Tel Aviv. Seit Tagen wird eine israelische Bodenoffensive gegen die Hamas erwartet. Doch die Operation im Gazastreifen birgt fünf große Risiken.

Das israelische Militäraufgebot an der Grenze zum Gazastreifen ist gewaltig. Tausende Soldaten, Dutzende schwere Merkava-Panzer, Schützenpanzer und andere Fahrzeuge warten im Süden Israels auf den Befehl zum Einmarsch. Noch hat die große Bodenoffensive aber nicht begonnen. Es sind bislang nur Kommandotrupps in die Randbereiche des Gazastreifens eingedrungen.

Die militärische und politische Führung steht vor einem Dilemma. Israels Bevölkerung erwartet nach dem Massaker vom 7. Oktober, bei dem bis zu 1400 israelische Kinder, Frauen und Männer ermordet wurden, ein hartes, entschlossenes Vorgehen gegen die Hamas und den Islamischen Dschihad. Die israelische Regierung hat mehrfach angekündigt, die Strukturen der Terrororganisationen nachhaltig zu zerschlagen – nun wird sie an ihren Worten gemessen.

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Mit den Luftschlägen, die im dicht besiedelten Norden des Gazastreifens erhebliche Schäden angerichtet haben und denen bereits mehr als 3000 Palästinenser zum Opfer gefallen sein sollen, wird das Ziel der Zerschlagung der Hamas nicht erreicht werden können. Das haben schon die Erfahrungen aus dem Gaza-Krieg vor neun Jahren gezeigt. Die israelische Armee muss Bodentruppen einsetzen. Tut sie das nicht, würde das Israel als Schwäche ausgelegt werden. Jedoch gibt es erhebliche Risiken, die derzeit analysiert und durchkalkuliert werden.

Grund eins für die verspätete Offensive: die Geiseln

Bei der Terrorattacke am 7. Oktober haben die Kämpfer der Hamas und des Islamischen Dschihad über 200 Kinder, Frauen und Männer in den Gazastreifen verschleppt. Ihr genauer Aufenthaltsort ist unklar. Vermutet wird, dass sie in dem weitverzweigten Tunnelsystem unter dem Gazastreifen gefangen gehalten werden. Unter den Geiseln sind auch zahlreiche Menschen mit einer ausländischen Staatsangehörigkeit.

Zahlreiche Meschen bangen um das Leben der Geiseln, die von der Hamas verschleppt wurden.
Zahlreiche Meschen bangen um das Leben der Geiseln, die von der Hamas verschleppt wurden. © Getty Images | ALEXI J. ROSENFELD

Die Herkunftsländer der Entführten werden erheblichen Druck auf Israel ausüben und alles tun, um die Menschen lebend aus dem Gazastreifen herauszuholen. Es laufen derzeit Verhandlungen über die Freilassung der Geiseln. Einem Zeitungsbericht zufolge haben die USA Israel nahegelegt, mit der Bodenoffensive entsprechend abzuwarten. Die US-Regierung hoffe damit, mehr Zeit für Verhandlungen zur Freilassung Geiseln zu bekommen, berichtet die „New York Times“ unter Berufung auf US-Regierungsbeamte. Marschieren israelische Soldaten in den Gazastreifen ein, ist die Gefahr groß, dass die Geiselnehmer die Entführten ermorden.

Grund zwei für die verspätete Offensive: die Zivilisten

Israel fordert die Bewohnerinnen und Bewohner des Gazastreifens seit Tagen auf, aus dem Norden in den Süden zu flüchten, um sich vor der Bodenoffensive in Sicherheit zu bringen. Hunderttausende sind dieser Aufforderung bereits gefolgt. Es gibt aber Hinweise darauf, dass die Militanten im Gazastreifen viele Menschen an der Flucht hindern.

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Die Hamas und der Islamische Dschihad haben ihre Kommandozentralen und Raketenabschussrampen auch deswegen bewusst inmitten ziviler Infrastruktur errichtet. Sie nutzen Zivilisten als menschliche Schutzschilde. Sie wissen: Jeder tote Zivilist im Gazastreifen wird in der arabischen Welt als Indiz dafür gewertet, dass Israel einen Genozid am palästinensischen Volk plane oder vollziehe. Das steigert die Zustimmung für die Militanten. In Gaza halten sich außerdem Hunderte ausländische Staatsbürger auf, die derzeit nicht über die Grenze nach Ägypten hineingelassen werden.

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Grund drei für die verspätete Offensive: die Hisbollah

Eine Bodenoffensive wird lange dauern und blutig werden. Sie wird die Bilder produzieren, die Hamas und Islamischer Dschihad brauchen, um die arabische Straße für sich zu gewinnen. Es könnte eine erhebliche Eskalation des Konfliktes drohen. Im Norden Israels gibt es an der libanesischen Grenze seit dem 7. Oktober immer wieder Scharmützel mit der vom Iran gesteuerten schiitischen Hisbollah. Sollte sie sich entscheiden, in den Krieg zu ziehen, wird es gefährlich für Israel.

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Die Hisbollah ist in den vergangenen Jahren vom Iran erheblich aufgerüstet worden und hat bis zu 200.000 Raketen im Arsenal. Darunter sind Geschosse, die jedes Ziel in Israel erreichen können und Gefechtsköpfe mit einer halben Tonne Sprengstoff haben. Die Frage ist, wie entschieden die Rückendeckung der US-Amerikaner sein würde, die mit der USS „Dwight D. Eisenhower“ bereits den zweiten Flugzeugträger in die Region entsandt haben.

Grund vier für die verspätete Offensive: das Westjordanland

In den Palästinensergebieten östlich Israels brodelt es, insbesondere die jungen Menschen drängen auf einen militanten Aufstand. Die im Westjordanland herrschende und eigentlich mit der Hamas verfeindete Fatah könnte sich gezwungen sehen, einen solchen Aufstand zumindest zu dulden, wenn nicht zu unterstützen, um ihr ohnehin beschädigtes Ansehen im Volk nicht völlig zu ruinieren.

Seit dem 7. Oktober sind im Westjordanland nach Angaben der dortigen Gesundheitsbehörden bereits 64 Palästinenser bei Protesten getötet worden. Militärisch wären die Palästinenser im Westjordanland kein so ernst zu nehmender Gegner wie die Hisbollah. Gefährdet wären vor allem die rund 450.000 Israelis, die in den illegal errichteten Siedlungen leben.

Grund fünf für die verspätete Offensive: die Soldaten

Bei einer Bodenoffensive müssen sich die israelischen Streitkräfte auf intensive Häuserkämpfe einstellen, für die Hamas und Islamischer Dschihad seit Jahren trainiert haben. Bislang sind in dem Krieg nach Angaben der Streitkräfte 306 israelische Soldaten gefallen. Die Zahl würde bei einer Bodenoffensive wahrscheinlich drastisch steigen.