Im Herbst des Jahres 1808 treffen in Erfurt zwei bedeutende Männer das erste Mal aufeinander. Für den einen wird es ein maßgeblich prägender Augenblick werden, für den anderen bleibt es eine von vielen Audienzen.

Weite Teile Europas und des deutschen Raumes befanden sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter der Kontrolle Napoleon Bonapartes. Der Korse stand 1808 auf dem Höhepunkt seiner Macht und präsentierte sich als souveräner Heerführer und Herrscher. In dieser Rolle inszenierte er von Ende September bis Mitte Oktober 1808 in Erfurt den Fürstenkongress, nicht nur um die Allianz mit dem russischen Zaren Alexander zu bekräftigen, sondern auch, um sich die Huldigung zahlreicher weiterer Könige und Fürsten zu sichern.

Im Rahmen dieser durch etliche Theateraufführungen, Jagden und Konzerte ausgeschmückten Veranstaltung empfing Napoleon zahlreiche Personen in seiner Erfurter „Residenz“, der Kurmainzischen Statthalterei. Am 2. Oktober 1808, gegen 10 Uhr, erhielt Johann Wolfgang von Goethe Gelegenheit, den Korsen zu treffen. Über den Inhalt der Unterhaltung gibt es nur spärliche Angaben. Goethe fertigte erst 1824 eine Skizze an, die allerdings nicht alle Details preisgibt. Ergänzend kommen Aufzeichnungen des Sachsen-Weimarischen Kanzlers Friedrich von Müller und jene des französischen Staatsmanns Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord hinzu. Letzterer war ebenfalls bei der Audienz anwesend.

Demnach empfing Napoleon den Dichterfürsten frühstückend am Tisch und soll, so schilderte es Goethe, ihn mit den Worten „vous êtes un homme“ – „Sie sind ein Mann“, – begrüßt haben. Zunächst befragte er den Dichter nach seinem Alter. Als Goethe darauf antwortete, er sei 60, erwiderte der Korse, er habe sich „gut gehalten“. Der ebenfalls anwesende Pierre Antoine Bruno Daru, der Generalintendant der französischen Armee, lenkte das Gespräch auf Goethes Übersetzung von Voltaires „Mahomet“, wobei der Kaiser dieses Werk nicht schätzte und stattdessen auf den „Werther“ zu sprechen kam. Hier, so Goethe weiter, lobte Napoleon etliche Stellen als gelungen, kritisierte aber eine als „nicht naturgemäß“. Der Dichter erwiderte darauf, dass er sich gewisser Kunstgriffe bedienen müsse, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Um welche Stelle es sich handelte, verschwieg Goethe in seinen späteren Skizzen.

Nach einer guten Stunde, in der noch weitere Fragen, etwa über Goethes persönliche Verhältnisse, und eine Einladung nach Paris folgten, verließ der Dichter den Ort des Geschehens, maßgeblich beeindruckt von der Begegnung mit dem damals mächtigsten Mann Europas. Wenig später wurde ihm der Orden der französischen Ehrenlegion verliehen. Fortan sprach Goethe von „meinem Kaiser“ und bewunderte den Korsen über dessen Tod hinaus, wobei er ihn als einen Vertreter des Dämonischen und sogar, wie er 1828 sagte, als einen Halbgott sah. Für Napoleon hingegen schien die Begegnung mit dem Dichterfürsten nur eine von vielen gewesen zu sein.