Klimaschutz

Warum sechs junge Menschen in den Hungerstreik treten

Carlotta Richter
| Lesedauer: 7 Minuten
Lina Eichler (l) und Mephisto stehen vor einem Camp in der Nähe des Reichstagsgebäudes. Sie befinden sich seit mehr als zwei Wochen im Hungerstreik für den Klimaschutz.

Lina Eichler (l) und Mephisto stehen vor einem Camp in der Nähe des Reichstagsgebäudes. Sie befinden sich seit mehr als zwei Wochen im Hungerstreik für den Klimaschutz.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Berlin.  So lange sie nicht mit den Kanzlerkandidaten reden, wollen sie nicht essen: 6 Klimaaktivisten hungern und stellen ein Ultimatum.

Die beiden Frauen liegen auf dem Rücken im Rasen vor dem Reichstag. Um sie herum stehen Zelte, hängen Plakate mit Aufschriften wie „Klimakrise tötet“ oder „Solidarisch die Klimakrise bekämpfen“. Zusammen mit vier weiteren jungen Erwachsenen befinden sich die beiden in einem unbefristeten Hungerstreik. Sie fordern ein Gespräch mit den Kanzlerkandidaten über die Zukunft des Planeten und auch über ihre eigene Zukunft, denn die sehen sie durch die Klimakrise unmittelbar bedroht.

Auf einer Tafel zeigt eine Strichliste an, wie lange sich die insgesamt sechs jungen Menschen schon im Hungerstreik befinden. 17 Tage sind es mittlerweile. Darüber steht „Hungerstreik der letzten Generation“. Lina Eichler und Mephisto, wie sie sich selber nennt, 18 und 19 Jahre alt, wirken erschöpft, beim Aufstehen muss ihnen eine der anwesenden Unterstützerinnen helfen, aber sie wirken auch entschlossen.

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„Wir sehen das hier als krasse, aber notwendige Maßnahme, weil das, was auf uns zukommt noch viel schlimmer sein wird, als das, was wir uns hier gerade selbst antun“, erklärt Lina. Die sechs Streikenden wollen erst wieder etwas essen, wenn ihre Forderungen erfüllt werden.

Streikende fordern ein Gespräch mit Baerbock, Laschet und Scholz

Dass das auch für ihre eigene Gesundheit schwere Folgen haben könnte, sei ihnen bewusst. Aber sie nehmen es in Kauf. „Natürlich werde ich psychisch und auch körperlich unter dem leiden, was hier passiert ist, aber ich will nicht hinterher sagen, dass ich es nicht versucht habe“, sagt Lina.

Außerdem ginge es bei der Aktion viel weniger darum, wie es den Streikenden persönlich gehe, sondern wie der Menschheit. Lina erklärt: „Ich sehe mich hier gerade nicht in einer Position, dass sich Sorgen um mich gemacht wird. Sondern, dass sich Sorgen darüber gemacht wird, was in Zukunft noch auf uns zukommt.“

Ihre Forderungen seien doch eigentlich ganz einfach, sagen die Aktivistinnen etwas niedergeschlagen. Mephisto erklärt: „Alles was wir fordern ist einfach nur eine Zustimmung, öffentlich mit uns zu reden. Hier sind sechs junge Menschen, die im Hungerstreik sind und wir wollen einfach nur mit ihnen reden.“

Sobald sich Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz zu einem Gespräch bereiterklären würden, würden die Streikenden sofort wieder etwas essen, sagen sie. Alles, was sie wollen sei ein öffentliches Gespräch.

„Wir haben keine Zeit mehr, wir müssen jetzt handeln“

Reden wollen die Streikenden vor allem über das, was jetzt getan werden muss, über die in den Wahlprogrammen der Parteien angekündigten Maßnahmen, die absolut nicht ausreichen würden, um den Klimakollaps abzuwenden. Denn das, was die Politik jetzt mache sei „ein Schlag ins Gesicht der jungen Generation“. Sie fordern außerdem einen Rat aus Bürgerinnen und Bürgern: Ein Gremium aus, durch unterschiedliche Verfahren bestimmten, Menschen, die Gesetzesvorschläge erarbeiten und der Politik unterbreiten sollen.

Es bräuchte nun schnelle Handlungen der Politik, fordern die Streikenden. „Wir haben keine Zeit mehr, wir müssen jetzt handeln“, verlangt auch Mephisto. „Der neue Kanzler oder die neue Kanzlerin können direkt darüber entscheiden, was wir für eine Zukunft auf diesem Planeten haben.“

Aktivistinnen sehen Hungerstreik als letztes Mittel

Eigentlich müssten die beiden jungen Frauen gerade lernen. Lina für ihr Abitur und Mephisto für die Vorbereitungsseminare ihres Studiums der Geophysik und Ozeanographie. Doch der Streik sei wichtiger. „Für eine Zukunft, die ich nicht haben werde, muss ich auch nicht lernen“, erläutert Lina pragmatisch.

Die beiden sind schon seit mehreren Jahren aktiv, unter anderem auch bei Extinction Rebellion – sie demonstrierten, blockierten Straßen, besetzten das Brandenburger Tor. „Und trotzdem ignorieren uns die Menschen in dem Gebäude da drüben immer noch weiter“, konstatiert Lina und nickt in Richtung des Reichstagsgebäudes. Der Hungerstreik sei das letzte Mittel, sagt sie, um „irgendwie noch Druck auszuüben und die Dramatik der Situation auch darzustellen“.

Mittlerweile spüren die beiden Aktivistinnen die Auswirkungen des Hungerstreikes deutlich, erzählen sie. „Umso weiter der Hungerstreik geht, umso schwächer werde ich“, erklärt Lina und Mephisto ergänzt: „Es ist einfach alles anstrengend. Ich habe totale Muskelschmerzen, alles tut weh und ich kann nicht richtig schlafen, weil ich die ganze Zeit so friere.“

Immer wieder seien bereits Streikenden in Ohnmacht gefallen. Wie lange sie noch durchhalten, wissen die beiden nicht. „Unsere gesundheitliche Situation spitzt sich zu, ich weiß nicht mal, ob wir es bis nächste Woche noch aushalten oder ob wir alle im Krankenhaus landen in den nächsten Tagen“, fügt Mephisto hinzu. Trotzdem hatten die Aktivisten und Aktivistinnen ihren Streik am Montag noch verschärft – seitdem verzichten sie auch auf den Saft, den sie bisher noch jeden Tag getrunken hatten.

Am Dienstag wurde einer der Hungernden, der 27-Jährige Jacob, nach einem Kollaps in die Berliner Charité eingeliefert, kehrte allerdings noch am selben Tag zurück und will seinen Hungerstreik nun fortsetzen.

Streikende legen selbstständig Gesprächstermin fest

Wie es nun weitergeht ist unklar. In dem durch die Grünen übermittelten Appell von Armin Laschet, Olaf Scholz und Annalena Baerbock heißt es: „Sie bringen sich selbst damit in Gefahr und motivieren womöglich auch andere junge Menschen zum Nachahmen.“ Die Politiker befinden sich in einer Zwickmühle – sie können die Streikenden nicht ignorieren, wollen allerdings auch keinen Präzedenzfall schaffen, der möglicherweise weitere Menschen dazu animieren könnte, eine solche Protestform zu wählen.

Das bestätigt auch die Direktorin der Akademie für politische Bildung, Ursula Münch. „Jetzt auf diese Erpressung einzugehen halte ich tatsächlich für extrem schwierig. Es völlig abzulehnen ist aber auch nicht möglich.“ Soweit hätte es ihrer Meinung nach gar nicht kommen dürfen.

Streikende legen eigenen Termin für Treffen fest

„Wenn man sich vorstellt, dass jetzt jede Interessensgruppe in Deutschland solche Aktionen anfängt, dann kommt man in ein ganz schwieriges Fahrwasser,“ erläutert sie. Trotzdem müssten Baerbock, Laschet und Scholz zumindest ein Stück weit auf die Streikenden eingehen, könnten die Forderungen jedoch nicht ohne weiteres akzeptieren. Eine Möglichkeit dafür sieht sie beispielsweise beim kommenden Triell.

Ob die Streikenden auf einen solchen Kompromiss eingehen würden, ist unklar. In einer Pressekonferenz am Mittwoch teilten sie mit: „Wir können nicht länger warten. Sowohl die Dringlichkeit der Klimakrise als auch der Gesundheitszustand der Hungernden duldet keinen Aufschub mehr.“ Aus diesem Grund haben die Streikenden nun einen Termin für das Gespräch mit den Kanzlerkandidaten und der Kandidatin festgelegt. Am 23. September, drei Tage vor der Wahl, wollen sie um 19 Uhr auf Baerbock, Laschet und Scholz warten. Eine Zusage könnte den Streik sofort beenden.

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