Vor 200 Jahren kommt es in einem kleinen Ort in Ostthüringen zum Protest der Landbevölkerung, der schließlich in einem Blutbad endet, für das sich hinterher niemand verantwortlich zeigen wollte.

Eine Gedenktafel zeugt am Dorfplatz von Harra – südöstlich von Bad Lobenstein – von einer „Schlacht“, die sich „gegen Fürstenwillkür und Unterdrückung“ richtete und vermeintlich am 6. Oktober 1826 stattfand. Als sie 1980 im Geist des damaligen „Arbeiter- und Bauernstaates“ angebracht wurde, war offensichtlich nicht aufgefallen, dass das Ereignis eigentlich am 2. Oktober stattgefunden hatte.

Die Gegend um Lobenstein stand in jenem Jahr unter der Herrschaft von Heinrich LXXII. Reuß, seines Zeichens Fürst von Lobenstein-Ebersdorf und Gera. Der Fürst wollte in seiner Regierungszeit zahlreiche Reformen und Modernisierungsmaßnahmen durchführen. Heinrich LXXII. erließ die Verordnung, dass seine Bevölkerung bei der „Magdeburgischen Landes-Feuer-Sozietät“ eine Feuerversicherung abschließen sollte. Das war grundsätzlich fortschrittlich gedacht. Doch den reußischen Beamten gelang es nicht, der eigenen Bevölkerung die positiven Seiten einer solchen Versicherung zu vermitteln. Hinzu kamen teils äußerst hohe Versicherungsbeiträge, die die Ablehnung des Ganzen noch weiter steigerten. Schließlich wirkte die Drohung fatal, die Beiträge unter allen Umständen einzuziehen. Sogar die Pfändung von Haus und Hof wurde in Aussicht gestellt.

190. Jahrestag der Schlacht in Harra
Eine Tafel am Gebäude der ehemaligen Gaststätte Eintracht erinnert an die Bluttat.

Der Unmut der Landbevölkerung wuchs. Eine Versammlung von 30 Gemeindevorstehern aus dem gesamten Fürstentum wurde verboten und auch eine Petition wollte Heinrich LXXII. nicht entgegennehmen. Somit formierte sich Protest, vor allem als die Nachricht die Runde machte, die „Exekution“, also die Zwangseintreibung des Geldes, würde am 2. Oktober 1826 in Harra stattfinden.

An jenem Tag sammelten sich wohl mehrere Hundert Bauern im Ort. Ihnen gegenüber stand ein Zivilkommissar der Reußischen Regierung und rund 130 Soldaten, die zu dessen Schutz in den kleinen Ort geschickt worden waren. Seitens des Militärs versuchte man im Nachhinein, das Ereignis aufzubauschen, indem zum einen die Rede von 4000 bis 5000 Bauern war. Zum anderen hätten diese das Militär beleidigt und provoziert.

190. Jahrestag der Schlacht in Harra
Der Marktplatz in Harra heutzutage. Es ist der Platz, auf dem 1826 Bürger verwundet wurden oder sogar den Tod fanden, als Soldaten des Fürsten Reuß Heinrich des LXXII. in die protestierende Menge schossen.

Irgendwann fiel ein erster Schuss, der zunächst niemanden verletzte. In der unübersichtlichen und aufgeheizten Stimmung feuerten die Soldaten dann auf die anwesende Landbevölkerung und richteten damit ein Blutbad an. So starben in dieser „Schlacht“ 17 Menschen, darunter auch ein Kind.

Noch am Abend des 2. Oktober erschien Heinrich LXXII. in Harra und sagte zynisch: „Das kommt davon, wenn die Leute nicht folgen“, wobei er die Drohung von weiteren Militäraktionen hinzufügte, falls sich die Lage nicht beruhige. Das Ereignis sorgte für große Empörung über die Landesgrenzen hinaus. Auch wurde ein Untersuchungsausschuss im Deutschen Bund eingerichtet, der aber keine Ergebnisse brachte. Wie es also schlussendlich zu diesem Blutbad kam, blieb unklar.