Robert Förstemann ist „Mister Oberschenkel“

Berlin.  Unsere Olympioniken: Robert Förstemann weiß was es heißt, Verantwortung zu tragen und als Team zu arbeiten

Robert Förstemann und Kai Kruse bei ihrer WM-Premiere im 1000 Meter Zeitfahren auf dem Tandem.

Robert Förstemann und Kai Kruse bei ihrer WM-Premiere im 1000 Meter Zeitfahren auf dem Tandem.

Foto: Oliver Kremer / sports.pixolli.com

Da kam doch einiges zusammen. Robert Förstemann war selbst überrascht, als er für seinen neuen Manager Robert Harting eine Mappe zusammenstellte und seine Erfolge auflistete.

„Das waren vier Seiten.“ Robert Förstemann, Greizer, hat viel erreicht als Bahnradsprinter, war Welt- und Europameister, Weltrekordler und hält noch immer einige Bahnrekorde – seine Oberschenkel mit einem Umfang von 73 Zentimetern machten ihn nur noch bekannter, brachten ihm den Namen „Mister Oberschenkel“ ein.

Was dem gebürtigen Greizer fehlt, ist der Olympiasieg. In Peking 2008 schaute er als Ersatzmann zu, vier Jahre später flog er wieder als vierter Mann nach London. Die Tagesform, ein paar Hundertstel oder eine Entscheidung der Trainer – es hatte viele Gründe, warum Robert Förstemann bei Olympia drei Mal in Folge Teamsprint-Ersatzmann war, obwohl er auf allen drei Positionen Weltspitze verkörperte. Und als sich Stefan Nimke 2012 in London verletzte, rückte er ins Team und fuhr mit René Enders und Maximilian Levy zu Bronze.

Sicher sei nicht alles rund gelaufen. „Wir hatten kaum zusammen trainiert. Ich musste aus der Kalten in den Wettkampf. Von den Beinen her, waren wir überlegen, doch wir sind als Team nicht zusammen gewachsen“, sagt er in der Rückblende. „Bei den Olympischen Spielen dabei zu sein, war eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte“, sagt der 34-Jährige. Für ihn glänzt Bronze wie Gold, die Medaille hat einen Ehrenplatz bei ihm. Kommt er abends heim, dann erinnert kaum etwas daran, dass am Rande von Berlin ein Top-Sportler mit seiner Familie wohnt.

Die meisten Medaillen sind in Gera

„Die meisten Medaillen, Pokale und Trikots habe ich bei meinen Eltern in Gera“, sagt er, „sie haben mich viele Jahre begleitet, waren immer für mich da, haben mich in den Sport reingebracht.“

An seine ersten Runden auf der Geraer Rennbahn wird er sich wohl immer erinnern. Es war der 11. September 2001. Bevor er zur Radrennbahn aufbrach, sah er noch in den Nachrichten das brennende World Trade Center, doch beim Training sprach keiner davon.

„Ich hab meine Runden gedreht. Schneller und schneller und hab gehofft, dass der Trainer mich mal lobt.“ Doch Wolf-Dieter Lampke war daran gelegen, dass alle Anfänger ohne Sturz über die Runden kamen. Respekt vor den hoch aufragenden Kurven habe er gehabt, keine Frage und wenn er das Gefühl der ersten Runden wieder erlangen möchte, „dann rase ich die Bahn einfach andersherum entlang. Da kommt die Neigung von der anderen Seite, dann ist es wie beim ersten Mal.“

Nach dem ersten Training kam er heim und die Großeltern aus Greiz waren zu Besuch und im Fernsehen liefen die Berichte vom Terroranschlag in New York. „Oma und Opa sind da, da muss es ernst sein. Ich dachte, jetzt ist der Weltkrieg ausgebrochen.“ Mit 15 war er ein Spätstarter im Radsport, doch es ging rasant voran. Vom Ehrgeiz gepackt, wollte er es Marcel Barth und Sascha Damrow, die damals die Vorfahrer waren, zeigen. Beim Straßentraining hielt er mit, bei den Sprints an den Ortseingängen hängt er alle ab. Der Sprinter war geboren. Schon 2004 wurde er in Los Angeles Teamsprint-Weltmeister der Junioren, ein Jahr später zählte er zur Bahn-Nationalmannschaft – 2010 der Weltmeistertitel.

Beim Weltcup in Mexiko fuhr er 2014 mit René Enders und Joachim Eilers in 41,871 Sekunden Weltrekord, die Zeit hatte sechs Jahre Bestand, wurde erst im Februar 2020 bei der WM in Berlin von den Niederländern (41,225 s) verbessert.

Immer wieder Rückschläge

Liest sich alles recht glatt. Doch Robert Förstemann hatte immer wieder mit Rückschlägen zu kämpfen, verletzte sich, stürzte schwer, als einmal der Lenker brach, oder der Reifen beim Topspeed aus der Felge rutschte. Er verlor fast einen Daumen, musste mehrfach unters Messer – stand immer wieder auf. Und immer im Hinterkopf die Worte seines Geraer Trainers Gerald Mortag.

„Als Leistungssportler bist du wie Don Quijote, du musst immer gegen Windmühlen kämpfen.“ Mit dem Unterschied, dass der Kampf des Sportlers nicht sinnlos ist, sondern von Erfolg gekrönt sein kann.

Und noch etwas haben ihm die Geraer mit auf den Weg gegeben: Vergiss nie, wo du herkommst. Robert Förstemann kommt immer wieder gern zum SSV Gera, ist Sportdirektor Bernd Herrmann dankbar für die jahrelange Unterstützung. Doch Erfolge allein sind nicht mehr alles für den Wahl-Berliner. Als er 2014 in Cali Teamsprint-Vizeweltmeister geworden war, habe er die Medaille gleich weiter gereicht, so enttäuscht sei er gewesen, so hoch die Ansprüche damals.

„Das würde ich heute nicht mehr machen“, sagt er, „ich sehe immer auch die Geschichte hinter der Medaille.“ Jetzt erst recht.

Wechsel in den Parasport

Zum 31. Dezember 2018 wechselte er zum Parasport, sitzt mit dem sehbehinderten Kai Kruse auf einem Tandem. „Fast 17 Jahre war ich als Einzelkämpfer unterwegs. „Jetzt sind wir zu zweit, ich trage die Verantwortung für Kai, dass er überall unfallfrei hinkommt und wir auf der Bahn schnell und sicher unterwegs sind.“ Als die Anfrage des Hamburgers kam, musste er zwar länger überlegen, entschied sich dann aber doch für den Wechsel vom olympischen in den Para-Sport. Dankbar ist Robert Förstemann der Bundespolizei und dem Bundesinnenministerium, die ihn weiter fördern und als Sportpolizist für das Training freistellen. „Das Vertrauen und diese Unterstützung möchte ich zurückzahlen – mit Erfolgen.“

Doch zunächst stand alles auf Anfang. Beim ersten WM-Start 2019 in Apeldoorn fuhr das paralympische Tandem Förstemann/Kruse auf Platz sieben. Förstemann war noch angeknackst vom Sturz beim Sechstagerennen in Bremen, als ihm bei 70 Stundenkilometern der Reifen wegflog. Als der Arzt ihm im Krankenhaus vorlas, was alles kaputt sei, „da hab‘ ich gedacht, er muss von einer anderen Person reden“. Robert Förstemann kämpfte sich zurück.

Er holte sich ein Jahr später in Bremen den Bahnrekord und wenig später im kanadischen Milton gelang Rang drei bei der Para-Weltmeisterschaft – das Ticket für die Paralympics in Tokio war dem Duo sicher. Corona hat den Beiden einen Strich durch die Rechnung gemacht, doch hat die Verschiebung der Spiele auch etwas Gutes. „Wir haben mehr Zeit, weiter professionell zu arbeiten, bekommen nach langem Kampf bald ein konkurrenzfähiges Tandem und mit Markus Wehner haben wir einen Trainer gefunden, der uns sicher weiter voranbringt.“

Doch Tokio im nächsten Sommer soll nicht Endstation sein. „Wir planen bis Paris 2024.“