Jerusalem. 90 Prozent der Bevölkerung im Gazastreifen leiden laut UN-Welternährungsprogramm unter Hunger – darunter auch rund 50.000 Schwangere.

„Schlimmer kann es eigentlich nicht mehr werden“, sagt Arif Hussain, Chefökonom der Welternährungsprogramms (WFP). „Ich habe noch nie solche Ausmaße gesehen wie in Gaza.“

Zehn Wochen nach Beginn des Kriegs ist es längst nicht mehr nur eine kleine Minderheit der Menschen in Gaza, die akut Hunger leidet: Neunzig Prozent der Bevölkerung haben regelmäßig den ganzen Tag lang überhaupt nichts zu essen, berichtet das WFP. Besonders belastend ist das für Ältere, Kranke, aber auch für Babys, stillende Mütter und schwangere Frauen. Laut UN-Angaben gibt es derzeit rund 50.000 Schwangere in Gaza, jeden Tag müssen unter schwierigsten Bedingungen 180 Geburten versorgt werden.

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

Hinter den Kulissen der Politik - meinungsstark, exklusiv, relevant.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Der Grund für die Hungersnot: Seit dem Krieg liegt der Import an Waren nach Gaza flach, in den Geschäften gibt es nichts mehr zu kaufen. Bauern können ihre Felder nicht bewirtschaften, weil sie unter Beschuss sind. Fischer können nicht ausfahren, weil die israelische Marine die See blockiert hat. Der gesamte Bedarf an Nahrung muss daher durch Hilfslieferungen gedeckt werden, aber die Liefermengen liegen weit unter dem, was benötigt wird: Laut UN-Angaben können nur zehn Prozent des Nahrungsbedarfs verteilt werden. Von „katastrophalen Zuständen“ berichtet ein aktueller UN-Report.

Da es an Gaskanistern fehlt, um Reis zu kochen oder Mehl zu Fladen zu verarbeiten, greifen viele Menschen auf andere Brennstoffe zurück, oft auch Hausrat und Müll. Das führt wiederum zu einer erhöhten Rate an Atemwegserkrankungen. Da es kaum mehr sauberes Trinkwasser gibt, leiden vor allem Kinder unter Durchfall. In Kombination mit dem Nahrungsmangel drohe das für viele tödlich zu enden, warnen Hilfsorganisationen. Wer akute medizinische Hilfe braucht, bekommt sie oft nicht: Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind nur neun von 36 Krankenhäusern im Gazastreifen in Betrieb, wegen des schweren Beschusses sind sie aber oft nicht erreichbar.

Israels Präsident Herzog spricht von „totalem Versagen“ der Vereinten Nationen

Immerhin wurde zweieinhalb Monate nach Kriegsbeginn auch der israelische Grenzübergang Kerem Schalom für Hilfslieferungen geöffnet. Zuvor hatte Israel jede Abwicklung von Hilfslieferungen auf eigenem Territorium blockiert.

Menschen versammeln sich in einem Lager für vertriebene Palästinenser um Lehmöfen, um diese zu reservieren, um Essen zuzubereiten und Brot zu backen, da die Versorgung mit Strom, Wasser und Lebensmitteln sehr begrenzt ist.
Menschen versammeln sich in einem Lager für vertriebene Palästinenser um Lehmöfen, um diese zu reservieren, um Essen zuzubereiten und Brot zu backen, da die Versorgung mit Strom, Wasser und Lebensmitteln sehr begrenzt ist. © DPA Images | Mohammed Talatene

Israels Präsident Itzchak Herzog gibt indes den Vereinten Nationen die Schuld für die humanitäre Krise in Gaza. Herzog sprach von einem „totalen Versagen“ der UN. „Es wäre heute möglich, drei Mal so viel humanitäre Hilfe nach Gaza zu bringen, wenn die UNO ihren Job machen würde, anstatt den ganzen Tag zu jammern“, sagte Herzog in einem Treffen mit dem französischen Senatspräsidenten Gerard Larcher.

Die Vereinten Nationen weisen das zurück. Sie argumentieren, dass es angesichts des intensiven Artilleriebeschusses unmöglich sei, die volle Kapazität an Hilfe zu liefern.

Eine Resolution des UN-Sicherheitsrats forderte daher eine humanitäre Waffenpause, um mehr humanitäre Hilfe leisten zu können. Bisher hatten die USA eine solche Resolution blockiert. Am Freitag erklärte Washington aber, sich mit mehreren arabischen Staaten auf eine neue Version des Resolutionstextes geeinigt zu haben – und dass es nun grünes Licht für das Votum gibt. Der neue Text fordert keine „dringende Einstellung der Kämpfe“ mehr.

Von unseren Reportern in Israel