Kult-Süßigkeit

Haribo-Goldbär wird 100: Was ist das Geheimrezept?

Björn Hartmann
| Lesedauer: 8 Minuten
Viele, viele bunte… Gold­bären. Die Erfindung von Hans Riegel aus Bonn wird gerade 100 Jahre alt.

Viele, viele bunte… Gold­bären. Die Erfindung von Hans Riegel aus Bonn wird gerade 100 Jahre alt.

Foto: Haribo

Grafschaft.  Eine Ikone aus Bonn feiert ihr hundertjähriges Jubiläum: Der Goldbär erfreut heute Menschen weltweit. Ein Besuch hinter den Kulissen.

Wenige Stars sind so bekannt wie er. Er ist deutscher Weltbürger und bereiste das All. Taucht er irgendwo auf, ob in Gelb, Rot, Grün, Orange oder Weiß, wollen ihn alle anfassen. Und aufessen. Erstaunlich für einen, der gerade 100 Jahre alt wird. Wie begeistert das Gummibärchen die Massen? Und wer ist der Goldbär, wie der Hersteller Haribo ihn nennt? Eine Spurensuche hinter sonst verschlossenen Türen.

Schon der Geburtstag ist so eine Sache. Bekannt ist nur das Jahr: 1922. Irgendwann passte in einer Waschküche im Bonner Stadtteil Kessenich der Mix aus Fruchtsaft, Gummi arabicum und einigen anderen Zutaten – und Haribo-Gründer Hans Riegel hatte den perfekten Bären.

Bekannt ist auch, dass der Bär einen längeren Hals hatte als heute und deutlich größer war: knapp fünf Zentimeter. Vorbild waren die Tanzbären des 19. Jahrhunderts. Bezahlbar gute Laune wollte Riegel verbreiten. Und die war kurz nach dem Ersten Weltkrieg wichtig.

In das Haribo-Zentrallager passt ein Fußballstadion

Der Bär überlebte Wirtschaftskrise und Nazischrecken, genoss das Wirtschaftswunder, erhielt seinen vergoldeten Namen und machte sich, jetzt geschrumpft, daran, die Welt zu erobern. Gemeinsam mit TV-Moderator Thomas Gottschalk rollte er werbemäßig den Markt auf. Und die US-Astronautin Cady Coleman nahm ihn 2019 tütenweise mit auf die Raumstation ISS.

Bevor es in die Umlaufbahn um die Erde gehen konnte, hatte der Bär schon einiges hinter sich. 1922 kam er noch mit dem Rad zur Kundschaft. Heute geschieht das per Lkw aus einem der 48 Tore des 2018 in Betrieb genommenen Zentrallagers in Grafschaft bei Bonn, sauber eingetütet, in Kartons verpackt und auf Paletten gestapelt.

Dafür zuständig ist Uwe Weber, Chef Logistik Deutschland. Er steht im Hochregallager, 120 mal 120 Meter mal 43 Meter, da passt ein kleines Fußballstadion hinein. Die 40 Meter hohen Aufzüge oder Regal-Bedien-Geräte sirren und schnurren in den 22 Regalschluchten hin und her, um Paletten mit Goldbären einzusortieren oder mit Tütenfolie herauszuholen. Lesen Sie hier: Rassismusvorwürfe: Bahlsen benennt „Afrika“-Kekse um

Mehr als 50 Prozent Marktanteil in Deutschland

Weber hat die in dieser Form einmalige Anlage selbst entworfen. 1300 Paletten in der Stunde kann sie umschlagen, gut 100.000 Paletten lagern hier, sehr viele Goldbären, auch Schaummäuse, Lakritzschnecken, Riesenanakondas. Und nur die Anlage weiß, welche Palette mit L’Ours d’Or oder Goldbears für die französisch- oder englischsprachigen Märkte als Nächstes herausgesucht werden muss. Alles technisch effizient, damit der Bär überall und immer verfügbar ist, aber entstehen muss er irgendwo anders.

Eine Tür, die hier allgegenwärtigen und elektrobetriebenen gelben Wagen der Logistikanlage auf ihren blauen Schienen. Die Passerelle, der Übergang vom Lager zum Allerheiligsten bei Haribo: der Produktion. Es riecht nach warmem Zucker und – Himbeere vielleicht? Jedenfalls sehr intensiv nach Goldbär.

An dieser Stelle heißt es: Mobiltelefon abgeben, Schmuck ablegen, Spezialschuhe anziehen, Schutzkleidung. Dann öffnet sich die Tür zur Produktion, wie das Lager ein grauer Kasten. Die modernste Anlage der Süßwarenindustrie, sagen sie bei Haribo. Sieben Fußballfelder groß, über drei Ebenen. Auch interessant: Warum Porsche-Urenkel Stefan Piëch Kinderfilme vermarktet

Ganz oben werden die Zutaten gemischt, ganz unten wird sortiert. Dazwischen: ein Geheimnis. Wegen der Konkurrenz. Haribo hat in Deutschland geschätzt zwischen 50 und 60 Prozent Anteil am Markt für Fruchtgummi und Lakritz. Auch weltweit sieht man sich als Nummer eins. Und das soll so bleiben.

Der Mix in den Goldbär-Tüten ist zufällig

Nur so viel zur Produktion: „Alles drum herum ist computergesteuert und modern, im Kern entsteht der Bär aber wie vor 100 Jahren“, sagt Hans-Christian Kimmel, Chefarchivar des Unternehmens. Auf einem Blech wird Maisstärke ausgebreitet, ein Stempel in Bärenform wird hineingedrückt, in die Mulde fließt dann der Bärengrundstoff. Die Bleche stehen einige Zeit zum Trocknen. Dann werden die Bären im Sieb von der Stärke getrennt, mit Bienenwachs besprüht, damit sie nicht aneinanderkleben, gemischt und eingetütet. Lesen Sie mehr: Autoindustrie kritisiert Wissings Absage an Verbrenner-Autos

Das Grafschafter Werk ist natürlich etwas größer als Riegels Hinterhof 1922. Riesige Bleche, Hunderte Stempel, Hunderte Einspritzdüsen, ein silbrig-graues Gestänge, alles voll automatisiert. Und im Erdgeschoss, wo es anders als in den Etagen darüber ziemlich laut klackert, laufen die Bären vom Fließband in weiße Kisten. Alle Farben durcheinander.

Der Mix, das wird hier klar, ist tatsächlich zufällig. Ein Mitarbeiter in Schutzkleidung kontrolliert. Dann geht es zu den Verpackungsmaschinen, deren Schütt-Mechanik den Lärm erzeugen. Lesen Sie auch: Haribo: Gummibärchen nach Farbe sortiert – Probleme am Markt?

Immer noch ist unklar, wie der Bär so begeistern kann, dass japanische Fernsehteams eigens anreisen, um Bilder für eine Ratesendung daheim zu drehen. Oder dass Hotels kleine Tüten mit den Tieren in den Zimmern auslegen, um die Gäste zu erfreuen. Die Maschinen hier in Grafschaft, so viel ist zu erkennen, liefern immer die gleiche Form, Farbe, Härte. Nur woher kommt das gewisse Etwas?

Das Rezept kennen nur zwölf Leute

Vielleicht liegt das Geheimnis des Bären in der Rezeptur. Was drinsteckt, steht auf der Tüte: Zucker, Schweineschwartengelatine, Aromen, Saft, pflanzliche Farbstoffe. Aber wie genau der Mix aussieht, wissen bei Haribo nur zwölf Mitarbeiter. Einer davon ist Andreas Lohmüller, oberster Rezeptwächter, offiziell Leiter Rezepturen und Entwicklung International. Fragen lächelt er souverän weg. Das Marketing spricht lieber von Leidenschaft und kindlicher Freude, die in die Produktion einfließen. Lesen Sie hier: Führerscheintausch: Frist für erste Jahrgänge läuft bald ab

Zeit für einen Besuch bei Oliver Maier, Chef der Qualitätskontrolle. Böse Zungen behaupten, die Bären schmeckten alle gleich süß. Maier weist das weit von sich. Und im Blindtest unter Rotlicht – da sehen alle Bären gleich aus – stellt sich das auch als falsch heraus. Allerdings lässt sich der Geschmack ohne die Farbe nur sehr schwer zuordnen. Wichtig ist auch Textur, Biss, Glanz des Bären. Alles durchdacht, alles optimiert. „Der Bär hat die perfekte Snackgröße mit Fruchtgeschmack“, sagt Maier noch.

Goldbären auf der Modelleisenbahn oder im Gin Tonic

Kundinnen und Kunden haben ein hochemotionales Verhältnis zu ihren Goldbären. Wird nur eine Kleinigkeit geändert, etwa ein neuer Naturfarbstoff verwendet, muss der Kundenservice zahlreiche Anrufe und Briefe beantworten. Und die sind nicht immer freundlich.

Überhaupt stellen die Fans des Bären einiges mit ihm an: Packung anstechen und liegen lassen, damit die Tierchen härter werden. In Eiswürfel einsperren für den Bären im Gin Tonic. Als Dekoration auf Schokokuchen setzen oder als Passagier in Modelleisenbahnen. Hintergrund: Gummibärchen mit Wodka: Haribo verklagt Konkurrenten

Es gibt Orakel-Bücher über den Bären und eine computerlinguistische Arbeit darüber, wie die Tiere in den Tüten wohl kommunizieren. Auch ihre erotischen Fantasien wurden untersucht. Der Gummibär leuchtet als Lampe in deutschen Wohnzimmern, ein Sportartikelhersteller versah Sneaker mit ihm.

Und während man im steril-weißen Testraum steht, noch kaut und nachsinnt über diese deutsche, ja Industrieikone, sagt Maier: „Der Erfolg ist recht simpel erklärt: Never change a winning team.“ Aber das ist vielleicht zu einfach.

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