Kampf um Land: Nach Übernahme beobachten Bauern Agrar-Milche Wittchendorf mit Sorge

Agrar-Milch Wittchendorf ist von einer niederländischen Milchbauernfamilie übernommen worden. Sie saniert die Anlage und will die bisherige Auslastung verbessern. Das beobachten Kleinbauern mit Sorge.


Marco Feustel - hier im Juni bei der Fütterung der damaligen Tiere - gehört zu den neuesten Mitarbeitern der Agrar-Milch in Wittchendorf. Bis Ende des Jahres will der neue Eigentümer 1700 Kühe auf dem Hof haben und die Mitarbeiterzahl auf 30 erhöhen.Foto: Marius Koity

Marco Feustel - hier im Juni bei der Fütterung der damaligen Tiere - gehört zu den neuesten Mitarbeitern der Agrar-Milch in Wittchendorf. Bis Ende des Jahres will der neue Eigentümer 1700 Kühe auf dem Hof haben und die Mitarbeiterzahl auf 30 erhöhen.Foto: Marius Koity

Foto: zgt

Wittchendorf. Die Agrar-Milch aus Wittchendorf ist zum 1. April von der niederländischen Milchbauernfamilie Wensink übernommen worden. Diese ist bereits dabei, die Anlage zu sanieren mit dem Ziel, in der Auslastung möglichst nahe an die zulässige Kapazität zu kommen. Das wiederum beobachten Wiedereinrichter und die Arbeits­gemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft (AbL) mit Sorge.

In den Ställen der Agrar-Milch ist anscheinend seit DDR-Zeiten nichts mehr gemacht"worden. Geschäftsführer Erik Wensink, der den Betrieb"gemeinsam mit seiner Frau"Mi­randa besitzt, will ihn "neu auf­bauen", wie er während eines Betriebsrundgangs er­klärte. Im Laufe dieses Monats sollen in"der geräumten Anlage eine neue Melkanlage und neue Fütterungstechnik installiert werden. Ab August kommen andere Tiere in den Ställe. "Ich kaufe neue Kühe, Fleckvieh, aus Bayern und aus Österreich", sagte Wensink. Bis zum Winter will er 1700 Rinder in Wittchendorf haben. Die Anlage ist zu DDR-Zeiten für bis zu 2000 Milch­kühe gebaut worden.

Für Landwirt Frank Neumann aus Dittersdorf bei Berga, Mitglied im mitteldeutschen AbL-Vorstand, sind Wensinks Pläne genauso eine Horror­vision wie für einige Wieder­einrichter aus Dörfern der Verwaltungsgemeinschaft Leubatal, die während eines Treffens mit der OTZ allerdings ihre Namen nicht sagen wollten. Denn um genug Futter für seinen Betrieb zu haben, muss Wensink alle Verpächter der Agrar-Milch bei der Stange halten. Wenn ihm das gelingt, können sich kleinere Höfe jedoch nicht mehr sinnvoll er­weitern, was man sich nach dem Aus­laufen des einen oder an­deren Pachtvertrages mit der Agrar-Milch erhofft hatte.

Das, was ich am liebsten mache, ist Kühe melken.

Erik Wensink

"Ich mache nichts Ver­botenes", betonte Wensink. Er bestätigte unumwunden Hinweise, dass er bis zu 410 Euro pro Hektar und Jahr biete - je länger die Laufzeit eines Pachtvertrages ist, desto einträglicher ist es für den Verpächter. "Ich habe nur den eigenen Ver­pächtern Angebote gemacht", sagt Wensink. Es geht um etwa 150 Eigentümer und etwa 700 Hektar Land. Angaben, wonach er anderen Landwirten die Verpächter abwerbe, wies Wensink als "Lüge" zurück.

Er kann auch nicht erkennen, was an der Höhe der Pachten falsch sein soll. "Ich finde, dass die Eigentümer zu wenig Geld bekommen haben", sagte Wensink. "Die Preise hier liegen unter dem Durchschnitt in Deutschland." Die Wieder­einrichter wiederum halten die Preise der Agrar-Milch für zu hoch für die"Region. Sie wären wohl bereit, höhere Pachten zu zahlen. Mit ihren meist dünnen Kapital­decken könnten sie aber niemals bis zu 410 Euro pro Hektar aufbringen. Gern würden die Wiedereinrichter auch wissen, woher der Holländer das Geld her nimmt.

Von der Bank, sagt Wensink, und die habe genau hingeschaut. "Aufregung gibt es nur, weil ich ein Ausländer bin", lautete sein Eindruck. "Der Betrieb stand zum Verkauf, es hätte ihn jeder kaufen können." Vor etwa einem Jahr habe er in Großsaara einen Milchviehbetrieb gekauft und dort seien die Leute froh ge­wesen, dass sich jemand kümmere. Dem hält Neumann die Bürgerinitiative entgegen, die sich in Großsaara gegen eine Biogasanlage im Zusammenhang mit Wensinks Milchviehbetrieb gebildet hat.

In Wittchendorf werde er keine Biogasanlage bauen, sagt der niederländische Tier­züchter. Es sei ihm klar ge­wesen, dass es einen "Kampf um Land" geben wird, fährt er fort. Aber dass eine "Kam­pagne" mit anonymen Postwurfsendungen gegen ihn gefahren werde, habe er nicht erwartet. Wensink wundert sich, dass es keinen interessiere, dass er mit seinen Investitionen - "ich hafte da"persönlich", sagte er - verloren gegangene Arbeits­plätze wieder schafft. Er habe die Agrar-Milch mit 15 Mitarbeitern übernommen, 30 sollen es bis Ende des Jahres werden.

Gegen Monopolisierung müssen wir uns wehren.

Frank Neumann

Genau diese "Agrar-Industrie" hält Neumann für den falschen Weg. "Wir brauchen kleinbäuerliche Strukturen, starke Familienbetriebe, weil nur diese die Vielfalt im länd­lichen Raum erhalten", sagt er. Seine Hoffnung und die der Wiedereinrichter ist, dass sich die Verpächter nicht von Geld blenden lassen und "Verantwortung übernehmen" weil: "Wenn‘s nur noch über‘s Geld geht, werden die Leute in ihren Dörfern bald nichts mehr zu melden haben." Neumann weiter: "Wenn das un­gebremst so weiter geht, wird der ländliche Raum eines Tages nur noch eine Metapher sein."

Neumann hat Verständnis dafür, dass Wieder­einrichter ihre Kritik an einigen Zuständen nicht mehr mit ihrem Namen verbinden wollen. Weil in der Landwirtschaft noch Strukturen wie zu DDR-Zeiten existieren würden, die vom Kapital übernommen worden seien.

Die Agrarpolitik überlässt Wensink anderen Leuten. Für ihn ist die Agrar-Milch eine rein berufliche Herausforderung, ein"Traum, den er sich erfüllen will. In einem Jahr - das Datum hat er schon im Kalender - werde er zum Tag der offenen Tür nach Wittchendorf einladen. Und er ist überzeugt, dass es seinen Gästen gefallen wird, was sie dann sehen werden.

Zu den Kommentaren