Ukraine-Krieg

Mehrere russische Oligarchen sterben – eine Mordkampagne?

Christian Unger
| Lesedauer: 6 Minuten
Erschossen im Pool gefunden: Oligarch Juri Woronow

Erschossen im Pool gefunden: Oligarch Juri Woronow

Foto: Yury Voronov/e2w

Berlin.  In den vergangenen Monaten des Ukraine-Krieges starben mehrere russische Oligarchen. Über eine Mordkampagne lässt sich nur spekulieren.

Die Hülsen der Patronen liegen noch auf dem Boden des Swimmingpools, als die Ermittler eintreffen, und die Pistole noch am Beckenrand. Der leblose Körper schwimmt auf dem Wasser, die Kugel trafen den Kopf. Das Haus mit dem Pool liegt in einem wohlhabenden Vorort von St. Petersburg. Der Tote ist Juri Woronow, russischer Oligarch, mit Verbindungen zum Staatskonzern Gazprom. Er führte das große Logistikunternehmen „Astra-Shipping“.

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Über die Tat und den Toten berichtet die britische Zeitung „Daily Mail“. Es heißt, dass russische Ermittler von einem Streit mit einem Geschäftspartner ausgehen. Woronows Frau soll ausgesagt haben, dass ihr Mann sich von „unehrenhaften“ Vertragspartnern „um eine Menge Geld“ betrogen sah. Überprüfen lassen sich diese Angaben nicht.

Doch etwas fällt auf: Seit einigen Monaten berichten russische Nachrichtenagenturen und letzte unabhängige Zeitungen von immer wieder tot aufgefundenen russischen Oligarchen. Im Februar: der 61 Jahre alte Alexander Tyulakow, Top-Manager bei Gazprom, entdeckt offenbar an einem Strick in der Garage seines Anwesens in Moskau. Offensichtlich ein Suizid – doch am Körper soll es Spuren von Schlägen gegeben haben.

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Im spanischen Lloret de Mar entdecken Ermittler den toten Sergej Protasenya

Leonid Shulman wird kurz davor tot im Badezimmer aufgefunden, Ermittler entdeckten Messereinstiche am Handgelenk. Shulman war Abteilungsleiter der Gazprom Investholding, verantwortete Investitionen in die Transportbranche. Im April tötete sich der frühere Kreml-Offizielle Wladislaw Awayew selbst – und zuvor Frau und Tochter. Awayew soll Verbindungen zum Finanzinstitut Gazprombank gehabt haben. Freunde sollen berichtet haben, dass Awayew die Tat aus Hass begangen haben soll, weil seine Frau ein Kind von seinem Fahrer erwartet habe.

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Im spanischen Touristen-Ort Lloret de Mar entdeckten Ermittler im April auch die Leiche von Sergej Protasenya. Er soll sich aufgehängt haben, auch Ehefrau und Tochter lagen tot am Tatort. Protasenya war lange Zeit Chef-Buchhalter beim russischen Ölgiganten Novatek. Und im Mai dann stirbt der Milliardär Alxander Subbotin, 43 Jahre alt. Er ist ein ehemaliger Manager beim Energieriesen Lukoil. Subbotin soll vor dem Tod bei einem Schamanen in Behandlung gewesen sein und Krötengift eingenommen haben.

Viele Details zu den Umständen der Taten lassen sich abseits der Medienberichte nicht unabhängig überprüfen. Doch es fällt auf, dass alle Oligarchen Verbindungen ins russische Energiegeschäft hatten. Alle wurden mit Öl und Gas reich. Nun sind sie tot – innerhalb weniger Monate.

Wer als Oligarch in Russland lebt, kann mit Rohstoffen viel Geld machen

Russlands Oligarchen sind bekannt für ihr Leben im Luxus, besitzen Yachten, Villen – und manche von ihnen ganze Profi-Fußballmannschaften. Doch mit dem völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine verhängten EU und USA scharfe Sanktionen: Sie treffen vor allem die Oligarchen hart, sollen russischen Einfluss durch Macht und Geld global beschneiden. Allein die deutschen Behörden beschlagnahmten hierzulande nach Informationen unserer Redaktion bis Ende Juni Vermögen im Wert von rund 4,39 Milliarden Euro. Grundlage sind die EU-Sanktionsverordnungen gegen Russland.

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Klar ist: Wer als Oligarch in Russland lebt, kann mit Rohstoffen viel Geld machen. Zwischen der Kreml-Elite um Putin und den reichen Managern gibt es ein informelles Abkommen: Wer sich nicht einmischt in die Politik, darf Geld machen. So beschreibt es die Journalistin Maria Pewtschich.

Schwindet die Loyalität zum Kreml, wird es gefährlich. Das prominente Beispiel ist: Michail Chodorkowski. Der Russe machte mit seinem Konzern Jukos Milliarden. Doch irgendwann wurde der Geschäftsmann politisch aktiv, agierte gegen Präsident Putin. Chodorkowski musste jahrelang in Haft, angeblich wegen Steuerbetrug. Heute lebt er im Exil in London – und kritisiert Russlands Angriff auf die Ukraine scharf.

Gerade jetzt, im Ukraine-Krieg, ist Putin offenbar zu allem entschlossen

Ähnlich erging es dem Oligarchen Lebedjew, der wie Chodorkowski in Haft landete. Der Milliardär und Geschäftsmann Boris Beresowski, einst eng mit Putin verbandelt, wurde von den Kreml-Machthabern ins Exil gedrängt. 2013 fand ihn ein Angestellter tot im Badezimmer seines englischen Anwesens. Erst hieß es, Beresowski habe sich erhängt. Doch bis heute kann die britische Rechtsmedizin die genaue Todesursache nicht ermitteln.

Gerade jetzt, im Ukraine-Krieg, ist Putin offenbar zu allem entschlossen. Und das gilt auch für Oligarchen, die sich gegen ihn stellen. Im März sprach Putin in einer Rede von „Landesverrätern“ – und ganz im Jargon des Diktators Stalin von der „Fünften Kolonne“, die es zu „reinigen“ gelte.

Es gibt keine Hinweise darauf, dass Auftraggeber eine Mordkampagne geplant hatten

Die Hetze wirkt. Der Milliardär und Bankengründer Oleg Tinkow verurteilte Putins Krieg in der Ukraine scharf. Nun gibt er in einem Interview an, er habe Bodyguards angestellt und sich an einem unbekannten Wohnort versteckt.

Nun sterben mehr als eine Handvoll Oligarchen innerhalb weniger Monate. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Auftraggeber eine Mordkampagne geplant hatten und diese als Suizide kaschierten. Verbindungen zum Kreml sind nicht zu erkennen. Das alles bleibt Spekulation – und da unabhängige Medien und eine unabhängige Justiz in Russland weitestgehend ausgeschaltet sind, bleibt viel Raum für Spekulationen.

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über Suizide oder Suizidversuche, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.