Astrid Rothe-Beinlich über Ende der DDR: Akten schützen als Akt der Zivilverteidigung

Erfurt.  Astrid Rothe-Beinlich hat als 15-Jährige in Erfurt als Angehörige der Bürgerwache das Vernichtungswerk der Stasi gestoppt.

Erfurterinnen und Erfurter besetzen am Morgen des 4. Dezember 1989 die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in der Andreasstraße. Astrid Rothe schließt sich als 15-Jährige damals der Bürgerwache an und schützt die Unterlagen vor der weiteren Vernichtung.)

Erfurterinnen und Erfurter besetzen am Morgen des 4. Dezember 1989 die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in der Andreasstraße. Astrid Rothe schließt sich als 15-Jährige damals der Bürgerwache an und schützt die Unterlagen vor der weiteren Vernichtung.)

Foto: Sascha Fromm

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Astrid Rothe-Beinlich ist 15 Jahre jung, als sie sich, für alle sichtbar, öffentlich zu engagieren beginnt. Sie gehört mit zu denen in Erfurt, die im Mai 1989 bei der Kommunalwahl Ergebnisse von den Auszählungen sammeln und so den großen Wählerbetrug nachweisen können. Sie, aus einem evangelischen Theologenhaushalt stammend, hat die Jugendweihe und die militärische Frühausbildung verweigert und soll deshalb nicht zum Abitur zugelassen werden. Für sie sowie ihre Eltern Aribert und Sigrid Rothe ist trotz aller Repressalien klar: Bleibe im Lande und wehre dich täglich. Ausreise oder Abhauen über Ungarn kommt für sie nicht infrage.

In der DDR wurde ihr der Weg zum Abitur verweigert

Vielleicht Verkäuferin in einer Bäckerei, sagt Astrid Rothe-Beinlich heute auf die Frage, was aus ihr in der DDR geworden wäre. Oder ewige Widerständlerin... Es kommt anders. Ganz anders, weil die SED-Diktatur sich selbst ins Aus manövriert und weil die Bürger friedlich revoltieren.

Die junge Frau hat bereits die Zivilverteidigung – also die militärische Frühausbildung, die die DDR Minderjährigen abverlangt – verweigert. Aus der FDJ, in die sie nach langem Ringen gegangen war, um die Sprachklasse besuchen zu können, tritt sie im Herbst wieder aus. Als der Mauerfall noch keinen Monat zurückliegt und über Erfurt dichter Rauch aus den Stasi-Schornsteinen aufsteigt, lässt sie an ihrer Schule wissen, dass nun der Schutz der Stasi-Unterlagen ihre selbstgewählte Aufgabe der Zivilverteidigung sei.

Heute vor 30 Jahren, als mutige Frauen vorangehen, um das Vernichten der Akten in der Erfurter Stasizentrale zu verhindern, stößt die Schülerin Astrid als zweitjüngste hinzu. Sie wird viele Stunden Wache schieben. Bürgerwache. Ihr Fernbleiben wird in der Schule akzeptiert: „In dieser verrückten Zeit war so etwas möglich“, sagt sie im Rückblick. Die friedliche Revolution hat für junge Menschen wie Astrid Rothe-Beinlich alles verändert. Plötzlich steht ihrer Generation die Welt offen.

Es gibt so viele Chancen: Auf dem Weg zum Abitur kann und darf ihr niemand mehr aus politischen Gründen Steine in den Weg legen. Sie kann studieren, was sie will. Sie geht in die Politik. Für die Bündnisgrünen gehört sie seit 2009 dem Landtag an und ist gerade wieder als Landtagsvizepräsidentin gewählt worden; diese Position hatte sie schon 2009 bis 2014 inne.

Ihr Elternhaus spielte eine große Rolle bei der Entwicklung hin zu einem sehr früh selbstständig und eigenverantwortlich agierenden Menschen, sagt Astrid Rothe-Beinlich. „Ich habe mich durch meine Eltern immer bestärkt gefühlt.“

Ausreise steht für dieFamilie nie zur Debatte

Vater Aribert Rothe ist damals Jugendpfarrer und Sprecher des ökologischen Netzwerkes Arche: „Unsere Eltern haben uns sehr frei erzogen – zu Menschen, die selbst denken“, sagt sie. Vater und Mutter stellen es bereits der 14-Jährigen frei, sich politisch zu engagieren. Da ist vom nahenden Ende der DDR noch nichts zu spüren – und die Gefahr, die solches Engagement mit sich bringen kann, ist allen Beteiligten bewusst. „Ich habe mich damals für die Umweltgruppe in der ‘Oase’ in den Räumen der evangelischen Jugendarbeit entschieden.“ In der Arbeitsgruppe Öffentlichkeitsarbeit produzieren und hektografieren sie beispielsweise Taschenkalender mit politischen Sprüchen und Umweltdaten. Erlaubt ist dergleichen öffentlich nicht, weswegen das Ganze getarnt wird mit dem Hinweis: „Nur zum innerkirchlichen Dienstgebrauch“.

Der jungen Astrid wird zu DDR-Zeiten in der Schule „übersteigertes Gerechtigkeitsempfinden“ attestiert: „Und das war nicht positiv gemeint“, sagt sie. Als über den Sommer 1989 Mitschüler gen Westen flüchten, sind sie im Herbst nur noch wenige in der Sprachenklasse. „Ich habe mich dann von manchen Lehrern nicht mehr unterrichten lassen“, erinnert sie sich. Der Staatsbürgerkundelehrer, findet sie, hat ihr nichts mehr beizubringen. „Wenn man das heute sagt, merkt man noch mal ganz deutlich, was für eine Ausnahmesituation das damals gewesen ist“, so die Landtagsabgeordnete.

Dass sie als Jugendliche im Visier gewesen sein muss, ist klar. Zunächst heißt es aber in den Zeiten nach 1989/90: Für Minderjährige werden keine Akten angelegt, die tauchen nur in den Akten der Eltern auf. Es hat sich mittlerweile aber gezeigt, wie die SED-Diktatur dennoch ihre Verhinderungsstrategien aktenkundig macht. Herausgekommen ist dies eher zufällig, als nun ein Lehrer zum Jubiläum der Erfurter Heinrich-Mann-Schule forscht, um eine Chronik zu schreiben. Dabei stößt er auf Unterlagen aus dem Hauptstaatsarchiv Weimar; Akten, zu denen auch jene von Rat des Kreises und des Bezirkes gehören. „Feingliedrig dokumentiert“ seien da die Gespräche über sie, die den Vertretern der SED-Diktatur als „besonderes Vorkommnis“ gilt. All das, was da noch in den Archiven schlummert – beispielsweise über die sogenannten Massenorganisationen – ist noch nicht erforscht. Alles in allem dürften sich diese Bestände in den neuen Ländern auf „einige Kilometer Länge“ ausdehnen, schätzt Rothe-Beinlich.

Ehemaliger Lehrer hauptamtlich bei der Stasi

Zurück in den Herbst 1989: Astrids Mutter Sigrid ist im Bürgerkomitee aktiv – und beide Eltern sehen das Engagement der Tochter in der Bürgerwache zunächst mit einer gewissen Sorge. Heute kann die Mittvierzigerin gut verstehen, dass ihre Eltern damals darüber diskutieren, ob die Tochter „ein zu bisschen jung“ sei, um Aufgaben in der Bürgerwache zu übernehmen. Beim Blick zurück wird aber auch deutlich, wie krass sich die Verhältnisse von jetzt auf gleich verkehren. Als prägende Wochen und Monate hat Astrid Rothe-Beinlich diesen Herbst/Winter 1989/90 in Erinnerung. So trifft sie damals einen ehemaligen Lehrer wieder, der neben der Schule auch für die Stasi arbeitete. Sie habe das schon vorher geahnt. Nun kontrolliert auch sie seine Taschen, damit der Mann, der eben noch mächtig war, keine Unterlagen hinausschmuggeln kann. Sehr präsent ist auch noch der Hungerstreik damals: Dirk Adams, den Rothe-Beinlich seit Herbst 1989 kennt und der ihr Fraktionskollege ist, gehört damals – wie andere Freunde von ihr – zu denen, die mit der Verweigerung der Nahrungsaufnahme letztlich die dauerhafte Sicherung der Stasiunterlagen erzwingen.

Astrid aber wird die Teilnahme an diesem Protest verboten. „Hätten Minderjährige wie ich teilgenommen, wäre die ganze Aktion gefährdet gewesen“, erklärt sie – und schiebt nach, dass sie das damals „auch eingesehen“ habe.

Vom Mauerfall über die Stasi-Besetzung, die ersten freien Wahlen, für die sie noch zu jung ist, über die Währungsunion bis zur Einheit vergehen gerade mal elf Monate. Für die nun 16-Jährige sieht es zunächst so aus, als werde eine Erneuerung der DDR aus eigener Kraft möglich. Doch als bei den Demonstrationen aus „Wir sind das Volk“ der Ruf „Wir sind ein Volk“ wird, entwickelt sich der Protest aus ihrer Sicht in die falsche Richtung. „Da war ich raus“, sagt sie – und erinnert sich mit Schaudern an das plötzliche Auftauchen großer Deutschlandfahnen, nagelneu aus dem Westen.

Nicht die Fahnen, aus denen manche DDR-Bürger den Ährenkranz schneiden… Mit dem 3. Oktober als Feiertag, der an die Vereinigung 1990 erinnert, fremdelt Rothe-Beinlich bis heute. Ja, sagt sie, es hätte sein können, dass der dritte Weg keine Chance gehabt hätte. Aber dass der Versuch noch nicht einmal unternommen wird…

Aus den Monaten, als politisch Engagierte hierzulande versuchen, eine eigene Verfassung zu schreiben, hat sie den Slogan „Kein Anschluss unter dieser Nummer“ im Gedächtnis. Selbstaufgabe um den Preis des schnellen Vereinigung? Daraus resultiere heute ein Teil des Frustes vieler Menschen im Lande, die damals nicht anderswo ihr Glück suchen, sondern hierbleiben und sich bald übervorteilt fühlen.

Da sind sie wieder: die sprichwörtlichen Wendehälse

Schon seit einem Jahrzehnt unternimmt Astrid Rothe-Beinlich jeden Sommer mit 30 Aktiven Radtouren entlang der einstigen innerdeutschen Grenze, die mittlerweile zum „Grünen Band“ geworden ist. Als sie in diesem Sommer vor der Brandenburgwahl AfD-Plakate mit dem Hinweis sieht, es solle mit der Stimme für diese Partei die Wende vollendet werden, fühlt sie sich sofort wieder an Egon Krenz erinnert, der damals keine friedliche Revolution sondern eine Wende will. Und sie denkt an die sprichwörtlichen Wendehälse. „Ich gehöre ja zu denen, die schon seit 30 Jahren ausgesprochen allergisch auf den Wende-Begriff reagieren“, sagt sie. Und dann zitiert sie dieses Gedicht von Heinrich Heine: „Die über Nacht sich umgestellt, zu jedem Staate sich bekennen, das sind die Praktiker der Welt; man kann sie auch Halunken nennen.“ Rothe-Beinlich brandmarkt das Vorgehen der AfD: Die Thüringer übernehmen von den Brandenburgern den Slogan. Das sei eine schäbige „Form, ihre unerträgliche und missbräuchliche Geschichtsklitterung an alle Masten zu hängen“, sagt sie. Gut also, dass sich im Sommer ehemalige Bürgerrechtler in einem offenen Brief dagegen verwahren. „Es ist unerträglich, wenn die AfD suggeriert, die friedliche Revolution sei nicht zu Ende gebracht worden. Das stimmt einfach nicht.“

Rothe-Beinlich sagt, dass die Menschen 1989 für Pressefreiheit, Reisefreiheit, Meinungsfreiheit auf die Straßen gingen. „Wenn ich mir anschaue, was die AfD will, hat das sehr wenig mit dem zu tun, was uns 1989 angetrieben hat. Das AfD-seitig für sich zu reklamieren, ist wahnsinnig dreist und unverschämt, aber auch ein geschickter Schachzug im Jahr 30 nach der friedlichen Revolution“, sagt die Politikerin – und verweist darauf, „wie wenig Wissen an Schulen in Ost und West heute über diese Zeit vermittelt wird“.

Drei Tage vor Weihnachten 1989 wird Astrid 16. Sie hält Wache im Stasigebäude – und lernt viel für ihr eigenständiges Leben, das nun in ganz anderen Bahnen verlaufen kann. Diejenigen, die in der DDR über Biografien bestimmen, haben nichts mehr zu sagen. Vorerst jedenfalls...

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