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„Tatort“ aus Hamburg: Täter und Ermittler im Ausnahmezustand

Essen.  Im 1111. Tatort „Querschläger“ müssen die Hamburger Kommissare einen Vater zur Strecke bringen, der von blinder Wut übermannt wird.

Im „Tatort“ gefangen im Zwiespalt: Julia Grosz (Franziska Weisz) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) müssen den Täter zur Strecke bringen – obwohl sie seine Beweggründe nachvollziehen können.

Im „Tatort“ gefangen im Zwiespalt: Julia Grosz (Franziska Weisz) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) müssen den Täter zur Strecke bringen – obwohl sie seine Beweggründe nachvollziehen können.

Foto: NDR / Christine Schroeder

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Bei einer Routine-Kontrolle auf einem LKW-Rastplatz ist ein Fahrer mit einer Crack-Pfeife erwischt worden, Julia Grosz (Franziska Weisz) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) sollen den Fall übernehmen. Doch kaum angekommen, ist es für die Hamburger Tatort-Ermittler mit der Routine vorbei. Unvermittelt fallen Schüsse. Ein Heckenschütze hat einen anderen Truck ins Visier genommen, Grosz und Falke gehen in Deckung, ein Unbeteiligter wird tödlich getroffen.

Warum hat der Täter sich vom Polizeiaufgebot auf dem Autohof nicht abschrecken lassen? Warum hat er bewusst dorthin geschossen, wo niemand stand? Denn die tödliche Kugel war ein unglücklicher Querschläger. Galt der Anschlag tatsächlich der Speditionsfirma Aksoy, oder wurde das Ziel willkürlich gewählt?

Hamburger „Tatort“ mit überzeugendem Drehbuch

Während die Ermittler noch rätseln, ob sie es mit einem psychisch gestörten Einzeltäter oder mit einer Auseinandersetzung im Trucker-Milieu zu tun haben, ist der Zuschauer schon ein gutes Stück weiter. Der kennt den Schützen, der auf der Flucht die Maskierung abgelegt hat: Es ist der liebevolle Familienvater Steffen Thewes (Milan Peschel). Über die Medikamentenschachtel, die er im nahe gelegenen Wald verloren hat, kommen Grosz und Falke ihm allmählich zwar auf die Spur, doch der Lösung des Falles kommen sie dadurch nur bedingt näher. Denn Thewes muss einen Helfer haben.

„Querschläger“ ist der 1111. Tatort-Fall. Dank eines bis ins Detail überzeugenden Drehbuches (Oke Stielow) und der kongenialen Umsetzung durch Stephan Rick erweist sich diese Schnapszahl für den Zuschauer als absolute Glückszahl. Denn diesmal geht es um Fragen, die im Fernseh-Krimialltag normalerweise nicht gestellt werden. Jedenfalls nicht in dieser Dringlichkeit.

„Tatort“ stellt Verzweiflung eines leidenden Vaters überzeugend dar

Wie abgrundtief verzweifelt muss ein Mensch sein, der ohne Rücksicht auf sich selbst und auf andere zu den vermeintlich letzten Mitteln greift und zur unberechenbaren Gefahr wird? Und wie verhalten sich die Ermittler gegenüber einem solchen Menschen, dessen Motive sie allzu gut verstehen, dessen Verzweiflung sie teilen und dem sie gerne helfen würden?

Thewes‘ Tochter Sara ist todkrank, leidet an Halswirbelsäulen-Instabilität (CCI). In Deutschland nicht zugelassene Tabletten verschaffen nur kurzfristige Linderung. Eine lebensrettende OP ist nur in den USA möglich, doch die Krankenkasse hat die Kostenübernahme verweigert. Auch das Ergebnis einer Online-Spendenaktion liegt weit hinter den benötigten 300.000 Euro zurück. Den physischen Schmerzen, die Sara hat, entsprechen die Ängste und psychischen Schmerzen des Vaters.

Ermittler befinden sich in Gewissenskonflikt

Wie Milan Peschel dessen Seelenqualen auslotet, wie er als Steffen Thewes vom Mahlstrom aus Hoffnung und Enttäuschung, Verzweiflung und immer blinder werdender Wut fortgerissen wird, das ist von seltener, von überragender Intensität. Seine Taten können Grosz und Falke natürlich nicht hinnehmen. Dass sie aber gleichzeitig einen Weg finden, dem Vater zu helfen, das passt zu diesem Ausnahme-Krimi.

Für Eltern gibt es nichts Schlimmeres, als ihre eigenen Kinder leiden zu sehen. Dauerhafte Unterstützung für Eltern chronisch kranker Kinder ist nicht immer einfach zu bekommen – aber es gibt sie.

Tatort „Querschläger“, ARD, 1. Dezember, 20.15 Uhr

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