Wie Sömmerda zum bedeutenden Industriestandort wurde

Sömmerda  Ausstellung zeigt zum Thüringentag vom 28. bis 30. Juni im Volkshaus der Kreisstadt die von politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen geprägte Industriegeschichte

Eine Stechuhr wie diese aus den 1930er-Jahren gab es in jedem Betriebsteil des Werkes und auf jeder Etage. Marcus Bals demonstriert die Funktion.

Eine Stechuhr wie diese aus den 1930er-Jahren gab es in jedem Betriebsteil des Werkes und auf jeder Etage. Marcus Bals demonstriert die Funktion.

Foto: Peter Hansen

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Wie viele Stunden sie saßen und an den Details der Ausstellung feilten, vermag niemand zu sagen. Zwar existierte die Exposition „200 Jahre Industriegeschichte in Sömmerda“ schon in ihren drei Teilen, sie wurden von 2016 bis 2018 jeweils im Rahmen der Regionalmesse SÖM präsentiert. Doch nun, da sie zum Thüringentag vom 28. bis 30. Juni im Sömmerdaer Volkshaus in einer Gesamtschau zu sehen sein werden, ist sie noch einmal in völlig neuer Qualität entstanden.

Kreisarchivar Thomas Hildebrand, Grafiker Heinz Wolf, Marcus Bals vom Landratsamt, Sigmar Radestock von der „Montagstruppe“ im Schaudepot und Ulf Molzahn, Leiter von Archiv und Museen der Stadt Sömmerda, treffen im Schaudepot die letzten Feinabsprachen. Sind die an den Tafeln vorgenommenen Änderungen okay? Welcher Entwurf des Werbebanners, das über die Straße gespannt auf die Ausstellung hinweisen soll, findet den größten Zuspruch? Verlief der Beleuchtungstest zufriedenstellend? Ist der Transport, der Aufbau, die personelle Absicherung der Schau geregelt?

Mit einer Fülle an Informationen und Anschauungsstücken zeigt die Ausstellung, die im Auftrag des Landkreises Sömmerda und der Stadt Sömmerda sowie mit finanzieller Unterstützung der Sparkasse Mittelthüringen entstand und für deren Gestaltung die Firma Wolf+Gäng verantwortlich ist, die einzigartige Entwicklung der Stadt zu einem bedeutenden Industriestandort auf.

Eingestimmt wird der Besucher schon im Foyer des Volkshauses. Drei Installationen stellen die Etappen vor, in die sich die Ausstellung gliedert: Teil 1 – Von der Metallwaren- zur Gewehrfabrik. Die Jahre 1816-1900; Teil 2 – Von der Fabrik zum Rüstungskonzern. Die Rheinmetall in Sömmerda von 1901 bis 1945 und Teil 3 – Vom sozialistischen Großbetrieb zur Unternehmenslandschaft. 1945 bis heute.

In einer Vitrine ist das erste serienreife Zündnadelgewehr von Dreyse sowie ausgewählte Literatur zu sehen. Eine Fakturiermaschine, ein prämiertes Glanzstück, verweist auf den Ursprung der Büromaschinentechnik nach 1945. Und bevor es in den Saal geht, darf sich jeder seine Eintrittskarte an einer Stechuhr abstempeln – Dies jedoch eher symbolisch, denn der Eintritt zur Ausstellung ist frei.

Zu allen Etappen auch Aktionsflächen geplant

Im Saal sind die drei Zeitabschnitte farbig gekennzeichnet und die einzelnen Tafeln zur besseren Orientierung zudem nummeriert. Jeder Teil – das ist eine der Neuerungen – beginnt mit einer Einführungstafel. Und zu jeder Etappe gibt es neben Schautafeln und Technik auch eine Aktionsfläche.

Die intensive Arbeit an der Ausstellung schlägt sich im Teil 1 (1816-1900) unter anderem in einigen inhaltlichen Veränderungen nieder, basierend auf dem maßgeblich durch Frank Boblenz erarbeiteten Forschungsstand. Am Beginn der Industriegeschichte steht die wirtschaftliche Unternehmung von Nicolaus Dreyse und Friedrich Kronbiegel zur maschinellen Fertigung von Nägeln. Die Gründung des gemeinsamen Betriebes von Dreyse und Kronbiegel zieht sich über die Jahre 1816 bis 1817 hin. Der Betrieb hat zunächst zwei Standorte: Erfurt und Sömmerda. Erst im Oktober 1817 fällt die Entscheidung, ihn ganz nach Sömmerda zu verlegen.

Die Erfindungen Dreyses, zum Beispiel das Hinterlader-Gewehr mit Zündnadel und papierner Einheitspatrone, tragen die Entwicklung der Fabrik. Wie diese verläuft, spiegelt die Ausstellung wider. Wesentliche Inhalte stellte Ulf Molzahn unlängst bereits bei einem Wirtschaftsstammtisch im Sömmerdaer Volkshaus vor. So wird das Gewehr, 1828 patentiert, ab 1834 massenhaft für das preußische Militär in Sömmerda hergestellt. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt sich die Stadt zu einem herausragenden Standort der Rüstungsproduktion.

Zu sehen ist in der Ausstellung auch eine hochrangige Waffensammlung zweier Privatleute. Gerhard und Thomas Peters werden während des Thüringentages im Volkshaus die Funktionsweise der Waffen erläutern.

Das Ende der preußischen Rüstungsaufträge 1871 setzt in Sömmerda eine Zäsur, so Molzahn. Die vormals Dreysischen Betriebe werden in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, die sich damit neuen Geschäftsfeldern der jungen Rheinmetall in Düsseldorf erschließt. Rheinmetall beteiligt sich zunächst an der Produktion kompletter Munition und übernimmt das Unternehmen 1901 ganz.

Von dieser Entwicklung 1901 bis 1945 handelt Teil 2 der Ausstellung. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges fällt eine strategische Entscheidung: Rheinmetall fabriziert künftig auch Schreibmaschinen. Die Produktion läuft 1920 mit der Standardschreibmaschine Rheinmetall Modell 8 an.

Zwei Jahre später kommt die erste Rechenmaschine der Marke Rheinmetall auf den Markt. Ab 1926 gibt es elektrisch getriebene Halbautomaten. Einen Voll- oder Superautomaten präsentiert Rheinmetall 1930. Technik aus dieser Etappe wird ebenfalls in der Ausstellung gezeigt.

Rheinmetall produziert aber auch weiter Geschütze, Rohre, Zünder und Zündsysteme. Der Anteil militärischer Produkte am Gesamtumsatz liegt Mitte der 1920er-Jahre bei bis zu 74 Prozent, so Ulf Molzahn.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird Rheinmetall zur Waffenschmiede der deutschen Wehrmacht. In den Kriegsjahren kommen in der Produktion auch massenhaft Zwangsarbeiter zum Einsatz. Zugleich gibt es auch weiter zivile Produkte. Die Fakturiermaschine ist das Spitzenprodukt Sömmerdaer Bürotechnik.

Die Besetzung von Stadt und Werk durch amerikanische Truppen am 11. April 1945 markiert den Beginn des dritten Teils der Ausstellung – 1945 bis heute. Mitte 1945 wird die Produktion ziviler Güter auf Befehl der neuen sowjetischen Militäradministration wieder aufgenommen. Das Werk Sömmerda firmiert fortan unter dem Namen VEB Mechanik Büromaschinenwerk Rheinmetall Sömmerda.

In den folgenden Jahren wird die Produktpalette um Massenbedarfsartikel erweitert. Fotoapparate und Moped-Motoren laufen vom Band. Bestecke, Kinderroller und -fahrräder, Kuchen- und Waschmaschinen gehören zum Programm, wie anhand der Ausstellung nachzuvollziehen ist. An einer kleinen interaktiven Installation zum Thema Werbung und Arbeitswelt kann sich der Besucher durch historische Fotos klicken. Kittelschürze und Blaumann sind im Original tatsächlich greifbar.

Mit der Einführung der Lochkarten- und Lochstreifentechnik vollzieht sich der nächste Schritt in Entwicklung und Produktion im Werk. Schreibautomaten, elektronische Tischrechner und Abrechnungsautomaten werden entwickelt. Als Stammbetrieb im Kombinat Zentronik wird im BWS Ende der 1960er-Jahre eine neue Produktlinie aufgebaut. Das BWS wird zum großen Druckerproduzenten.

Die Produktion einer ganz neuen Rechnergeneration sichert dem Büromaschinenwerk Sömmerda schließlich eine herausragende Bedeutung in der Volkswirtschaft der DDR: der PC 1715 von 1985.

Der volkseigene Betrieb wird 1990 in eine AG umgewandelt, aus dem Kombinat ausgegliedert und der Treuhand übertragen. Es folgen die stille Liquidation und Massenentlassungen zum Jahresende 1991.

Neben dem 1990 gegründeten Gemeinschaftsunternehmen mit Namen ARS (Aquarius Robotron Systems GmbH) gibt es später zahlreiche Nachfolgeunternehmen in Sömmerda. Etliche ehemalige Büromaschinenwerker gründeten neue Betriebe und agieren heute erfolgreich auf dem Weltmarkt.

Ausgewählte Betriebe werden, quasi als „Dreyses Erben“, auf der Terrasse des Volkshauses vorgestellt.

Öffnungszeiten Ausstellung: 28. Juni: 10 bis 18 Uhr 29. Juni: 10 bis 18 Uhr 30. Juni: 10 bis 14 Uhr

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