Elisabeth Kaiser zeigt ihr Gera: Über Bedeutungsverlust, Enttäuschungen und positive Veränderungen

Gera  Hier ist sie aufgewachsen und hier hat sie als junge Bundestagsabgeordnete ihren Lebensmittelpunkt. Sie setzt darauf, dass es aufwärts geht.

Unterwegs mit der SPD-Bundestagsabgeordnete Elisabeth Kaiser in ihrer Heimatstadt Gera. Hier steht sie auf der Brücke zum schmucken Stadtteil Untermhaus.

Foto: Gerlinde Sommer

Ein Samstag im Hochsommer: Elisabeth Kaiser nimmt sich Zeit, ihr Gera zu zeigen – und die Gemütslage der Gerschen, wie die Einwohner sich selbst nennen, zu erklären. Kaiser ist seit 2017 SPD-Bundestagsabgeordnete – aber sie gehört nicht zu denen, die in einer Politikblase leben. Ihr Lebensmittelpunkt ist ihre Heimatstadt. Deshalb soll es hier nicht vorrangig um Parteipolitik gehen, sondern um die Lage der Menschen in ihrer Heimat. Dass hier bei den jüngsten Wahlen bald jeder dritte Einwohner bei der AfD sein Kreuz machte, hat etwas mit der jüngeren Geschichte dieser Stadt zu tun.

Treffpunkt Hauptbahnhof. Die Zeit, als hier nur noch Regionalzüge hielten, ist seit vergangenem Jahr vorbei. Inzwischen gibt es wieder einige IC-Verbindungen, die bis ins Ruhrgebiet reichen. Die schiere Möglichkeit, von hier aus eine so lange Bahnreise antreten zu können, ist offenbar mental wichtig, wenn es um das Selbstbewusstsein der Einwohner geht.

Gera war Bezirksstadt, Industrie- und Textilstadt

Ein Thema beim Stadtbesuch mit Elisabeth Kaiser ist jener Bedeutungsverlust, an dem viele Gersche leiden. Es geht um das Gefühl einer übergestülpten Zweitklassigkeit, einer Deklassierung, die sich in vielen Bereichen bemerkbar gemacht hat. Und über die so lange geschwiegen wurde. Viele haben nicht nur einen Jobverlust erlebt. Sie kennen die Ungewissheit – und die mangelnde Anerkennung der Lebensleistung. Das macht etwas mit den Menschen.

Gera hat: schöne Parks und Sportstätten, Villen in großer Zahl, zum Teil gut sanierte Wohngebiete, Kultur bis hin zum Fünf-Sparten-Theater. Ist das nur schöner Schein?

In der DDR war Gera nicht irgendeine Stadt. Gera war Bezirksstadt, Industrie- und Textilstadt. Die Wismut spielte eine zentrale Rolle. Elisabeth Kaiser bringt das, was seither passiert ist, auf den Punkt: „Ostthüringen ist immer hintendran und hinterher. Hier ist eben nicht passiert, was anderswo passiert ist: Wir konnten von dem Wirtschaftswachstum, das es deutschlandweit gibt, nicht im gleichen Maße wie andere profieren.“

Jena leuchtet und stellt Nachbarn in den Schatten

Nachbarstädte wie Jena und Weimar haben Gera längst den Rang abgelaufen. Geras Einwohnerzahl schrumpfte, Jena wuchs und wird seit vielen Jahren immer wieder als Boomtown bezeichnet, als Leuchtturm. Wo Jena leuchtete, stand Gera im Schatten. Daran konnte auch die Bundesgartenschau 2007, langfristig gesehen, wenig ändern.

Weimar war Europäische Kulturstadt 1999, hat gerade den 100.000sten Besucher im neuen Bauhaus-Museum begrüßen können. Dabei ist Gera selbst eine wichtige Bauhausstadt – und wer will, der sollte sich schon mal den 11. August vormerken: An diesem Sonntag wird in Gera Bauhaustag sein. Zudem will sich Gera als Europäische Kulturstadt bewerben. Mitte des kommenden Jahrzehnts ist Deutschland wieder an der Reihe. Allerdings gibt es neben Gera andere starke Bewerber, etwa im nahen Sachsen.

Dass in Gera die Lage anders als in Jena oder Weimar ist, hat sich bei den jüngsten Wahlen gezeigt: Im vergangenen Jahr waren die Aussichten eines AfD-Kandidaten bei der OB-Wahl groß. Erst in der Stichwahl unterlag er. Bei der Kommunalwahl erreichte die AfD Ende Mai fast ein Drittel der Stimmen – und ihre Stadtratsmitglieder sind damit ein bestimmender Faktor, wenn es um die weitere Entwicklung und die Stimmung in Gera geht.

Vor diesem Hintergrund zeigt Elisabeth Kaiser ihr Gera. Sie ist hier geboren, Jahrgang 1987. Sie hat hier Kindheit und Jugend verbracht, war nach dem Abitur zum Studieren weg. Staatswissenschaften. Politik. Manch einer meint, ihr sagen zu müssen, sie habe ja nie richtig gearbeitet. Dabei saß sie schon als Schülerin in einem Laden an der Kasse, um sich das Taschengeld aufzubessern. Als Studentin hat sie im Kino gejobbt.

Vieles hat sich zum Positiven verändert

Nun lebt sie wieder hier – mit ihrem Mann, der mit ihr nach Gera gezogen ist. Rückkehrer in ihrem Alter gibt es einige. Aber die wenigen aus ihrer Generation der Wendekinder können die demografische Entwicklung nicht umkehren, die mit dem Ende der DDR eingesetzt hatte: Vor allem in den 1990er Jahren verließen viele junge Menschen die Stadt und Region – und sie fehlen nun ebenso wie ihre Kinder und später ihre Kindeskinder.

Welche Auswirkungen diese Veränderung nach sich gezogen hat, zeigt sich in Gera-Lusan, jenem Plattenbaugebiet, in dem Elisabeth Lier, so ihr Mädchenname, aufgewachsen ist. Ihre Mutter lebt noch immer dort; in einem sanierten Genossenschaftsblock, in guter Nachbarschaft. Die Bäume spenden Schatten. Auf einer großen Wiese stand früher ein Hochhaus. Es gab Rückbau und Umnutzung. Das heißt auch: Fast nichts ist mehr, wie es früher war. Der Kindergarten ist jetzt eine freie Schule. Das Gymnasium, nur wenige Blöcke von der elterlichen Wohnung entfernt, war einst eine gefragte Schule. Nicht nur die Kinder aus Lusan, sondern auch aus den umliegenden Dörfern kamen hierher, um für das Abitur zu lernen. Nun ist da nur noch eine Ruine: Nachdem die Plattenbauten Mitte der 2000er Jahre ihrer Funktion enthoben und die Schüler auf andere Gymnasien verteilt wurden, ist das Areal verwaist. Dort, wo die Geraerin einst im Kunstkurs unter freiem Himmel zeichnete, hat sich die Natur breit gemacht. Der Wegzug einer solchen Schule bedeutet immer auch, dass Kulturveranstaltungen und Kulturräume verloren gehen; dass ein Treffpunkt für Angehörige und Anwohner wegbricht. So war es auch hier, bestätigt Elke Lier, Elisabeth Kaisers Mutter.

In diesem Jahr ist viel die Rede von friedlicher Revolution, von Mauerfall und Wende. Sicher ist: Das, was vor 30 Jahren geschah, war für jeden eine Zäsur. Die ganze Entwicklung hat den Menschen in Gera viel abverlangt. „Als die Arbeitsplätze weggefallen sind und die Stadt nicht so richtig wusste, woher die Wirtschaftskraft kommen sollte, die wir brauchen, hat das mit den Menschen etwas gemacht“, gibt Elisabeth Kaiser zu bedenken. Sie hat das als Kind erlebt, manches erst im Blick zurück als schweren Einschnitt wahrgenommen. Gera habe versucht, sich als Dienstleistungs- und Einkaufsstadt zu profilieren. Aber in einer Region, aus der so viele Menschen notgedrungen der Arbeit wegen wegzogen und jene, die blieben, oft nur geringes Einkommen hatten, fehlte die Wirtschaftskraft. Eins kam zum anderen: Einrichtungen wurden geschlossen, Gebäude verfielen – und die „Wahrnehmung der Gerschen“ lässt sich mit Blick auf diese Zeiten in einen einfachen Satz fassen: „Bei uns geht es nur noch bergab.“

Das, sagt Elisabeth Kaiser, ziehe sich „bis heute durch, auch wenn sich vieles zum Positiven verändert hat.“ Die Buga 2007 war so ein Aufbruch. Oder die Einweihung einer neuen Straßenbahnlinie. Die Etablierung einer Kunstszene. Die Sanierungen ... In den vergangenen Jahren allerdings sei ein gewisser Stillstand eingetreten: Spürbar ist das im Tourismus, bei der Stadtvermarktung. Elisabeth Kaiser spricht von einer Art Bestandsverwaltung durch die vormalige Oberbürgermeisterin. „Wir hoffen auf die neue Stadtspitze. Aber die hat es mit dem politischen Stadtrat, der sehr konservativ belastet ist mit einem hohen AfD-Anteil, sehr schwer“, sagt sie – und spricht von den Sorgen, dass nun wieder Stillstand eintreten könnte. Stillstand, der doch am Ende wieder nur als Bedeutungsverlust wahrgenommen wird. Klingt nach der Gefahr, in eine Abwärtsspirale zu geraten.

Der Bedeutungsverlust schmerzt viele Einwohner

Zurück zum häufig empfundenen Bedeutungsverlust. Elisabeth Kaiser weiß um Menschen, die in Gera geblieben sind und sich etwas aufgebaut haben. Mit mehr oder weniger Erfolg. Und mancher reagiere jetzt auf die Geflüchteten mit großen Vorbehalten, weil bei den Einheimischen das Gefühl überwiege: Wir haben was gemacht, und jetzt kommen die Fremden und profitieren von dem Wohlstand, zu dem wir beigetragen haben, nutzen die Infrastruktur, die wir mit unseren Steuergeldern aufgebaut haben. Und unsere Kinder gehen weg. Wegen niedriger Löhne oder weil die Chancen anderswo besser sind. Elisabeth Kaiser erkennt darin einen Ausdruck von Enttäuschung: Statt einer Würdigung ihrer Leistung, die den Menschen hierzulande nach dem Mauerfall abverlangt wurde, erführen die Menschen eher eine Abwertung als vermeintliche „Jammer-Ossis“. Kaiser, Jahrgang 1987, verweist darauf, dass in den vergangenen drei Jahrzehnten „mehrere Transformationen auf einmal stattgefunden haben: neues wirtschaftliches System, neues politisches System.“ Und hinzu kommen all die kleineren und größeren persönlichen Nadelstiche: gebrochene Erwerbsbiografien, Nichtanrechnung von Anwartschaften bei der Rente. Aus alledem resultiere ein Teil der Enttäuschung: Zum Bedeutungsverlust kamen die Einbußen. Persönlich, finanziell.

Elisabeth Kaiser stellt in ihrer Stadt aber auch fest: „Die Menschen wünschen sich Solidarität. Sie haben Sehnsucht nach mehr Gemeinschaft in dieser Ellenbogengesellschaft.“ Zugleich werde im Gespräch mit Bürgern, ob nun am Wahlkampfstand oder im Stadtbüro der Bundestagsabgeordneten, deutlich, dass es den Menschen um Anerkennung gehe. Das Thema ist schon lange virulent, der Frust ist nicht neu. „Aber jetzt reden die Menschen darüber“, sagt sie.

Elisabeth Kaiser wünscht sich für Gera „mehr Optimismus und mehr Zukunftsvertrauen“, denn aus ihrer Sicht ist die Stadt „nicht abgehängt“, vielmehr habe Gera enormes Potenzial. Das wichtigste Kapital der Stadt seien „die Menschen, die hier leben“. Nun gehe es darum, mit dem, was Gera hat und was hier möglich ist, zu werben. Dazu gehört das Fünf-Sparten-Theater ebenso wie weitere Kultureinrichtungen, aber auch der Sport. „Hier kann man viel erleben, viel machen“, ist ihr Credo.

Die wichtigsten Stationen

1Ausgangspunkt Hauptbahnhof in Gera: Hier gibt es inzwischen wieder IC-Verbindungen bis ins Ruhrgebiet.

2Theater Gera: Für das Kulturleben der Stadt von großer Bedeutung.

3 Stadtpark Küchengarten: Ein wichtiger Treffpunkt und Erholungsort für die Geraer und ihre Gäste.

4 Untermhaus: ein besonders malerischer Stadtteil. Auf der Brücke gibt es ein Freiluft-Gastronomie. Hier steht das Otto-Dix-Haus. Hier ist die Galerie M1 Kunstzone angesiedelt.

5 Lusan: großes Plattenbaugebiet. Weitgehend saniert, großen Veränderungen unterworfen in den vergangenen Jahrzehnten.

6 Innenstadt: sehr schön saniert; problematisch ist der Leerstand vor allem im Einzelhandel. Besonders umstritten ist derzeit die Bebauung einer Großfläche.

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