Baumkreuz bei Ifta: Beuys-Mitarbeiter hatten Idee eines Erinnerungsort als Denkmal und Skulptur

Joseph Beuys hatte 1982 zur "documenta" 7000 Basaltsäulen in der Kasseler Innenstadt abkippen lassen. Immer wenn ein Baum gepflanzt wird, sollte ein Stein daneben gesetzt werden. 1987 war der Steinhaufen abgetragen und der letzte Baum gepflanzt.

"Die Skulptur Baumkreuz ist das Symbol für den Willen, Grenzen zu überschreiten. Das gilt vor allem für die Grenzen des Denkens", heißt es auf der Schautafel am Grenzzaun, der daran erinnert, dass bis zum Herbst 1989 die DDR-Bevölkerung eingesperrt war. Foto: Peter Michaelis

"Die Skulptur Baumkreuz ist das Symbol für den Willen, Grenzen zu überschreiten. Das gilt vor allem für die Grenzen des Denkens", heißt es auf der Schautafel am Grenzzaun, der daran erinnert, dass bis zum Herbst 1989 die DDR-Bevölkerung eingesperrt war. Foto: Peter Michaelis

Foto: zgt

Beuys hat die Vollendung des Projektes "7000 Eichen" nicht mehr erlebt; er ist 1986 gestorben. Seine Mitarbeiter, Wegbegleiter wie der Künstler Johannes Stüttgen und der Landschaftsarchitekt Norbert Scholz, haben gemeinsam mit dem Unternehmer Frank Wilhelmi kurz nach der Öffnung der Berliner Mauer unangemeldet bei mir auf der Matte gestanden: "Guten Tag, wir sind Künstler. Wir wollen eine Allee von Kassel nach Eisenach pflanzen." Und da bereute ich schon, dass ich die überhaupt hereingelassen hatte: "Tut mir leid, aber Bäumchen pflanzen. ... Straßen garnieren, das ist mir zu unpolitisch, das muss ich nicht auch noch mitmachen." Darum gehe es auch nicht. Es gehe um mehr als Bäume, es gehe um eine soziale Skulptur.

Genehmigung vom Abrüstungsminister

Ohne es ahnen, war ich mit diesem Gespräch bereits Teil dieser Skulptur und der Überlegung geworden, was jetzt zu tun ist nach und mit dieser geöffneten Grenze. Wir haben uns geeinigt: Dieses Projekt einer Ost und West verbindenden Allee ist ein Lebenswerk. Wir sollten es dort beginnen, wo das Land zerschnitten war, und dann in beide Richtungen pflanzen. Die ersten 140 Bäume wurden am 16./17. November 1990 in die Erde gesetzt: Eine dreireihige Eschen-Allee auf dem ehemaligen Todesstreifen beiderseits des Grenzzauns und eine Lindenallee entlang der B 7. Der Grenzzaun ist Teil dieses lebendigen Denkmals. Der damalige Abrüstungsminister Rainer Eppelmann hatte uns kurzerhand genehmigt, den Grenzzaun zu erhalten. Heute ist es vermutlich das längste original erhaltene Stück in ganz Deutschland.


Seit der ersten Pflanzung treffen sich an jedem ersten Novembersamstag Menschen aus ganz Deutschland, um das "Baumkreuz" zu pflegen und weiter zu pflanzen. Mehr als 1500 Bäume sind in den zwei Jahrzehnten in die Erde gesetzt worden. Lange Alleeabschnitte gibt es auf Eisenach zu, auch Dank der Unterstützung durch das Thüringer Straßenbauamt. Seit 2004 wird auf der hessischen Seite in Richtung Kassel gepflanzt. Es ist wie in der Geschichte von dem Mann, der vor seinem Haus angefangen hatte Bäume zu pflanzen und bis an sein Lebensende damit nicht aufgehört hat. Je mehr Jahre ins Land gingen, umso weiter musste er laufen, um an dem Rand des Waldes weiterpflanzen zu können. Auch die, die jedes Jahr im November das "Baumkreuz" fortpflanzen, müssen immer weiter fahren - bis ans Ende der immer längeren Allee.


Zur "Baumkreuz-Gemeinde" gehören Künstler aus Düsseldorf und Köln, Unternehmer aus Frankfurt, Landschaftsgärtner aus Kassel, kirchliche Gruppen aus der Region, Naturschützer, Bürgerrechtler und Bürger aus Ifta und Eisenach. Die Menschen gehören genauso zur Skulptur wie die Bäume und der Grenzzaun. So ist das "Baumkreuz" Ausdruck dafür, dass wir verändern können, wenn wir es wollen. Wer einen Baum pflanzt, ist verantwortlich dafür, dass er alt werden kann. Das ist schon lange nicht mehr selbstverständlich. Mit dem "Baumkreuz" ist angekreuzt, dass wir uns zu kümmern haben. Gleichzeitig ist aber auch durchkreuzt, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Die Bäume wachsen. Damit ist die Skulptur "Baumkreuz" Symbol für den Willen, Grenzen zu überschreiten, vor allem die Grenzen des Denkens.

Der Zaun kann wie eine Wand wirken

So unterschiedlich diese Menschen auch sind, die sich da immer wieder treffen, sie wollen über den Tellerrand denken und verbinden, was getrennt oft Probleme macht: Wirtschaft und Kunst, Kapital und Demokratie, Ökologie und Wirtschaft, Arbeit und Lebenssinn. Auch daran erinnert uns das "Baumkreuz". Schaut man aus einem bestimmten Blickwinkel auf den Metallgitterzaun, wirkt er wie eine undurchdringliche Wand. Verändert man aber den Blickwinkel, lässt er den Blick durch, der sich weitet hinüber auf die andere Seite.


Organisiert werden die Pflanzungen vom "Unternehmen Wirtschaft und Kunst - erweitert gGmbH". Das Unternehmen steht in der Tradition des erweiterten Kunstbegriffs von Joseph Beuys. Kunst hat mehr zu sein als das Bild über dem Sofa: Gestaltung, Einmischung. Die Gesellschaft als soziale Skulptur. So ist auch der Satz von Beuys zu verstehen "Jeder Mensch ein Künstler". Nicht jeder kann ein Bild malen oder eine Plastik formen. Aber jeder Mensch kann Gesellschaft gestalten. Damit hat Kunst weniger mit Können zu tun, mehr mit Wollen. Jede und jeder von uns hat die Veranlagung zur Bürgerin, zum Bürger, bereit sich einzumischen, Verantwortung zu übernehmen fürs Ganze.


Vom "Baumkreuz" ist es nicht mehr weit bis zu mehr Demokratie. Zu dem erweiterten Kunstbegriff ist der erweiterte Wirtschaftsbegriff gestellt. Er verlangt nach dem Verursacherprinzip. Die Wirtschaft hat für die ökologischen und sozialen Folgen ihrer Unternehmungen verantwortlich zu sein. Es geht darum, der Entfremdung des Menschen vom Material, vom Arbeitsprozess, vom Produkt zu begegnen.


Das "Baumkreuz" ist erlebbar, begehbar. Es ist eine Einladung, zwischen den Bäumen am Grenzzaun entlang zu gehen. Wer zwischen den schon erwachsenen Eschen den Hügel hinauf ans Ende des Grenzzauns läuft, wird von selbst still. Im Frühjahr und Sommer geht es durch ein Bett aus Kräutern: Natterkopf und Wilde Malve, Wegwarte und Seifenkraut, Leinkraut, Eselsdistel, Reseda und die Königskerze. Angesät nach der Baumpflanzung. Im Winter tritt man Spuren in den Schnee, wo nie Spuren sein durften. Der Streifen direkt am Grenzzaun wurde jahrzehntelang mit Herbiziden totgespritzt und glattgewalzt, um jeden Schritt auf das verbotene Terrain entdecken zu können. Unweigerlich berührt man das Metallgitter und ahnt etwas von den Wunden, die diese Grenze geschlagen hat. Vielleicht in 100 Jahren wird der Zaun in sich zusammengefallen sein. Aber dann "wäre kein Gras über die Geschichte gewachsen, sondern Geschichte hätte sich über den Umweg der bürgerschaftlichen Aktion ebenso gestaltend wie deutend in die Landschaft eingeschrieben", vermerkt Maren Ullrich in ihrem Buch "Geteilte Ansichten. Erinnerungslandschaft deutsch-deutsche Grenze" über das "Baumkreuz". Die Allee wird weiter wachsen und zeigen, dass Menschen hier ein Zeichen setzen wollten. Alleen sind keine Laune der Natur. Sie sind Menschenwerk. Eine Allee mitten in der Landschaft lässt uns fragen, warum sie gepflanzt wurde, mit welchen Hoffnungen und Wünschen.


TLZ-Gastautor Ralf-Uwe Beck ist Mitinitiator der Aktion Baumkreuz, Pressechef der EKM und Sprecher von Mehr Demokratie in Thüringen. Beck war zur Wendezeit Pfarrer im Grenzgebiet und hat sich zudem bereits zu DDR-Zeiten für Umweltbelange eingesetzt.


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