Songcontest

Darum konnte Stefan Raabs „Free ESC“ nicht überzeugen

Berlin.  Die ARD und ProSieben konkurrierten am Samstagabend mit ihren eigenen ESC-Alternativshows. Doch Raabs „Free ESC“ fiel am Ende durch.

Nico Santos, der beim „Free European Song Contest" für Spanien antrat, jubelt über seinen Sieg.

Nico Santos, der beim „Free European Song Contest" für Spanien antrat, jubelt über seinen Sieg.

Foto: Willi Weber / dpa

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Zu Beginn ihrer ARD-Ersatzshow nutzte Barbara Schöneberger einen Abba-Song für einen Seitenhieb: „The winner takes it all, Raab is standing small, wir sind das Original“, sang sie. Denn ProSieben-Legende und TV-Produzent Stefan Raab hatte ebenfalls eine Ersatzshow für den ausgefallenen Eurovision Song Contest (ESC) in Angriff genommen und frech den „Free European Song Contest“ ausgerufen – für denselben Tag.

„Als wir das Datum des Free ESC festgelegt und kommuniziert haben, gab es an dem Abend keine weitere Musikshow im deutschen Fernsehen“, teilte ProSieben-Chef Daniel Rosemann dieser Redaktion mit.

ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber sah das anders: „Ich weiß nicht, was Stefan Raab geraucht hat“, sagte er dem Portal „ESC Kompakt“. Es wäre ja wohl klar gewesen, dass der 16. Mai ESC-Tag sei und die ARD kein Schwarzbild sende. Zudem hätte er Raab ein erstes Konzept für eine Ersatzshow geschickt.

Barbara Schöneberger moderiert witzig den Abend weg

Das Muskelspiel der Fernsehbosse bedeutete für die ESC-Fans eine Zwickmühle, die nur durch Zappen zu lösen war. Nun also stand Schöneberger im Knutschmund-Kleid in einer geisterhaft leeren Hamburger Elbphilharmonie.

Ein ESC ohne Fans, die jubeln, Tränen vergießen und mit Fahnen wedeln – das war zunächst so irritierend wie die leergeräumten Supermarkt-Nudelregale zu Beginn der Corona-Krise. Schöneberger aber moderierte unbeirrt witzig den Abend weg. Diese Frau würde auch noch nach einer Nuklearkatastrophe ihren Job machen.

Ben Dolic kann nicht überzeugen

Zehn Kandidaten, die tatsächlich in Rotterdam dabei gewesen wären, traten auf, nur einige waren aber tatsächlich vor Ort in Hamburg. Sie boten einen würdigen Querschnitt all dessen, was die Fans am ESC so lieben:

Es gab Powerfrauen (The Mamas aus Schweden mit „Move“), Powerballaden (Gjon’s Tear aus der Schweiz mit „Répondez-moi“), einen „Vulkan auf zwei Beinen“ (O-Ton Schöneberger, gemeint war Efebdi aus Aserbaidschan mit „Cleopatra“), eine verträumte Folk-Sängerin (Victoria aus Bulgarien mit „Tears Getting Sober“), 70er-Jahre-Retro-Trash (Little Bug aus Russland mit „Uno“, Platz 3) und verschrobene Jungs (Daði Freyr og Gagnamagnið aus Island mit dem viralen Hit „Think About Things“, Platz 2). „Sieger der Herzen“ wurde die angemessen exzentrische Band The Roop aus Litauen mit dem Elektropop-Sog „On Fire“.

Blässlich dagegen der Auftritt des deutschen Kandidaten Ben Dolic, der außer Konkurrenz auftrat. Über den Sieg entscheiden durften zur Hälfte die deutschen Zuschauer, zur anderen Hälfte eine Jury.

„Free ESC“ von Stefan Raab: Vier Minuten können lang sein

Bei Raabs ungleich längerer Gegen-Veranstaltung traten 16 etablierte Musiker wie Vanessa Mai oder Mike Singer auf. Sie konnten mindestens ein Elternteil vorweisen, das aus dem Land kommt, für das sie gesungen haben.

Die meisten legten routinierte Auftritte hin, doch es wurde klar: Ohne ESC-Brimborium ist eine Vier-Minuten-Performance mitunter ganz schön lang. Gerade Jüngeren muss sie endlos vorkommen – in dieser Zeit lassen sich genau 16 Videos auf dem Boom-Portal TikTok anschauen.

Angekündigt wurden die Auftritte durch halblustige Länderkunde-Einspieler wie dieser: „Der Kasache macht aus einer vollen durchsichtigen Flasche eine leere durchsichtige Flasche.“

Zum Glück versuchten Conchita Wurst und Steven Gätjen gar nicht erst, witzig zu sein. Ihre altmodische Paar-Moderation ließ liebevolle Erinnerungen an Kurt Felix und Paola aufkommen.

Tiefpunkt der Raab-Show: Sarah Lombardi im Ballermann-Stil

Tiefpunkt aber war Sarah Lombardi. Ihren Auftritt hatte Italien nicht verdient. Ihr Ballermann-Lied hatte mit dem Land von Gelato und Gorgonzola weniger zu tun als eine Tiefkühlpizza aus dem Discounter. Der Titel „Te amo mi amor“ ist auch noch spanisch, den Rest sang die Kölnerin auf Deutsch. Spanisch? Deutsch? Hauptsache Italien, muss sie sich gedacht haben.

Gewonnen hat dann der gebürtige Bremer Nico Santos („Like I Love You“), der als Sohn des Melitta-Manns Egon Wellenbrink auf Mallorca aufwuchs und für Spanien antrat.

Kein Stefan Raab – aber Helge Schneider als Überraschungs-Kandidat

Als Geheimnis gehandelt wurde bis zuletzt der deutsche Beitrag: Man hatte gehofft, Raab, das Phantom, kehre doch noch einmal auf die Bühne zurück, doch dann war es Kabarettist Helge Schneider mit einem Quarantäne-Lied.

Dabei hatte 64-Jährige vor wenigen Tagen noch in einem etwas wunderlichen Video verkündet, erst wieder auftreten zu wollen, wenn wirklich alle Freiheiten wiederhergestellt sind.

Raab selbst war immerhin kurz in einem Einspieler zu sehen, verkleidet als Nicole, Gewinnerin von 1982. Und doch war er allgegenwärtig. Die Show geriet zum selbstreferenziellen Spektakel des ProSieben-Raab-Kosmos. Die Off-Stimme war aus „TV Total“ bekannt, Raab-Entdeckung Max Mutzke sang in seiner Astronauten-Verkleidung aus der ProSieben-Show „The Masked Singer“ für ein Gastland namens Mond, Heidi Klum wurde aus Los Angeles eingeschaltet und durfte für ihr „Topmodel“-Finale werben.

Charmantes „Wort zum Sonntag“

Etwas müde vom Zappen hätte man sich gewünscht, die Strippenzieher hätten ihre Kräfte lieber gebündelt statt sich zu kannibalisieren. Ein großer Pluspunkt aber geht an die ARD: Eine Show, die durch das „Wort zum Sonntag“ unterbrochen wird und in der die charmante Pastorin Annette Behnken verkündet, dass das „Leben mal eine Ode an die Freiheit und mal atemlos“ sei, das gibt es eben nur im Öffentlich-Rechtlichen.

Bei den Zuschauern erreichten beide Shows nicht das gewohnte ESC-Niveau – bei der ARD-Variante schalteten im Schnitt 3,18 Millionen Menschen ein, ProSieben hatte 2,57 Millionen Zuschauer. Der reguläre ESC kam im vergangenen Jahr auf 7,56 Millionen Zuschauer bei der ARD-Übertragung aus Tel Aviv. Beide Shows kamen zudem nicht an den parallel laufenden ZDF-Krimi heran: „Herr und Frau Bull“ dominierten den Abend mit 5,48 Millionen Zuschauern.

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