvoll sein. Dennoch ist bei der Dosierung Vorsicht geboten. Überdosierungen, wie beispielsweise bei Selen, können durchaus gesundheitsschädlich sein. Die EU-Kommission will daher – auch auf unser Betreiben – europäisch verbindliche Höchstwerte festlegen.

Immer beliebter werden ja CBD-Produkte, die also Cannabidiol aus Hanf enthalten. Sehen Sie hier ein Problem?

Cramer: Viele sprechen von Wundermitteln. Doch die Frage für uns ist, welcher Produktkategorie sie zugehören: Handelt es sich um ein Nahrungsergänzungsmittel, ein neuartiges Lebensmittel oder ein Arzneimittel? CBD hat eine pharmakologische, eine betäubende Wirkung. Keiner braucht Cannabidiol, um sich gesund zu ernähren. Aus unserer Sicht ist CBD kein traditionelles Lebensmittel und müsste deshalb entweder als neuartiges Lebensmittel oder als Arzneimittel zugelassen werden.

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In welchen Bereichen sind Lebensmittelfälscher besonders aktiv?

Cramer: Bei Olivenöl gibt es besonders oft Fälschungen. Aus Sonnenblumenöl und Chlorophyll werden teils täuschend echt Olivenöle zusammengepanscht. Auch Haselnusspaste wurde manchmal mit günstigen Erdnüssen gestreckt, was für Allergiker sehr gefährlich sein kann. Von den meisten Fälschungen geht aber zum Glück keine Gesundheitsgefahr aus. Sie erfolgen vor allem wegen des wirtschaftlichen Profits.

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Nimmt der Betrug zu?

Cramer: Ich glaube nicht, dass er zunimmt. Er wird nur häufiger aufgedeckt, weil es die technischen Möglichkeiten gibt. Aber wenn eine Fälschung einfach und das Risiko erwischt zu werden gering ist und damit viel Geld zu verdienen ist, dann wird sie auch vorkommen. So sind Menschen. In meiner Kindheit war es bei uns üblich, zum Eigenbedarf ein Schwein schlachten zu lassen. Der Hausschlachter, der damals die Wurst gemacht hat, sagte: In der Fleischwurst ist viel Wasser drin und ein Kilo Wasser ist eben auch ein Kilo. Wenn ich das als Fleisch verkaufen kann, dann verdiene ich mehr Geld. Das Problem der wasserbindenden Zusätze oder solchen, die das Volumen erhöhen, ist übrigens auch heute noch Thema bei der Betrugsbekämpfung.

Inwieweit bringen sich Verbraucher beim Kochen oder der Herstellung von Lebensmitteln selbst in Gefahr? Was raten Sie?

Cramer: Hier lauern tatsächlich oft unterschätzte Gefahren. Wenn man im Haushalt Lebensmittel zu warm und zu lange aufbewahrt, Kühlketten von Fleisch oder Eis nicht einhält oder einfache Hygieneregeln missachtet und z. B erst rohes Fleisch und dann Salat auf ein und demselben Brett schneidet, dann kann es zur Verbreitung von Keimen und zu Erkrankungen kommen.

Fehlt den Menschen das Wissen im Umgang mit Lebensmitteln?

Cramer: Ich glaube wir haben Defizite, die es wert wären, behoben zu werden. Zum Beispiel durch mehr Aufklärung bereits in der Schule. Das würde nicht nur die Lebensmittelsicherheit, sondern auch die Lebensqualität heben.

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Ist das ein speziell deutsches Problem?

Cramer: Auch. Ich durfte drei Jahre in Rom leben. Wenn Sie dort auf den Markt gehen, spüren Sie, wie die Menschen zum Produkt greifen, wie sie danach gucken. Wie sie mit dem Verkäufer sprechen. Im Restaurant diskutieren die Gäste mit dem Kellner oder dem Koch über das Essen. Über die Zubereitung, über die Qualität, über die Ausgangsstoffe. Da ist eine andere Kultur. Bei uns ist billig leider noch immer ein wesentliches Kriterium für den Lebensmittelkauf.

Worauf achten Sie beim Einkaufen?

Cramer: Als Bauernsohn versuche ich Produkte zu kaufen, von denen Landwirte besonders profitieren. Zuhause in meiner Heimat kaufen wir vor allem bei benachbarten Bauern oder auf dem Markt. In Berlin bin ich auf den Supermarkt angewiesen.