300 Jahre Weimarer Jakobskirche: Pfarrer Erich Kranz mit Buch gewürdigt

Nur wenige Predigten von Pfarrer Erich Kranz (1929-1999) sind erhalten. Archiviert werden Predigten nicht, unterstrich Pfarrer Hardy Rylke. Umso bemerkenswerter, dass jene Predigt erhalten und auch bereits publiziert wurde, die Erich Kranz am 6. November 1989, drei Tage vor Öffnung der Mauer, bei den Friedensgebeten in der Nikolaikirche in Leipzig hielt:

Pfarrer Erich Kranz (1929-1999) wirkte von 1977 bis 1994 an der Jakobskirche. Unter dem Titel "Der Mut zum aufrechten Gang" erinnern sich jetzt Wegbegleiter in einem neuen Buch an den Seelsorger, Prediger und Bürgerrechtler. Archivfoto: Thomas Prager

Pfarrer Erich Kranz (1929-1999) wirkte von 1977 bis 1994 an der Jakobskirche. Unter dem Titel "Der Mut zum aufrechten Gang" erinnern sich jetzt Wegbegleiter in einem neuen Buch an den Seelsorger, Prediger und Bürgerrechtler. Archivfoto: Thomas Prager

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Weimar. "Was braucht der Mensch, damit er nicht verkümmert? 1. Er braucht Identität. 2. Er braucht Ganzheit. 3. Er braucht Heimat." Erich Kranz hat seine Predigten "in seiner unleserlichen Schrift" in Stichworten auf Din-A-5-Blätter notiert und frei gesprochen. "Er hat die Leute immer angeschaut", erinnert sich Ingrid Kranz. "Ich habe sehr bewundert, wie lebensnah und authentisch er seine Predigten Schritt für Schritt entwickelt hat. Sehr spannend und sehr überzeugend."

Doch dem Wunsch seiner Familie, seine Erinnerungen niederzuschreiben, konnte er nur mehr kurz entsprechen. Eigens dazu war eine Reiseschreibmaschine gekauft worden. Seine autobiographischen Aufzeichnungen reichen bis zu seiner Inhaftierung. Erich Kranz war damals schon zu krank, um die Aufzeichnungen fortzusetzen. So begann Ingrid Kranz, bis zu ihrer Pensionierung Direktorin der Universitätsbibliothek der Bauhaus-Universität, vor zwei Jahren, ihre ganz persönlichen Erinnerungen schriftlich zu fixieren. Bisher fehlte es an Geld, ein Buchprojekt zu verwirklichen. Das kann jetzt zum 300-jährigen Bestehen der Jakobskirche nachgeholt werden: In der von Pfarrer i.R. Christoph Victor herausgegebenen Anthologie erinnern sich verschiedene Autor/innen an den engagierten Weimarer Pfarrer und Ehrenbürger.

"Der Mut zum aufrechten Gang" würdigt den Seelsorger, Prediger und Bürgerrechtler und wird am Montag, 4. November, 17 Uhr, in der Jakobskirche vorgestellt. Das Werk will einladen, sich mit diesem "Leben im Widerstand" auseinanderzusetzen und Rückschlüsse auf das eigene Leben zu ziehen. Aufgenommen werden neben weiteren Beiträgen auch Auszüge aus den Erinnerungen von Ingrid Kranz. Die TLZ stellte Fotografien zur Verfügung.

Als der junge Pfarrer Erich Kranz im September 1964 die Kirchgemeinde Umpferstedt übernimmt, so Ingrid Kranz, sei "von Anfang an erkennbar gewesen, dass der neue Pfarrer ein guter Prediger ist und die Menschen direkt anspricht. Seine Sprache ist lebensnah und authentisch, das gefällt den Kirchgängern". Weniger gefällt das dem Parteisekretär und den Vertretern der Schule. Schnell wird deutlich: "Dieser junge Pfarrer geht eigene Wege und scheut keine Auseinandersetzung."

Weil Erich Kranz auch die Gemeinden in Schwabsdorf, Wiegendorf und Rödigsdorf mit betreut, schenkt die Patengemeinde in Baden-Württemberg ihm einen Motorroller. "Das wird ein weiterer Stein des Anstoßes für die Obrigkeit, als die ersten Westautos mit Besuchern aus dem Schwabenland vor dem Pfarrhaus parken", blickt Ingrid Kranz zurück.

Sie kannten einander noch nicht, da hat er Schlimmes erlitten, war von 1949 bis 1956 als politischer Häftling im berüchtigten Gefängnis in Bautzen inhaftiert. Mithäftling Walter Kempowski hat darüber unter anderem in seinem Buch "Ein Kapitel für sich" Zeugnis abgelegt. 1979 wird der Dorfpfarrer Erich Kranz an die Jakobskirche in Weimar und gleichzeitig zum Stadtjugendpfarrer berufen. Verschiedene Gruppen treffen sich unter dem Dach des Pfarr- und Gemeindehauses Am Jakobskirchhof 9. Unter den jungen Erwachsenen haben die Taufseminare der Jakobskirche "den Ruf interessanter und Kraft spendender Veranstaltungen".

Die Staatsmacht beobachtet sie mit Besorgnis, die Stasi schickt Spitzel, die sich dann zwangsläufig selbst enttarnen - weil sie nicht zur Taufe gehen. Es gibt Gesprächskreise, Bibelkreise, Frauenkreise, Friedensandachten. "In Erinnerung all dieser aktiven, lebendigen Unternehmungen in den 80er Jahren erfasst mich auch heute noch ein großes Glücksgefühl, wenn auch das Leben gemischt war mit Besorgnis und Ängsten", hält Ingrid Kranz fest. "Verstärkte Versuche, Pfarrer Kranz aus der Stadt zu vertreiben, werden durch Denunzierung, anonyme Beschuldigungen und durch den Diebstahl wertvoller Vasa sacra bei einem fingierten Einbruch in der Jakobskirche unternommen." Was ihr an ihrem Mann damals am meisten imponiert habe? "Seine Furchtlosigkeit", antwortet Ingrid Kranz.

Erich Kranz wird "immer mehr zum Vorbild und zur Leitfigur des Widerstandes gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung", erinnert sie sich. Ungeachtet aller Bespitzelung aber wurde das Gemeindeleben an der Jakobskirche lebendig und engagiert weitergeführt. Pfarrer Kranz schützte, förderte und motivierte viele Menschen, auch Nichtchristen. An ihn zu erinnern, ist deshalb überfällig.

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