Die 10 größten Politskandale in Thüringen (7): Ein tödlicher Skiunfall und seine Folgen

Wie im Jahr 2009 aus einer Tragödie ein nie gekannter Machtkampf in Thüringen wurde.

Der Unfallort: Die Riesner-Alm in Österreich im Januar 2009.

Der Unfallort: Die Riesner-Alm in Österreich im Januar 2009.

Foto: Kai Mudra

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Am 1. Januar des Jahres 2009 fährt Dieter Althaus Ski in der österreichischen Steiermark. Er hat die Nacht zuvor ins neue Jahr hinein gefeiert, doch in seinem Blut befindet sich kein Alkohol. Es ist Nachmittag auf der Riesner-Alm, das Wetter ist stabil, die Piste leer.

Ein Gutachten der Staatsanwaltschaft Leoben rekonstruiert später das Geschehen. Um 14.43 Uhr biegt Althaus mit 40 Kilometern pro Stunde von der Piste „Die Sonnige“ in die „Panorama“-Abfahrt ein, umkurvt ein Absperrnetz und fährt bergauf. Dort kollidiert er mit Beata Christandl, die mit etwa zehn Kilometer pro Stunde die Abfahrt herunterfährt.

Die 41-jährige Sportlehrerin stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. Althaus, der im Unterschied zu der Frau einen Ski-Helm trug, erleidet ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und eine Hirnblutung. Die Ärzte versetzen ihn in ein künstliches Koma.

Mit jenem Neujahrstag beginnt die schwerste politische Krise in der jüngeren Geschichte Thüringens. Eine tote Frau, derweil der vielleicht dafür verantwortliche Ministerpräsident schwer verletzt im Koma liegt: Dies ist nicht nur eine Tragödie für die Opfer und deren Angehörigen. Dies ist ein Skandal, der die Landespolitik verändert.

Tatsächlich werden in den nächsten Monaten Entscheidungen getroffen, die aus einem tödlichen Skiunfall ein politisches Desaster entstehen lassen. Der unbedingte Wille von Dieter Althaus, seine Karriere fortzusetzen, verursacht massive Kollateralschäden für die noch allein regierende CDU.

Ein wegen fahrlässiger Tötung verurteilter Regierungschef lässt sich in Abwesenheit zum Spitzenkandidaten nominieren, um sich danach, ohne wirklich ausgeheilt zu sein, sich und seine Partei durch den Wahlkampf zu quälen: Das kann nur in der Niederlage enden.

Doch daran will am 1. Januar 2009 noch niemand denken. Erst einmal geht um das Leben von Dieter Althaus und um die Angehörigen der getöteten Frau.

Die stellvertretende Ministerpräsidentin von Thüringen, Birgit Diezel, erhält die Nachricht am späten Nachmittag, am Kaffeetisch in ihrem Bauernhof in Ostthüringen. Sie ist von diesem Moment an die kommissarische CDU-Landesvorsitzende und geschäftsführende Regierungschefin. Am nächsten Morgen steht sie übernächtigt vor der Staatskanzlei, redet von Bestürzung und Anteilnahme und davon, dass sie dem Mann der Verstorbenen kondoliert habe. Abgesehen davon aber, sagt sie, sei die Regierung handlungsfähig.

Doch in Regierung und CDU herrscht längst Ausnahmezustand. Niemand weiß, wann Althaus zurückkommt – und vor allem: wie. Parallel ermittelt die Staatsanwaltschaft in Leoben gegen ihn wegen fahrlässiger Tötung. Die Geschichte ist ein internationales Medienthema.

Am 3. Januar wird der Ministerpräsident im Krankenhaus im österreichischen Schwarzach aus dem Koma geholt. Danach lässt der Beschuldigte mitteilen, dass er keine Erinnerung an den Unfall besitze.

Am 9. Januar verlegt man Althaus per Hubschrauber ins Jenaer Universitätsklinikum – und danach in eine Reha-Klinik an den Bodensee. Als Anfang Februar sein Vater stirbt und der Patient zur Trauerfeier ins heimische Heilbad Heiligenstadt fährt, dreht die Medienmaschinerie voll auf. Leibwächter schützen den Ministerpräsidenten mit schwarzen Schirmen vor Blicken und Kameras.

Dieter Althaus sitzt in der ersten Reihe der Kirche, blass, krank, kaum ansprechbar. Ausgerechnet Althaus’ Bruder Bernd-Uwe spricht im Fernsehen aus, was viele in der Partei denken: Der Ministerpräsident sei „definitiv nicht der Alte“. Er rate ihm nicht zu einer Rückkehr ins Politikgeschäft.

Am 2. März erhebt die Staatsanwaltschaft in Leoben Anklage wegen fahrlässiger Tötung. Althaus verzichtet auf eine persönliche Vernehmung und erklärt schriftlich, dass er, obwohl er sich nicht erinnere, die Verantwortung für den Tod von Beata Christandl übernehme.

Bereits am nächsten Tag verurteilt das Bezirksgericht in Irdning den Ministerpräsidenten zu einer Geldstrafe von 33.300 Euro. Dies entspricht 180 Tagessätzen á 185 Euro, liegt also gerade noch unter dem Strafmaß, ab dem man in Österreich als vorbestraft gilt. Zusätzlich muss Althaus 5000 Euro Schmerzensgeld an den Witwer zahlen.

Am 5. März 2009, zwei Tage nach dem Blitzurteil, gibt Althaus die nächste Erklärung ab. Er stelle sich der Wiederwahl und kandiere auf dem CDU-Landesparteitag am 14. März in Waltershausen für Platz 1 der Landesliste. Doch zum Parteitag kann Althaus nicht erscheinen, weshalb die Nominierung in seiner Abwesenheit durchgezogen werden soll.

Am 14. März versammelt sich die Landespartei in Waltershausen. Diezel hält eine wacklige Rede und verliest eine Erklärung von Althaus, in der er mitteilt, dass er bereit sei, „dem Freistaat weiter zu dienen“. Die Situation in dem Saal ist bizarr. Althaus wird mit 94,6 Prozent als Spitzenkandidat nominiert. In einer SMS, die verlesen wird, bezeichnet er das Resultat als „Ansporn und Verpflichtung“.

Doch jetzt ist erst einmal Wahlkampf – und der Start misslingt gründlich. Kurz nach dem Parteitag beginnt in der Bild-Zeitung eine Interview-Serie mit Althaus. „Ich glaube, Schuld ist nicht die richtige Kategorie, um solch ein tragisches Unglück zu bewerten“, wird Althaus zitiert. „Ich fühle mich aber verantwortlich.“

Das, was als Klarstellung, als Beleg der Empathie gedacht ist, verkehrt sich ins Gegenteil. Nicht nur die regionalen Medien reagieren empört. Auch in der Landespartei beginnt es zu rumoren. Eine Umfrage, die im Mai erscheint, scheint Althaus‘ Optimismus Recht zu geben. Er kommt auf 40 Prozent Zustimmung – so wie die CDU. Dies wäre mehr als vor dem Unfall. Die SPD liegt bei 18 und die Linke bei 26 Prozent.

Finanziert hat die erste forsa-Umfrage das Internet-Portal „tolles-thueringen.de“, das von einem ehemaligen Bild-Redakteur gesteuert wird, hinter dem anonyme Investoren und Althaus‘ Staatssekretär Hermann Binkert stehen. Zwei Wochen vor der Landtagswahl erscheint ein Heft unter dem Titel „Tolles Thüringen“. In dem Blatt wird in einer Auflage von einer Million für Althaus und die CDU geworben.

Im Zentrum steht ein Interview mit Katharina Althaus, in dem sie sich zu dem Unfall, den Folgen und ihrer Anteilnahme für die Angehörigen des Opfers äußert. Doch der Coup ist zu durchsichtig, zumal sich der Witwer von Beata Christandl dagegen wehrt. Über seinen Anwalt spricht er von Vertrauensbruch und bezeichnet die Äußerungen als pietätlos.

Im gesamten Wahlkampf kann Althaus dem Unfall und seinen Folgen nicht entkommen. Stattdessen wir die PR-Offensive, die den Skandal des verurteilten Spitzenkandidaten eindämmen will, selbst zum Skandal.

Das Ergebnis der Landtagswahl am 30. August 2009 fällt entsprechend aus. Statt der erhofften 40 Prozent läuft die CDU bei 31,2 Prozent ein – fast 12 Prozent unter dem Resultat von 2004. Das Einzige, was für den Machterhalt der Union spricht, ist das Versprechen der SPD, nicht unter Führung der Linken zu regieren, die mit gut 26 Prozent acht Prozent vor den Sozialdemokraten landet.

Was folgt, ist eine Kette von Ereignissen, die auch aus der zeitlichen Distanz immer noch bizarr erscheinen. Weil er sich von seiner eigenen Partei gemobbt fühlt, tritt Althaus, ohne sich mit jemandem abzusprechen, als CDU-Landeschef und Ministerpräsident zurück – obwohl ihn die Verfassung zum Weiterregieren verpflichtet, bis ein neues Kabinett vereidigt ist.

Sofort bricht ein Machtkampf zwischen dem CDU-Fraktionschef Mike Mohring auf der einen Seite und den Ministerinnen Birgit Diezel und Christine Lieberknecht auf der anderen Seite aus. Am Ende verbünden sich die beiden Frauen. Sogar die Rückkehr von Althaus in die Staatskanzlei kann nicht verhindern, dass Lieberknecht Parteichefin wird, während sich Diezel die Präsidentschaft im Landtag sichert.

Auch die Koalitionsverhandlungen mit der SPD, die auch von Linken und Grünen umworben wird, geraten zu einem politischen Krimi. Am Ende wird Lieberknecht im dritten Wahlgang zur Regierungschefin gewählt. Anfang 2010, der Unfall liegt ein gutes Jahr zurück, kündigte Althaus an, in die Wirtschaft zu wechseln. Bis heute ist er als Lobbyist des Autozulieferers Magna tätig.

Alle Beiträge der Reihe „Die 10 größten Politskandale in Thüringen“

In der vergangenen Woche lasen Sie, wie es 2002 zum Rücktritt von Innenminister Christian Köckert (CDU) kam. Die nächste Folge erzählt die immer noch nicht vollständig aufgearbeitete Geschichte des Behördenskandals um den rechtsterroristischen NSU.

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