Konstantin Wecker gastierte in Gothaer Stadthalle

Gotha. Eindringlich warb der Liedermacher Konstantin Wecker in der Stadthalle für eigenständiges Denken und Mut zu solidarischem Handeln. Dafür erhielt er auch am Samstagabend einen gewaltigen Applaus.

Abwechselnd sang, las und plauderte der charismatische Sänger, der sich noch nie vom Zeitgeist hat korrumpieren lassen. Den Froschkönig, das Gothaer Maskottchen, hatte Wecker am Nachmittag im TA-Lesergespräch geschenkt bekommen - und gleich mit auf die Bühne genommen. Foto: Lutz Ebhardt

Abwechselnd sang, las und plauderte der charismatische Sänger, der sich noch nie vom Zeitgeist hat korrumpieren lassen. Den Froschkönig, das Gothaer Maskottchen, hatte Wecker am Nachmittag im TA-Lesergespräch geschenkt bekommen - und gleich mit auf die Bühne genommen. Foto: Lutz Ebhardt

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"Konstantin Wecker hat die Urgewalt eines Feuer speienden Drachens und die leichte Eleganz eines Seiltänzers in sich vereint", sagte Luise Kinseher im Juli vorigen Jahres in ihrer Laudatio auf den Gewinner des Ehrenpreises des Bayerischen Kabarettpreises. Wie sehr sie damit Recht hat, zeigte sich am Samstagabend in der Stadthalle. Zwar konnte sich der Mann, der uns aus unserer Lethargie zu wecken vermag und wohl deshalb diesen Namen trägt, wegen einer Schulterverletzung nicht selber am Flügel begleiten, doch sein "musikalisches Alter Ego", Johannes Barnikel, ging glänzend als vollgültige Kopie durch.

O-Ton Wecker: "Sie können sich nicht vorstellen, wie schwer es ist, nicht Klavier zu spielen." So setzte er sich im Laufe des Abends mehrfach zum Pianisten aufs Klavierbänkchen, um wenigstens mit der rechten Hand herzerfrischend mitzujazzen.

Wer scheitert, hat dazugelernt

Aus Liedern und Leseproben, hauptsächlich aus seinen autobiografischen Notizen "Die Kunst des Scheiterns", aber auch aus Gedichten und Bemerkungen zum politischen Schmierentheater, ist ein Programm entstanden, das tief unter die Haut geht. Sein Titel ist der eines seiner Gedichte: "Jeder Augenblick ist ewig".

Im Liedermacher Konstantin Wecker (inzwischen 66) vereinigen sich die geschulte Stimme des Opernsängers, die exzessive Musizierlaune des Jazzpianisten, der rebellische Freiheitsdrang des politischen Dichters, der furchtlos die Dinge beim Namen nennt - und die innige Sanftmut des Liebenden. Noch immer jagt diese Stimme dem Hörer Eises­schauer über den Rücken, denn dieser Sänger besitzt etwas ganz Seltenes - er ist grundehrlich.

Alte Weisen rinnen wie Balsam ins Herz: "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist", "Ich möchte am Abend mit dir auf fremden Balkonen sitzen", "Genug ist nicht genug" ...

Dann das Lied für Hans und Sophie Scholl und alle, die in ihrem Sinn agieren - Worte, die sich einbrennen: "Der Herbst an der Isar ist wunderschön, und in den Wäldern lagern Raketen ... Ihr habt geschrien, wo andre schwiegen - es geht ums Tun und nicht ums Siegen!"

Selbst Lieder, die auf den ersten Blick einfach nur witzig wirken, sind voller Dynamit. Harmlos trällernd beginnt diese Liebeslied-Persiflage: "Das Lächeln meiner Kanzlerin, das raubt mir den Verstand ..." Ein paar Strophen später aber heißt es: "Ich blas‘ mit ihr den Terrorfürsten dieser Welt den Marsch und kriech‘ dafür für alle Zeit der Nato in den Arsch."

Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, tritt Konstantin Wecker gegen alle an, die auf unsere Vergesslichkeit setzen: Die Annexion der Krim sei Völkerrechtsbruch. Angeprangert werde er aber ausgerechnet von jenen, die völkerrechtswidrig in den Irak einmarschiert sind und ihm hunderttausendfachen Tod gebracht haben, und von denen, die das gut geheißen haben .".".

Der Beifall zum Schluss ist gewaltig, die Zugaben dauern fast eine halbe Stunde. Jeder spürt es: Wecker will und kann Hoffnung geben mit seinen Liedern. Aber auch mit dem bei Amazon als kostenloses e-Book angebotenen "Aufruf zur Revolte", verfasst von ihm und "Prinz Chaos"II." Und so werden sie jetzt wieder lebendig, diese berühmten Zeilen: "Umarmen wir jetzt jeden, der uns braucht in dieser bitterkalten Zeit!"

Das war nicht einfach ein Konzert - es war ein Fest der Selbstermutigung.

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