Manchmal setze ich mich nachts in meine Kirche, zum Glück habe ich als Pfarrer einen Schlüssel. Ich suche mir dann einen Platz und lausche der Stille. Manchmal singe ich spontan ein Lied in das Kirchenschiff hinein. Manchmal zünde ich in der Dunkelheit eine Kerze an und spreche ein Gebet.
Manchmal aber beginnt meine stille nächtliche Kirche plötzlich zu leben. Ich schließe meine Augen, und auf einmal sehe ich tausend innere Bilder: Dann ist es Heiligabend, ich sehe aufgeregte Kinder, wie sie die Geschichte von Maria, Josef und dem Jesuskind spielen.
Feierliche Momente prägen kirchliche Zeremonien
Ich schließe die Augen, und ich sehe die Konfirmandinnen und Konfirmanden in ihren festlichen Kleidern und Anzügen stolz durch den Mittelgang einziehen.
Ich sehe den Bräutigam vor dem Altar, der seiner Braut den Ring ansteckt.
Ich sehe die Mutter, die ihren Sohn über das Taufbecken hält und sich Segen wünscht für sein Leben.
Ich sehe Männer und Frauen, die sich weinend um einen Sarg versammeln und im Schutz der Kirche Abschied nehmen von einem Menschen. Ich höre Chöre singen und Posaunen spielen einen Blues.
Kirchenwände bewahren die Geschichten der Menschen
Meine leere Kirche ist auch mitten in der Nacht voll! Voll von Lebensgeschichten, voll von erhebenden, voll von traurigen und tröstenden und heiligen Momenten. Hier sind Menschen zur Ruhe gekommen, hier haben sie gebetet, gesungen, sich gefreut oder einfach geschwiegen. Eine Kirche ist wie durchwaschen von all den Erfahrungen, die Menschen gemacht haben. Das Weinen, Lachen, Beten, Klagen und Hoffen von Jahrhunderten haftet geradezu an unseren alten Kirchenmauern.
Wann waren Sie eigentlich das letzte Mal in einer Kirche? Gehen Sie doch mal wieder in eine Kirche hinein. Kommen Sie zur Ruhe. Zünden Sie eine Kerze an. Oder sprechen Sie ein Gebet. Und hören Sie auf all die wunderbaren Geschichten, die Ihnen die uralten Mauern zu erzählen haben.


