Corona-Pandemie

Drama um mutiertes Coronavirus: Briten "im Auge des Sturms"

| Lesedauer: 7 Minuten

London.  Angesicht der Verdreifachung der Infektionszahlen ändern die Briten die Impfstrategie. Das könnte den Impfschutz an sich gefährden.

Aus London mehren sich die Berichte von überfüllten Ambulanzen.

Aus London mehren sich die Berichte von überfüllten Ambulanzen.

Foto: Yui Mok / dpa

  • Großbritannien kämpft mit immer stärker steigenden Infektionszahlen des Coronavirus
  • Grund dafür ist offenbar auch eine besondere mutierte Form, die deutlich ansteckender sein soll
  • Mediziner warnen, dass eine Katastrophe drohe

Die zweite Corona-Welle hat Großbritannien mit aller Wucht getroffen. Fast täglich werden bei den Infektionszahlen Höchstwerte verzeichnet, viele Krankenhäuser sind überfüllt.

Am Sonnabend meldeten die Behörden mehr als 57.000 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden, ein neuer Höchstwert. Fast 24.000 Menschen liegen im Krankenhaus – auch das ist ein Rekord. Bislang sind fast 75.000 Menschen an Covid-19 gestorben.

Die Lage könnte laut Gesundheitsmitarbeitern eskalieren. Ärzte und Pfleger warnen, dass der Gesundheitsdienst NHS in den kommenden Tagen überfordert sein könnte. Der Vorsitzende des NHS in England, Simon Stevens, sagte, seine Mitarbeiter seien „erneut im Auge des Sturms“.

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Neue Coronavirus-Variante trotzt auch dem Lockdown

Ein medizinischer Berater der Regierung warnte, dass Großbritannien „eine sehr gefährliche neue Phase der Pandemie betritt"; ohne weitere Maßnahmen zur Eindämmung des Virus drohe eine „Katastrophe“. Verantwortlich für das Ausmaß der Krise ist die neue Mutation des Coronavirus, die deutlich ansteckender ist als das ursprüngliche Virus.

„Es gibt einen riesigen Unterschied in Bezug auf die Geschwindigkeit, mit der sich die neue Virus-Variante ausbreitet“, erklärte Professor Axel Gandy vom Imperial College in London. Eine neue Studie seiner Universität hat ergeben, dass sich die Übertragung dieser Variante selbst während des Lockdowns im November verdreifachte. Die Verbreitung des ursprünglichen Virus konnte hingegen in dieser Zeit verlangsamt werden.

Warteschlangen vor Krankenhäusern, kein Platz für Patienten

Besonders schwer getroffen von der zweiten Welle ist der Südosten Englands, darunter London, die Grafschaften Essex und Kent. Mehrere Krankenhäuser in dieser Region haben ihre Kapazität bereits überschritten – es fehlt an Pflegerinnen und Pflegern, um sich um die steigende Zahl der Covid-Patienten zu kümmern.

Manche Patienten mussten in Krankenhäuser in anderen Regionen transportiert werden, weil es an Betten mangelte. Ein Notfallmediziner in London berichtete, dass sich vor den Ambulanzen an vielen Krankenhäusern Warteschlangen bilden; „die Patienten müssen oft stundenlang darauf warten, eingeliefert zu werden, weil es schlichtweg keinen Platz für sie gibt“. Er forderte die Regierung auf, einen Plan vorzulegen, wie die kommenden Wochen bewältigt werden sollen.

Ein anderer Londoner Sanitäter betonte, dass seine Mitarbeiter „unglaublich schwierige Entscheidungen treffen müssen, zu wem die Ambulanz zuerst geschickt wird, und wer noch länger warten muss“.

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Briten vollziehen Kehrtwende bei der Impfstrategie

Die Regierung reagierte auf den massiven Anstieg der Infektionen mit einer Kehrtwende bei der Impfstrategie. Anfangs sollten die zwei Dosen der zwei Vakzine, die bereits zugelassen sind, in einem Abstand von drei bis vier Wochen verabreicht werden. Aber angesichts des Corona-Dramas kündigten die Behörden kurz vor dem Jahreswechsel an, den Patienten die zweite Dosis der Vakzine erst nach rund drei Monaten zu spritzen.

Die medizinischen Chefbeamten Großbritanniens argumentieren, dass bereits die erste Dosis der Vakzine einen „erheblichen Schutz“ biete. Weil sich das Virus so schnell ausbreite, müsse die zweite Dosis mit Verzögerung verabreicht werden, damit genügend Leuten die erste Spritze erhalten können. Einige Virologen sehen diesen Strategiewechsel kritisch als pragmatischen Schritt. Andere hingegen befürchten, dass die Wirksamkeit der Vakzine beeinträchtigt werden könne.

Der amerikanische Pharmakonzern Pfizer, der zusammen mit dem deutschen Unternehmen Biontech den ersten zugelassenen Impfstoff entwickelt hat, teilte mit, dass sich die „Sicherheit und Wirksamkeit“ des Präparats auf die Verabreichung im Abstand von drei Wochen beziehe. Auch die europäische Arzneimittelbehörde EMA zeigte sich skeptisch. Der Nachweis der Wirksamkeit basiere auf einer Studie, bei der die Dosen im Abstand von 19 bis 42 Tagen gegeben wurden, so die EMA. Wären es sechs Monate, stünde dies nicht im Einklang mit den Bestimmungen.

Die Universität Oxford und der britisch-schwedische Pharmariese Astrazeneca sehen dagegen keine Nachteile durch die zeitliche Streckung. Begründung: Bereits die erste Impfdosis sorge für vollen Schutz. Die zweite Dosis habe lediglich den Effekt, die Dauer der Immunität zu verlängern. In Tests boten die von der Universität Oxford und Astrazeneca entwickelten Vakzine rund 70 Prozent Schutz, jene von Biontech 95 Prozent.

Johnson wegen Corona-Politik in der Kritik

Aber auch jenseits der Kontroverse um das Impf-Programm steht Premierminister Boris Johnson in der Kritik. Der Vorwurf: Er habe zu lang gezögert. Im Lauf der Pandemie kreideten Epidemiologen der Regierung an, sie habe das öffentliche Leben zu spät eingeschränkt, dann die Lockerungen zu früh erlaubt.

Diese Fehler drohten sich jetzt zu wiederholen. Zwar führte Johnson kurz vor den Weihnachtsferien schärfere Regeln ein. Aber offensichtlich reichen sie nicht, um die zweite Welle massiv einzudämmen. Viele Politiker fordern einen landesweiten Shutdown. Premier Johnson wiegelt ab. Mit Blick auf die Eskalation der Pandemie sagte er am Sonntagmorgen, dass schärfere Einschränkungen bald zu erwarten seien. „Es wird holprig werden“, meinte er. Dennoch stellte er sich gegen die Forderung von Lehrern, die Öffnung der Schulen um zwei Wochen zu verzögern.

Deren Gewerkschaft hatte alle Mitglieder aufgefordert, an diesem Montag den Schulen fernzubleiben, weil sie sonst ihre eigene Sicherheit gefährden würden. Der Verband der Rektoren ging noch weiter. Er strengte ein Gerichtsverfahren gegen das Bildungsministerium an, um die Öffnung der Schulen zu verhindern.

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