Musik aus dem Reaktor: Weimarer Pianist Martin Kohlstedt veröffentlicht neues Album

Weimar.  „Flur“ heißt das neu Werk von Martin Kohlstedt, das am 27. November erscheint. Wir haben vorab mit dem Weimarer Komponist und Klangkünstler gesprochen

Zur Singleauskopplung „PAN“ veröffentlichte Martin Kohlstedt ein Musikvideo, das den Künstler beim Spielen auf dem Balkon seiner Weimarer Wohnung zeigt.

Zur Singleauskopplung „PAN“ veröffentlichte Martin Kohlstedt ein Musikvideo, das den Künstler beim Spielen auf dem Balkon seiner Weimarer Wohnung zeigt.

Foto: Martin Kohlstedt

Über Weimar zieht ein Gewitter auf, und Martin Kohlstedt setzt sich an den Flügel in der Mitte seiner Dachgeschosswohnung. Zwischen Sommerregen und Donner verlieren sich die zarten Melodien. Dennoch, jeder Ton wird beäugt, bedacht, mit konzentrierter Mine akribisch geprüft. „Das Drumherum spielt eine Rolle“, sagt der Pianist und Klangkünstler und meint weniger die naturgewaltige Geräuschkulisse, als die Situation. Es geht um die Aufnahmen zu seinem neuen Album „Flur“. Es geht um den Lockdown, um Natur und um den Rückwurf auf sich selbst.

Das Neue muss mit dem Alten „diskutieren“

Martin Kohlstedt, geboren im Eichsfeld, musikalisch gewachsen im Erfurter Zughafen und nun in Weimar zuhause, ist längst auf den großen Bühnen der Welt unterwegs, gastierte in der Hamburger Elbphilharmonie ebenso wie auf Festivals – dieses Jahr auch in Erfurt oder Saalfeld . Er arbeitete mit dem Leipziger Gewandhaus-Chor für sein letztes Album „Ströme“ zusammen, ist international bekannt und live ein Erlebnis. Seine Stücke stellt er in einen stetigen Diskurs, kein Konzert gleicht dem anderen.

„Das sind alles Einzelteile“, erläuterte Martin Kohlstedt im Juli bei einem Konzert im Erfurter Kontor seine Arbeitsweise und meint diffuse musikalische Themen, die er unter Höchstkonzentration situativ aneinanderreiht und damit Werke quasi nach dem Legobaukastenprinzip erschafft. Oftmals eingebettet in elektronische Klänge. „Das Neue muss mit dem Alten diskutieren“, ergänzte der Künstler vor dem Erfurter Publikum und verwies auf die ersten Themen derer Stücke, die nun den Weg auf das neue Album gefunden haben.

Abgeschlossen ist der Diskurs um die Stücke damit trotzdem nicht. Spätestens auf dem nächsten Konzert werden sie erneut umformuliert. Dann, wenn es die Corona-Situation wieder zulässt.

Am Freitag, 27. November, erscheint das neue Album „Flur“. Eines, dessen Entstehungsprozess mitten in den ersten Lockdown fällt und das sich nun, im zweiten, mit ebenjenem Stoff musikalisch auseinandersetzt. Auch wenn er in so manches Thema seit zehn Jahren hineingewachsen sei, so Martin Kohlstedt. „Man kommt nicht umhin, dass das Album durch den Lockdown geprägt ist. Man wird auf sich selbst zurückgeworfen.“

Manchmal nachts um eins auf den Aufnahme-Knopf gedrückt

Es sei Musik aus dem Reaktor, gab der Musiker bereits im Sommer preis. Ein Album, das aus Sicht des Künstlers einen neuen Grundstein seines Schaffens bildet. Reine Klaviermusik, zurück zu den Wurzeln, eine Konfrontation mit den eigenen Sachen, keine elektronischen Elemente. Und dennoch unnachahmbar und klanglich unkonventionell. Wie kommt das zustande?

„Es war eine progressive Art der Aufnahme“, erläutert Martin Kohlstedt beim Gespräch in seinen heimischen vier Wänden in Weimar. Dort entstanden die Stücke ausnahmslos. „Ich gehe nicht ins Studio“, so der Musiker. Denn im Studio tickt die Uhr rückwärts. „Hier habe ich teilweise nachts um eins auf den Record-Knopf gedrückt.“ Dann, wenn die Zeit und der Zustand passte.

Mit acht Mikrofonen wurde der Flügel in der Mitte des großen Zimmers abgenommen. „Bis zu drei Millimeter über den Saiten“, konkretisiert Martin Kohlstedt. „Es sollte so nah wie möglich dran sein, so wie ich es höre.“ Und so erwartet das Publikum auf dem neuen Album eben keine klassische Klaviermusik, keinen überproduzierten Computersound, sondern ein Zusammenspiel aus Klängen, in dem neben dem Klavier und dessen Mechanik, dem Abheben der Filze oder dem Anschlag der Tasten, nicht nur Donner, Regen oder Vogelgezwitscher, sondern auch mal ein vorbeifahrendes Auto, ein Knarzen oder Schritte, die Töne wie ein weißes Rauschen umspielen.

„Ich habe im Schnitt vier bis fünf Takes pro Song aufgenommen“, so Martin Kohlstedt. Schwer sei es gewesen, zu bewerten, welches davon das Beste sei und warum. Ungeschnitten und ungefiltert kam zuletzt eine Auswahl von zehn Stücken auf das Album, die gut und gerne als authentisch bezeichnen werden könnten. Aber: „Wer Authentizität ausspricht, macht sie bereits zum Konzept.“

Und Thematisch? „Ich verfolge eine unterbewusste Geschichte“, sagt der Musiker. „Die Geschichte führt von einem Status zum nächsten.“ Skepsis in der Mitte, am Ende der Aufbruch mitten im Gewitter. „Eine Heldengeschichte“, fasst der 32-Jährige zusammen und relativiert im nächsten Augenblick: „Wichtig ist, dass sich etwas entwickelt, ein Gedanke, der sich durchsetzt.“

Ein Wald-Gemälde ziert das Cover des Albums

Und nicht zuletzt ist es wieder die Natur, die Martin Kohlstedt inspiriert. So ziert das Cover beispielsweise ein Wald-Gemälde von dem Neuen-Leipziger-Schule-Maler David Schnell. Ebenso der Titel: „Flur ist eine doppelte Metapher. Einerseits ist es ein Raum mit vielen Türen, vielen Möglichkeiten, andererseits die weite Flur, das Unendliche, in das der Mensch eingebettet ist“, erläutert Martin Kohlstedt. Doch die Quintessenz ist die Spielweise, die natürliche Elemente in sich trägt. „Ich setze mich unterbewusst hin, ich zapfe einen Äther an. Es ist die ganze Zeit natürlich,“

Martin Kohlstedt: Flur. CD, Warner. Erscheint am Freitag, 27. November.