Kommentar

Grüne müssen früher oder später raus aus ihrer Kuschelecke

Berlin.  In Bielefeld ist es verdächtig ruhig. Baerbock und Habeck werden bejubelt. Doch schon bald werden die Grünen Farbe bekennen müssen.

Auf dem Grünen-Parteitag wurden die Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck mit traumhaften Ergebnissen belohnt.

Auf dem Grünen-Parteitag wurden die Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck mit traumhaften Ergebnissen belohnt.

Foto: LEON KUEGELER / Reuters

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Fast 100 Prozent. Heißt die Grünen-Chefin jetzt Annalena Baerbock-Schulz? Noch nie in 25 Jahren hat die Ökopartei einer Vorsitzenden ein so phänomenales Ergebnis bereitet. Auch über 90 Prozent für Robert Habeck sind nicht von schlechten Eltern, können aber schnell zur Last werden.

Die Grünen lieben ihre Doppelspitze. Dabei war ihnen Personenkult immer suspekt. Ebenso demonstrative Geschlossenheit. Das überließen die progressiven Weltverbesserer den Volksparteien CDU und SPD. Damit ist Schluss.

Auf dem Bielefelder Parteitag wurde nur in homoöpathischen Dosen über Enteignungen oder CO2-Preise gestritten. Ansonsten blieb es in Ostwestfalen, wo die Grünen 1999 unter Polizeischutz über Krieg und Frieden im Kosovo stritten und der damalige Außenminister Joschka Fischer mit einem Farbbeutel traktiert wurde, verdächtig ruhig.

Grünen-Erfolg kann schnell wieder abreißen

Man kann das langweilig finden. Oder schlau. Die SPD sucht seit einem halben Jahr Vorsitzende und schon viel länger nach alter Größe. Bei der CDU sieht es kaum besser aus. Warum sollten da die Grünen ihre vorhandenen inhaltlichen Schwächen auf offener Bühne zeigen?

Noch hält die Thermik die Klima-Klientelpartei auf der 20-Prozent-Umfragewolke. Aber die Erfolgsströmung kann schnell abreißen. Das war bei den Wahlen im Osten zu beobachten. In den Unistädten wurden sie bejubelt. Auf dem Land zeigte man den Grünen die kalte, rechte Schulter. Grünen-Chefs Baerbock und Habeck wiedergewählt

Grüne werden Spagat hinlegen müssen

Viele haben Angst vor rasanten Veränderungen. Oder können es sich schlicht nicht leisten, wenn Preise für Benzin, Diesel und Heizöl von heute auf morgen durch die Decke gehen. Wie die Grünen diesen Spagat hinbekommen wollen, darauf haben Baerbock und Habeck in Bielefeld keine überzeugenden Antworten gegeben.

Dass alles nur schlimmer und teurer wird, wenn Deutschland weiter so langsam Industrie und Gesellschaft umbaut und CO2-Ausstöße reduziert? Stimmt. Aber hält das einen Bauern, der es wagt, kein Öko anzubauen, davon ab AfD zu wählen? Nein.

Im Erfolg neigen die Grünen zur Selbstgefälligkeit

Habeck hat seine Partei aufgerufen, nicht zu „verhärten und zu verpanzern“. Offen für Kritik und andere Meinungen zu bleiben. Die Grünen neigen im Erfolg zur Selbstgefälligkeit. Das ging häufiger schief. Nach Fukushima träumten sie vom Kanzleramt. Dann flossen 2013 nach nur 8,4 Prozent die Tränen.

Baerbock und Habeck haben dieses Trauma aufgearbeitet, die Partei zusammengeführt. Dafür wurden sie nun mit traumhaften Ergebnissen belohnt. 2020 könnte grün werden. Im Februar wollen sie sich im SPD-Kaminzimmer Hamburg breitmachen. Im Herbst bei den NRW-Kommunalwahlen soll das Ruhrgebiet von rot auf grün lackiert werden. Ist 2021 das Kanzleramt dran? Abwarten.

Kompromisse werden Fans wie Fridays for Future enttäuschen

Strukturell ist Deutschland (noch) lange nicht grün genug. Im Wahlkampf müssen die Grünen raus aus ihrer Kuschelecke. Die pragmatische Doppelspitze der Grünen wird Fans wie Fridays for Future enttäuschen, unbequeme Kompromisse machen müssen.

Wen schicken die Grünen ins Rennen? Baerbock, weil sie in Bielefeld sieben Punkte mehr bekam als Habeck? Das ist überinterpretiert. Die Entscheidung fällt unter vier Augen. Die Partei wird folgen. Du oder ich?

Sehr, sehr viel spricht für Habeck. Er ist bekannter als sie. Er hat sechs Jahre Regierungserfahrung, sie keine. Seine Kinder sind aus dem Haus, ihre noch klein. Wenn Habeck brutto und netto nicht verwechselt, seine Rundfunkgebühren ordentlich überweist und auf Ferrari-Touren rund um Flensburg verzichtet, dürfte ihm die Kanzlerkandidatur kaum zu nehmen sein.

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