Als im vergangenen Jahr die Debatte über die Sicherheit deutscher Städte hochkochte, wurde nicht selten behauptet, dass „früher alles besser war“. Doch ein Blick nach Arnstadt in vergangene Zeiten beweist, dass sich hier das biblische Sprichwort bewahrheitet, nachdem „nichts Neues unter der Sonne“ geschieht.

Bach gerät in handgreiflichen Streit mit Chorschüler

Als der damals aufstrebende 20-jährige Organist Johann Sebastian Bach am 4. August 1705 spät nachts gemeinsam mit seiner Cousine Barbara Catharina Bach von einem Konzert auf Schloss Neideck nach Hause ging, passierte er den Arnstädter Markt. Nichtsahnend, lauerte ihm hier bereits ein verärgerter junger Mann auf, der Bach anhielt und ihn zur Rede stellte. Wieso er ihn neulich beleidigt habe, wolle er wissen? Der Organist erwiderte, dass er dies nicht getan hätte, doch der junge Mann bestand darauf, dass Bach ihn einen „Zippelfagottisten“ genannt und überhaupt schlecht über ihn gesprochen habe. Es folgten unerwartet einige Ohrfeigen für den Musiker, was dieser nicht auf sich sitzen ließ und den Angreifer packte. Zudem zog Bach seinen Degen, den er aus Anlass des Konzertes trug. Die Rauferei endete unblutig, allerdings nur weil herbeigeeilte Freunde Schlimmeres verhinderten. Wie sich herausstellte, war es ein etwas älterer Chorschüler Bachs, der den Organisten angriff, weil dieser ihm nur Mittelmäßigkeit bescheinigte.

Schüler sorgen für Ärger: Duelle, Trinken und nächtlicher Lärm

Nun könnte man meinen, dass dies ein Einzelfall war, doch weit gefehlt. Arnstadt war vom Ende des 17. Jahrhunderts bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts wahrlich ein heißes Pflaster, vor allem weil es des Öfteren Klagen über die Schüler des hiesigen Lyzeums (ein Vorläufer des heutigen Gymnasiums) gab. Wer also meint, dass nur die heutige Jugend durch vermeintliche Faulheit und mangelnden Respekt unangenehm auffällt, irrt sich. Vielmehr hieß es damals, die Arnstädter Schüler hätten einen „unbändigen, freien und ungehorsamen Sinn“. Auch hätten sie vor ihren Lehrern „keine Scheu“, würden ihnen vielmehr in „anstößiger Weise“ begegnen und sich in ihrer Gegenwart prügeln. Ein ernstliches Problem stellte auch die Tatsache dar, dass die Schüler damals zu jeder Zeit mit einem Degen bewaffnet waren. Ihre Freizeit würden die Jugendlichen und jungen Männer mit „Hasardspiel und Trinken“ verbringen und nachts mit „Schreien, Tournieren und Musik“ lärmend durch die Stadt ziehen.

Jugendliche sorgen für Unruhe und Angst in der kleinen Stadt

Häufig kam es zu Sachbeschädigungen, Schlägereien mit Handwerksburschen und Duellen auf Pistole oder Degen, die verboten waren. Ein beliebter Zeitvertreib war, obwohl ebenfalls verboten, das „Zechesitzen“, also das Biertrinken in den Arnstädter Schankwirtschaften. Selbst die Verbannung in das schuleigene Gefängnis (Karzer) verhinderte dies nicht. Am Ende musste die Obrigkeit entsetzt feststellen, dass durch das „Zechesitzen“ das „skandalöse Wesen mit großer Versäumnis und Verderben der Jugend überhand“ nähme.

Die Arnstädter Innenstadt war in der Nacht nicht sicher. Die Jugendlichen lungerten auf den Gassen herum, „verspotteten höhere Personen“ – mit dem Resultat, dass sich von den Arnstädtern „niemand gern abends“ in die Stadt „zu gehen getraute“! Die Lage besserte sich erst ab 1767, als eine allgemeine Schulpflicht, eine Umgestaltung des Unterrichts und die Anwendung neuer Erziehungsgrundsätze langsam ihre Wirkung entfalteten.