Eine Polizeimeldung aus Gerstungen und ihre Geschichte

Eisenach  Ausländer und Kriminalität: Warum unsere Zeitung die Herkunft eines mutmaßlichen Täters nicht nannte

Wenn Ausländer als Tatverdächtige im täglichen Polizeibericht auftauchen: Welche Regeln gelten in diesem Fall für Journalisten? Foto: Daniel Volkmann

Wenn Ausländer als Tatverdächtige im täglichen Polizeibericht auftauchen: Welche Regeln gelten in diesem Fall für Journalisten? Foto: Daniel Volkmann

Foto: zgt

Die Berichterstattung über alles, was mit Flüchtlingen zusammenhängt, weckt Emotionen. Das betrifft auch die Lokalredaktion unserer Zeitung. Am Donnerstag schrieben wir über einen Vorfall am Gerstunger Bahnhof, den die Polizei am Mittwoch gemeldet hatte.

Demnach hörten zwei männliche Zug-Fahrgäste am Dienstagabend zwischen Eisenach und Gerstungen laute Musik und beleidigten zwei Mitreisende, Mann und Frau. In Gerstungen stiegen alle aus, die Frau wurde von den beiden Männern geschubst, fiel hin und verletzte sich am Kopf. Die beiden Täter warfen dann noch Schottersteine in Richtung des Paares, das jedoch nicht getroffen wurde.

Dann flüchteten sie Richtung Gemeinschaftsunterkunft. Was von der Polizei ebenfalls gemeldet, aber von unserer Zeitung nicht übernommen wurde: Die Beschuldigten sind Ausländer. Deshalb schlugen die Wogen hoch. Ein von dem Vorfall Betroffener und weitere Anrufer bezichtigten die Redaktion, die Wahrheit über kriminelle Ausländer unterdrücken zu wollen oder gar dabei von jemandem gesteuert zu werden.

Kontroverse Diskussion auch in der Redaktion

Wie kam es zu der Entscheidung, die Nationalität nicht zu nennen? Sie fiel nach intensiver, kontroverser Diskussion innerhalb der Redaktion. Denn es gab zwei Sichtweisen: Herkunft benennen, um unsere Zeitung nicht dem Vorwurf des Vertuschens auszusetzen? Oder nicht benennen, mit Verweis auf den Pressekodex und den Umstand, dass die Polizeimeldung Fragen aufwarf, die auf die Schnelle nicht zu klären waren?

Wir entschieden uns für Letzteres. Dabei orientierten wir uns am Pressekodex. Den haben sich die Medien freiwillig gegeben. Es heißt dort: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“

Nun wird dieser Passus auch in Journalistenkreisen viel diskutiert. Aber er gilt nach wie vor. Ist die Tat von Gerstungen eine typische Tat von Ausländern? Hat die Herkunft der mutmaßlichen Täter einen Bezug zur Tat? Unserer Meinung nach nicht. Solche Zwischenfälle gibt es bei der Bahn häufiger, oft auch von Deutschen. Verwerflich sind sie alle. Ob es eine Häufung solcher Taten von Ausländern gibt, das kann nur eine ausführliche Statistik belegen.

Die Staatsangehörigkeit wurde also nicht betont, sie wird es auch nicht bei deutschen Tätern. Genausowenig wie andere Merkmale wie die Religion. Sollte man es schreiben, wenn ein Täter katholisch ist, damit klar wird, ob Katholiken besonders oft Straftaten verüben?

Eine Nachfrage bei der Polizei zu der Meldung ergab: Sie beruht bislang nur auf Aussagen der Geschädigten. Einer der mutmaßlichen Täter wurde geschnappt, hat sich aber bisher nicht geäußert. Zeugen werden per Aufruf gesucht. Der Fall ist also noch nicht aufgeklärt. Frage an die Polizeisprecherin Karin Köhler: Kann es passieren, dass der Vorfall nach Abschluss der Ermittlungen sich in anderem Licht darstellt? Antwort: „Ja, das ist stets so, solange ermittelt wird. Es wird ja auch ermittelt, ob Beschuldigte entlastet werden können.“

Das heißt nicht, dass wir den Betroffenen nicht glauben. Aber sie haben eine eigene Sicht, was einer der Beteiligten einräumt: „Man ist natürlich aufgebracht, dass einem so etwas passiert“, sagte er. Daraus fielen dann auch schnell eigene, harte Urteile. Manchmal auch vorschnelle.

Bisher lautet die Aussage der Polizei in der Region einmütig: Die hohe Zahl der Flüchtlinge führt nicht zu einem signifikanten Anstieg an Straftaten. Unsere Zeitung wird sich diesem Thema immer wieder widmen, wie zum Beispiel auch schon bei der von Ausländern verübten Einbruchserie in Gerstungen.

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