Führerschein

Fahrschulen in der Corona-Krise: Die Probleme wachsen

Berlin.  In der Corona-Krise sind viele Schulen in Existenznot geraten. Es fehlt an Fahrlehrern. Online-Unterricht gibt es nur für kurze Zeit.

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Wer in der Corona-Krise seinen Führerschein machen möchte, braucht muss viel Zeit mitbringen. Rund zwei Monate lang hatten während der pandemiebedingten Beschränkungen die rund 10.000 Fahrschulen in Deutschland geschlossen, Prüfungen lagen auf Eis. Der Tüv-Verband kündigte bereits an, seine Prüfungskapazitäten aufzustocken, um den Andrang bei theoretischen und praktischen Führerscheinprüfungen bewältigen zu können.

Mit den Fahrschulen hat die Pandemie eine Branche getroffen, die schon vor der Corona-Krise große Probleme hatte. Seit Jahren gibt es zu wenig Fahrlehrer. 1,8 Millionen theoretische Führerscheinprüfungen werden jedes Jahr durchgeführt, zur Ausbildung waren im vergangenen Jahr nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamts 44.000 Fahrlehrer berechtigt.

Nur fließen in diese Statistik auch Arbeitnehmer ein, die eine Ausbildungsberechtigung besitzen, aber nicht mehr als Fahrlehrer arbeiten. Der Branchenverband Moving geht davon aus, dass ein Viertel der Fahrlehrer nicht mehr praktiziert. Und es fehlt Nachwuchs. Das Durchschnittsalter ist über 55 Jahren, der Frauenanteil liegt bei unter zehn Prozent.

Fahrschulen in Corona-Zeiten – die Krise verschärft die Sorgen

Die Corona-Krise verschärft die Sorgen. Im April ergab eine Umfrage des Verbands Moving, dass jede dritte Fahrschule vor dem Aus stehe. Mittlerweile habe sich die Situation dank Soforthilfen von Bund und Ländern zwar verbessert, sagt Dieter Quentin, Vorsitzender der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände (BVF). „Aber gerade für selbstständige Kollegen, die erst vor Kurzem eine Fahrschule eröffnet haben, bleibt die Situation sehr ernst“, sagt er unserer Redaktion.

Moving-Präsident Jörg-Michael Satz gibt sich optimistischer, schränkt aber ein: „Es bleibt das nächste halbe Jahr abzuwarten, weil viele Betriebe ihre Stundungen zahlen müssen.“ Hinzu komme, dass die Ausbildung aufgrund der Hygienebestimmungen „nicht immer ganz einfach“ sei, sagt Satz. Nordrhein-Westfalen unternimmt daher nun einen Vorstoß: Bis Ende September sollen Fahrschüler den Theorieunterricht online absolvieren können.

Fahrschulen fordern Online-Theorieunterricht

Während Online-Unterricht, das sogenannte E-Learning, in vielen Bereichen in der Krise selbstverständlich geworden ist, wird darum bei Fahrschulen zäh gerungen. Bund und Länder diskutieren den virtuellen Theorieunterricht seit einigen Jahren ohne Ergebnis. In der Krise gestatteten Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen das E-Learning. In Niedersachsen ist es mittlerweile wieder untersagt, in Schleswig-Holstein diskutiert ein Fachausschuss über das Für und Wider.

Die Verbände Moving und BVF sehen das digitale Lernen skeptisch. „Wir sollten das, was wir in jahrzehntelanger Arbeit erreicht haben, nicht auf dem Corona-Altar opfern“, sagt Quentin. Zwar biete die Digitalisierung eine Chance für einen modernen Unterricht, aber es gebe noch keine Konzepte, und nicht überall seien die technischen Voraussetzungen gegeben. Zudem sei die Kontrolle der Schüler schwieriger, und auch die Sozialkompetenz könne nicht so geschult werden wie im Präsenzunterricht.

Start-ups wollen den traditionellen Fahrschulmarkt angreifen

Ganz anders sehen das Robin Stegemann und Lasse Schmitt, die vor zwei Jahren das Mobilitäts-Start-up Driv­Eddy gegründet haben und mit einem ähnlichen Geschäftsmodell wie dem von Flixbus den Fahrschulmarkt angreifen wollen. „Im Schnitt absolvieren Fahrschüler 28 Praxisstunden – und hier wird auch der wichtigste Teil der Sozialkompetenz vermittelt.

In der Theoriestunde sitzen dagegen über 50 Prozent einfach da, um die Anwesenheit bescheinigt zu bekommen“, sagt Schmitt. Bei DrivEddy können Fahrschüler per App eine Fahrschule buchen und sich auf Theoriefragen vorbereiten. Zudem bietet das Start-up auch eine analoge Filiale in Berlin an. Auf eigene Fahrzeuge verzichtet der Dienstleister, ähnlich wie Flixbus.

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„Das ist doch kein Argument gegen eine Digitalisierung“

In der Krise witterten die beiden Gründer die Chance, bundesweit E-Learning etablieren zu können. Sie schrieben alle Bundesländer an, meist kamen Absagen. „Einmal wurde uns geantwortet, dass auch bessere Zeiten kommen. So ein Unsinn. Das ist doch kein Argument gegen eine Digitalisierung“, ärgert sich Stegemann. „Die Prozesse sind sehr langwierig, der Unterricht findet immer noch in staubigen und kleinen Räumen mit Zettel und Stift statt. Die Digitalisierung im Fahrschulmarkt ist gleich null.“

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Dass es mit der Digitalisierung auf dem Fahrschulmarkt nicht vorangeht, verknüpfen die Unternehmer mit der derzeitigen Marktsituation. Interessenvertreter wie die Branchenverbände oder die Verlage der Lehrbuchmaterialien hätten ein finanzielles Interesse daran, dass Theoriestunden nicht online stattfinden, sagt Stegemann. Er würde den Markt am liebsten auf den Kopf stellen, nicht nur mit dem bundesweiten E-Learning. DrivEddy bildet auch Fahrlehrer aus, die bei dem Start-up „Mobilityberater“ heißen. Diese müssen vorab einen Fahrlehrereignungstest des Moving-Dachverbandes absolvieren.

Und dort kamen Stegemanns und Schmitts forsche Töne offenbar nicht gut an. „Moving hat uns mitgeteilt, über uns verärgert zu sein, und lehnt daher die Tests ab. Wir hatten Hunderte Anfragen“, ärgert sich Stegemann. Er glaubt, dass die Krise eine Chance gewesen wäre, den Beruf zu verjüngen. „Das haben wir nicht geschafft, weil einzelne Akteure sich gegen jeden Fortschritt stellen.“